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Europa

Evakuierungen aus Libyen laufen an

Nach Österreich bereiten jetzt auch Italien, Griechenland, Deutschland, die Türkei, die Niederlande, Ägypten und China Evakuierungen aus Libyen vor. EU-Vertreter sorgen sich, Gaddafi könnte westliche Geiseln nehmen.

Ein Demonstrant mit einem Anti-Gaddafi-Plakat (Foto: dapd)

Die Proteste zwingen Ausländer zur Flucht

Österreich war das erste EU-Land, das erfolgreich EU-Bürger aus Libyen evakuieren konnte. Am Montag (21.02.2011) brachte ein Flugzeug des Österreichischen Bundesheeres 62 Menschen aus Tripolis nach Malta. Ein Pressesprecher erklärte allerdings, dass vorübergehend Unklarheit darüber bestanden habe, ob das Flugzeug Libyen verlassen dürfte. So hätten die Behörden zunächst erklärt der Luftraum sei bis auf weiteres geschlossen. Dies hatte bei EU-Vertretern in Brüssel die Befürchtung genährt, Machthaber Muammar al Gaddafi könnte westliche Bürger als Geiseln nehmen, um sein politisches Überleben zu sichern. Später am Montag habe das Flugzeug jedoch Libyen verlassen dürfen.

Die fünf bulgarischen Krankenschwestern bei ihrer Freilassung aus Libyen (Foto: AP)

Endlich frei - Krankenschwestern waren acht Jahre lang Gaddafis Faustpfand

Angst vor Geiselnahmen

Bereits in der Vergangenheit hatte Gaddafi nicht davor zurückgeschreckt, Ausländer als politische Verhandlungsmasse im Land festzuhalten, um Zugeständnisse zu erpressen. So sperrte sein Regime von 1999 bis 2007 fünf bulgarische Krankenschwestern und einen palästinensischen Arzt unter dem Vorwurf ein, sie hätten absichtlich Kinder mit dem HIV-Virus infiziert, indem sie verseuchte Blutkonserven einsetzten. Die Krankenschwestern berichteten über Folter in der Haft.

Freigelassen wurden sie erst, nachdem mehrere EU-Staaten einen Hilfsfonds gegründet hatten, der den HIV-infizierten Kindern zugute kommen sollte. Die Freilassung war von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy vermittelt worden und fiel fast zeitgleich mit der Unterzeichnung einer Absichtserklärung zusammen, in der Frankreich Libyen Hilfe beim Bau eines Kernkraftwerkes und der Modernisierung des Zentralkrankenhauses in Bengasi zusicherte.

Die schweizerische Außenministerin Micheline Calmy-Rey und ihr libyscher Amtskollege Moussa Koussa bei den Verhandlungen zur Freilassung von zwei schweizer Geschäftsleuten (Foto: AP)

Der Fall Göldi -Gegenleistungen werden hinter den Kulissen verhandelt

Ähnlich war der Fall der schweizerischen Geschäftsleute Max Göldi und Rachid Hamdani. Die libyschen Behörden beschuldigten diese 2008 des Verstoßes gegen Visa- und Steuerbestimmungen und hielten sie im Lande fest. Kurz davor hatte die Genfer Polizei Gaddafis Sohn Hannibal unter dem Verdacht der Misshandlung von Hauspersonal vorübergehend festgenommen und damit eine diplomatische Krise ausgelöst.

EU-Staaten senden Flugzeuge

Am Dienstag (22.02.2011) planten weitere europäische Staaten, Bürger aus Libyen zu evakuieren. Italien bereitete die Entsendung einer C-130 Herkules Militärmaschine vor. Jedoch war unklar, ob das Flugzeug in der umkämpften Stadt Bengasi landen würde, wie ursprünglich geplant, oder nach Tripolis fliegen müsse. So erklärte der ägyptische Außenministers Ahmed Abul Gheit die Landebahnen in Bengasi seien zerstört. Auf dem Flughafen der Stadt seien keine Landungen möglich. Gheit riet ägyptischen Staatsbürgern, sie sollten keinesfalls versuchen, über die Straße nach Ägypten zu gelangen. Dies sei zu riskant. In Libyen leben etwa 1,5 Millionen Ägypter.

