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Wirtschaft

Libyen als gefragter Wirtschaftspartner

Libyen versinkt im Chaos, aber Muammar al-Gaddafi zeigt sich unnachgiebig. Dabei stehen nicht nur die politische Zukunft des Landes auf dem Spiel sondern auch die Wirtschaftsbeziehungen des Wüstenstaates zum Westen.

Börsen-Bulle vor deutscher und libyscher Flagge (Foto: dpa)

In den ersten 30 Jahre seiner Herrschaft war für Europa eigentlich alles ganz einfach. Der Beduinensohn Muammar al-Gaddafi war ein Terrorist, der – wenn er nicht selbst der Auftraggeber war – als Finanzier des Terrors in Erscheinung trat.

Pate des Terrors

Archivbild vom Lockerbie-Attentat 1988 (Foto: AP)

270 Menschen starben 1988 beim Anschlag von Lockerbie

Beispiele waren der Anschlag auf die Berliner Diskothek "La Belle", bei dem Anfang April 1986 zwei amerikanische Soldaten und eine türkische Besucherin getötet wurden und der Absturz einer amerikanischen Linienmaschine über dem schottischen Lockerbie. Dabei starben im Dezember 1988 270 Passagiere und Crewmitglieder.

Für die Welt war klar: Dieser Mann ist ein Terrorist, mit dem weder politische noch wirtschaftliche Beziehungen unterhalten werden können. Und Gaddafi sonnte sich in dem Image des Bösewichts, der für sich und sein durch Öl- und Gasvorkommen reiches Land eine herausgehobene Rolle in der arabischen Welt beanspruchte. Als bekannt wurde, dass er an einem Atomprogramm bastelt und geflohenen Terroristen Unterschlupf gewährt, schien das Verhältnis endgültig zerstört.

Vom Paria zum Partner

Russlands Ex-Präsident Putin und Gaddafi im April 2008 (Foto: dpa)

Reden über Waffen und Gas: Wladimir Putin zu Gast in Tripolis im April 2008

Es änderte sich 1999 aber doch, als Gaddafi dem internationalen Druck und jahrelangen Sanktionen Tribut zollen und die Verantwortung für den Anschlag von Lockerbie übernehmen musste. Er lieferte nicht nur die Täter aus und zahlte den Hinterbliebenen eine Entschädigung, sondern entdeckte auch noch sein Herz für den bis dahin verhassten Westen. Und der erwiderte die Lockrufe freudig, denn sie versprachen leichteren Zugang zu den Öl- und Gasvorkommen des Landes. Die USA und die EU lockerten ihre Sanktionen und hoben ein Waffenembargo auf. Im Gegenzug setzte sich Gaddafi als Vermittler bei einigen spektakulären Entführungen in Szene.

Die IHK Bochum war 2000 eine der ersten Organisationen, die eine Partnerschaft mit dem nordafrikanischen Staat eingingen. Zunächst gab es intensive Kontakte, so Dr. Hans-Peter Merz, Leiter Außenhandel der IHK Bochum. Aber nach einigen Monaten schlief dieser Kontakt wieder ein, weil die libysche Seite wohl die "Telefonrechnung nicht bezahlt" hatte.

Florierende Handelsbeziehungen

Joschka Fischer und Seif el Islam (Foto: AP)

Deutsch-libysche Gespräche im Jahr 2000: Außenminister Fischer und Gadaffis Sohn Seif el Islam

Es gab aber nicht nur Partnerschaften zwischen deutschen und libyschen Organisationen, sondern auch ein Ende der internationalen Sanktionen. Jede Menge Petrodollars flossen ins Land und bescherten einem Teil der Bevölkerung Wohlstand. 2006 wurde Libyen von der Liste der "Unterstützer des internationalen Terrorismus" gestrichen, ein Jahr später begann Frankreich mit dem Bau eines Atomkraftwerkes in Libyen. Staats- und Regierungschefs aus aller Welt begaben sich ins herrschaftliche Beduinenzelt Gaddafis und priesen den Sinneswandel des Ex-Terroristen: Jacques Chirac, Gerhard Schröder oder Tony Blair.

Neben hochrangigen politischen Kontakten pflegt Libyen seitdem wirtschaftliche Beziehungen in aller Welt. Ölmultis interessierten sich für die vielen noch unerschlossenen Ölfelder. Zuletzt engagierte sich Russlands Präsident Dmitri Medwedew. Sein Land übernahm in der vergangenen Woche für 170 Millionen Dollar einen Anteil des Libyen-Geschäfts des italienischen Ölkonzerns ENI.

Deutsch-libyscher Handel

Auch auf dem deutsch-libysche Wirtschaftsforum, das im November 2006 zum neunten Mal in Bengasi tagte, standen alle Signale auf grün. Der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte: "Die Menschen hier haben eine große Chance, in den kommen­den Jahrzehnten zu den Gewinnern des politischen und wirtschaftlichen Aufbruchs zu gehören." Ein fataler Irrtum, denn von dem wirtschaftlichen Fortschritt haben große Teile "der Menschen" nichts gehabt. Im Gegenteil: Sie leben in Armut und Elend.

2008 machte das deutsch-libysche Handelsvolumen noch 5,6 Milliarden Euro aus und erreichte damit einen Höchststand. In den Jahren 2009 und 2010 sank das Volumen auf jeweils 4,1 Milliarden Euro. Derzeit sind etwa 40 Unternehmen in Libyen vertreten – viele davon im Öl- und Gasgeschäft. Auch BASF und RWE sind über Tochterunternehmen in Libyen engagiert. Genau wie Siemens organisieren sie derzeit eine Rückholaktion für ihre Mitarbeiter.

Autor: Matthias von Hellfeld
Redaktion: Henrik Böhme

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