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Europa

Europas verschmutzte Luft

Die Feinstaub-Richtlinie der Europäischen Union sorgt für hitzige Debatten in Ballungsräumen wie Madrid, Manchester und München. Überall ist die Luft zu dreckig. Doch was soll dagegen getan werden?

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Zu viel Schmutz in der Luft: Greenpeace misst nach

Innsbruck, Klagenfurt, Wien - der österreichische Greenpeace-Aktivist Jurrien Westerhof ist seit Ende Februar mit seinem Wohnmobil viel herum gekommen, hat das Land schon kreuz und quer bereist. Auf seiner Tour hat er jedoch keine Augen für die malerischen Flecken Österreichs. Denn sein Wohnmobil ist gleichzeitig seine Arbeitsstätte und steckt voller Messgeräte, mit denen er die Verschmutzung der Luft misst.

Greenpeace, Feinstaub, Feinstaubmessung

Jurrin Westerhof von Greenpeace in Österreich bei Messungen

In seinem "Reise-Tagebuch" notiert der 34-Jährige erschreckende Daten. "Es hagelt Tage mit zuviel Feinstaub", sagt Westerhof. "Die Probleme sind hier in Österreich noch um einiges größer als zum Beispiel in Deutschland. Schon im Februar wurden in Graz, Klagenfurt und Innsbruck die EU-Grenzwerte überschritten." Am 29. März sei es dann auch in Wien soweit gewesen.

65.000 Tote

In Österreich gilt wie überall in der Europäischen Union seit dem 1. Januar 2005 eine Richtlinie für die zulässige Verschmutzung mit Feinstaub. Pro Tag dürfen höchstens 50 Mikrogramm Feinstaubpartikel pro Kubikmeter Luft erreicht werden. Dieser Wert darf an nicht mehr als 35 Tagen pro Jahr überschritten werden. Ist dies der Fall, muss das Land geeignete Maßnahmen für eine sauberere Luft vorschlagen.

An den winzigen Dreckpartikeln in der Luft sterben laut einer Studie der EU allein in Deutschland jährlich bis zu 65.000 Menschen. Die Partikel dringen in die Lunge ein und können Kreislauferkrankungen, Herzinfarkt und Lungenkrebs verursachen. Besonders gefährdet sind Kinder. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben in den Mitgliedstaaten der Organisation jedes Jahr 13.000 Kinder zwischen null und vier Jahren an Krankheiten, die durch eine Partikelbelastung der Luft ausgelöst wurden.

Untätige Behörden

Obwohl die neue Richtlinie bereits 1999 erlassen wurde und seitdem regelmäßig Daten erhoben werden, ist in vielen Ländern noch nichts gegen die Luftverschmutzung getan worden. Im Sommer 2004 ermahnte die EU-Kommission neun Länder, die Partikelbelastung zu reduzieren: Österreich, Frankreich, Deutschland, Irland, Italien, Luxemburg, Portugal, Spanien und Großbritannien. Die Kommission listete zudem mehrere Dutzend Gefahrengebiete auf, darunter Ballungsräume wie Porto, Manchester, Madrid und Mailand, aber auch vermeintlich unverdächtige Regionen wie Tübingen.

In Österreich gehörte auch Graz zu den gefährdeten Gebieten. Dies ist knapp ein Jahr später weiterhin der Fall. "Die Politik hat darauf gesetzt, dass sich kein Mensch für das Thema interessiert", meint Westerhof. "Und gegenüber Autofahrern muss man ja sowieso vorsichtig sein", laute das gängige Argument, warum die Behörden nichts gegen die Verschmutzung unternehmen. Ein Drittel des Feinstaubs wird durch Straßenverkehr verursacht und könnte durch entsprechende Maßnahmen vermindert werden. Die Politiker hätten sich jedoch getäuscht, sagt Westerhof, heute interessiere sich jeder für dieses Thema.

Auto-Roulette

Aber was tun? Die EU überlässt die Antwort den einzelnen Mitgliedsstaaten. Diese wiederum haben die Verantwortung an Bundesländer oder Stadtverwaltungen übertragen. London hat auf die große Luftverschmutzung mit einer City-Maut reagiert - mit dem Resultat, dass viele Pendler auf den öffentlichen Personennahverkehr umstiegen und die Schadstoffe abnahmen. Ähnlich sieht es in Italien aus. Von Rom bis Mailand, von Turin bis Verona erließen aufgeschreckte Bürgermeister eine ganze Palette von Fahrverboten oder Einschränkungen. Bereits im Februar gab es Sonntags-Fahrverbote, teilweise in neun Städten gleichzeitig, darunter Rom, Bologna, Ferrara, Parma, Mantua und Ravenna. Andere Städte griffen zum "Auto-Roulette": Danach dürfen an einigen Wochentagen nur Autos mit geraden Zahlen auf dem Nummernschild in die City, an anderen Tagen nur solche mit ungeraden Zahlen.

Das italienische "Auto-Roulette" hat die Umweltministerin Belgiens auch der Hauptstadtregion Brüssel vorgeschlagen. Auch dort leiden die Menschen an der verdreckten Luft. Bilder aus dem Weltall hatten zuvor die Öffentlichkeit verängstigt: Aufnahmen des Umweltsatelliten Envisat zeigten, dass ein Dreieck von Flandern und Brüssel über die südlichen Niederlande bis ins Ruhrgebiet zu den Gebieten mit der höchsten Stickstoffdioxid-Belastung auf der Welt gehört - zusammen mit Norditalien und dem nordöstlichen China. Die in Brüssel beheimatete EU-Kommission hat also ein ganz besonderes Interesse an der Einhaltung der Feinstaub-Richtlinie. Eine erste Bilanz wird die Kommission 2006 ziehen. Dann sind auch Sanktionen gegen Länder möglich, in denen die Behörden weiter untätig sind.

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