Menschen in ausgebrannten Gebäuden in Beghasi (Foto: AP)

Ausländische Geschäfte und Unternehmen wurden geplündert

Italiens Verteidigungsminister Ignazio La Russa plant, zunächst etwa 100 italienische Staatsbürger auszufliegen. Insgesamt lebten und arbeiteten bis zum Beginn der Unruhen etwa 1500 Italiener in Libyen. Zahlreiche von ihnen sind allerdings bereits in den vergangenen Tagen mit regulären Linienflugzeugen und Sonderflügen der Fluglinie Alitalia abgereist. La Russa erklärte während eines Besuchs in Dubai, dass er auch den Einsatz der italienischen Armee für den Fall vorbereite, dass viele libysche Flüchtlinge Italien erreichen sollten.

Deutschland schickte eine Sondermaschine der Lufthansa und zwei Transall-Maschinen der Luftwaffe nach Tripolis, um Menschen zu evakuieren. Diese sollen noch am Dienstag Libyen mit deutschen Staatsbürgern verlassen. Alleine die Firma Siemens beschäftigt in Libyen nach eigenen Aussagen etwa 100 Deutsche. Insgesamt lebten vor den Unruhen etwa 500 Deutsche in Libyen, davon 50 in Bengasi.

Frankreich entsandte drei Militärflugzeuge nach Tripolis. Auch die Niederlande planten die Entsendung von Militärmaschinen, um ihre Bürger auszufliegen. Die russischen Eisenbahnen entsandten einen Vertreter, um die Evakuierung von 204 Beschäftigten einzuleiten, die am Bau einer Eisenbahnlinie von Bengasi nach Sirte beteiligt sind. Die Ukraine schickte ein Flugzeug, um die ersten von schätzungsweise 3000 ukrainischen Staatsbürgern zu evakuieren, die sich im Land aufhalten. Darunter sind auch zahlreiche Mediziner. Die griechische Regierung bemühte sich um Landegenehmigungen an vier libyschen Flughäfen. Zudem charterte die Regierung ein Tankschiff, um Griechen in Sicherheit zu bringen.

Der Hafen von Tripoli (Foto: dpa)

Flucht über den Luft- oder Seeweg

Türkei schickt Schiffe

Die Türkei evakuierte bereits am Montag auf dem Landweg 600 eigene Bürger aus Bengasi, wo viele türkische Firmen tätig sind. Eine Maschine der Turkish Airlines bekam dort allerdings keine Landeerlaubnis und musste leer zurückkehren. Zudem schickte Ankara zwei Fährschiffe und ein militärisches Begleitschiff in die Hafenstadt, um Tausende weitere Türken aufzunehmen, die sich ins Stadium von Bengasi geflüchtet haben.

Außenhandelsminister Zafer Caglayan erklärte, Demonstranten hätten dort türkische Geschäfte und Unternehmen angegriffen und geplündert. Etwa 25.000 Türken leben nach Schätzungen der Anatolia Nachrichtenagentur in Libyen und arbeiten dort vor allem im Bausektor.

Was für ein Chaos vielfach vor Ort herrscht, illustriert die Erklärung einer Sprecherin der chinesischen Baufirma Huafeng. Sie sagte, dass sich 1000 chinesische Vertragsarbeiter auf einen Fußmarsch zum Flughafen in Tripolis begeben hätten, nachdem Demonstranten das Gelände der Firma in Ajdabiyah überfallen und geplündert hätten. Diese Stadt liegt in der Nähe von Bengasi und damit fast 900 Kilometer von Tripolis entfernt. Huafeng baut in Libyen vor allem Wohnhäuser.

Autor: Fabian Schmidt (dpa, Reuter, AFP, AP)
Redaktion: Gero Rueter

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