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Kultur

"Europa braucht eine neue Vision"

Musiker, Widerstandskämpfer und Politiker: Mikis Theodorakis kann am 29. Juli 2005 seinen 80. Geburtstag feiern. Der Deutschen Welle erzählte er, welche Herausforderungen auf Europa und die internationale Politik warten.

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Mikis Theodorakis, aufgenommen im Jahr 2002

Mikis Theodorakis, geboren auf der Ägäisinsel Chios, schloss sich schon mit 18 Jahren während des Zweiten Weltkrieges der Widerstandsbewegung gegen die italienisch-deutsche Besatzung an. Beim anschließenden griechischen Bürgerkrieg (1946-1949) schlug er sich auf die Seite der Linken. Er wurde mehrmals verhaftet und in die Verbannung geschickt.

Später studierte er am Pariser Konservatorium in derselben Klasse mit Pierre Boulez bei Olivier Messiaen und feierte in seiner Heimat erste Erfolge mit seinen Liedern. Während der Militärdiktatur in Griechenland (1967-1974) wurde er verhaftet und gefoltert. Ab 1970 lebte er im Pariser Exil und gab in dieser Zeit fast 1000 Konzerte überall in der Welt. Er wurde so zu einem Symbol des Kampfes für Freiheit und Menschenrechte.

Seine Konzertreisen führten ihn während seiner Exiljahre oft nach Deutschland, wo er Annerkennung und Unterstützung nicht zuletzt auch von der Deutschen Welle für seinen Kampf gegen die Diktatur in Griechenland fand. Nach der Wiederherstellung der Demokratie 1974 kehrte er nach Griechenland zurück und ging in die Politik - als Abgeordneter der Kommunisten.

Dabei war Theodorakis aber nie das, was man unter einem Parteipolitiker versteht. Er blieb immer seinen eigenen Visionen und Prinzipien treu und zögerte nie, seine Meinung öffentlich und konsequent zu vertreten.

Kultur und Politik

Als sich Ende der 1980er-Jahre erneut ein Konflikt zwischen Griechenland und der Türkei zuspitzte, gründete er zusammen mit dem türkischen Musiker und Politiker Zülfü Livaneli die "Griechisch-türkische Friedensinitiative". Ihr Ziel: den Dialog zwischen beiden Ländern vorantreiben. Ihr Motto: "Brücken mit Hilfe der Kultur schlagen". Mit gemeinsamen Konzerten in der Türkei und Griechenland gaben Theodorakis und Livaneli der überwiegenden, jedoch allzu oft schweigenden Mehrheit beider Bevölkerungen ein Mittel, sich für den Frieden auszusprechen.

Mittlerweile gelten Theodorakis und Livaneli in der breiten Öffentlichkeit als Symbole für die griechisch-türkische Annährung und als Vorreiter einer EU-Mitgliedschaft der Türkei. Die aktuelle Entwicklung der Beziehungen beider Länder vor dem Hintergrund der geplanten EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei bewertet Theodorakis differenziert.

"Die Beziehungen sind heute gut. Es hat zwar hier und da Spannungen gegeben, unser größtes Problem ist jedoch, dass beiden Ländern visionäre Politiker wie Atatürk und Veniselos fehlen. Politiker die sich zusammensetzen, über all das, was uns trennt, reden und Lösungen vorschlagen. Von der Geschichte wissen wir, dass andere Völker, wie etwa die Deutschen und die Franzosen tiefere Gräben überwinden mussten. Die Millionen Toten der beiden Weltkriege. Der Hass war groß. Es hat aber Politiker wie Adenauer und de Gaulle gegeben, die sich für Aussöhnung und gute Beziehungen einsetzten. Es ist nicht wahr, dass Griechen und Türken immer Feinde waren und es immer sein werden."

In einer Zeit, in der Krieg und Terroranschläge den Alltag der Menschen bestimmen, werden erneut grundlegende Fragen gestellt, wie etwa über Krieg oder Frieden. Mikis Theodorakis sieht genau da die Rolle und Aufgabe Europas.

Frieden und Kultur

"Europa ist ein Riese. Und das ist es, was den USA Angst macht. Wir befinden uns an einem Scheideweg und müssen uns entscheiden: Krieg oder Frieden? Das ist heute das große Dilemma der Menschheit. All meine Hoffungen liegen auf den Schultern Europas. Und ich hoffe, dass die Politiker auf die Menschen hören. Denn ich bin mir sicher, dass die Völker Europas für den Frieden sind. Europa braucht also eine neue Vision, die der überwiegenden Mehrheit gerecht wird. Meiner Meinung nach kann Europa der Menschheit nur zwei wichtige Dienste erweisen: Frieden und Kultur. Alles andere wie zum Beispiel wirtschaftliche und militärische Macht haben die Amerikaner schon geleistet".

Von großem Interesse sind die kulturellen Beziehungen Mikis Theodorakis zu Deutschland. Seit den 1970er-Jahren arbeitet er mit deutschen Musikern und Orchestern zusammen. In keinem anderem Land außerhalb Griechenlands hat er so viele Konzerte gegeben wie in Deutschland. Wenn man die CD-Veröffentlichungen der letzten 25 Jahre mit rein deutschen Produktionen zusammenrechnet, kommt man auf über 30. Deutsche Plattenfirmen veröffentlichen diesen Teil des Werkes von Theodorakis, den die meisten nicht kennen: Sinfonien, Kammermusik, Opern und natürlich seine jüngsten Lieder.

Seit den 1990ern arbeitet er mit Berliner Instrumentalisten und insbesondere mit dem Komponisten Henning Schmied zusammen, der viele Lieder von Theodorakis neu arrangiert hat.

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