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Europa

EU sucht Freiwillige

Junge Erwachsene, die keinen Job haben, will die EU verstärkt in freiwilligen Diensten unterbringen. Heute ging das "Solidaritätskorps" an den Start. Unausgegorene Doppelung, sagen Kritiker. Bernd Riegert aus Brüssel.

Europäische Freiwillige T-Shirt (DW/B. Riegert)

Von der eigenen Idee begeistert: EU-Kommissarinnen Thyssen (links) und Georgiewa (rechts)

"Ich habe für 10 Monate umsonst in Málaga gelebt. Das ist doch super", lacht Vincent Somers aus Belgien. Natürlich habe er auch gearbeitet, schiebt er nach. Der 28 Jahre alte Filmstudent hat an einer spanischen Schule als "Europäischer Freiwilliger" Jugendliche betreut. "Das war eine tolle Erfahrung, die ich nur jedem empfehlen kann", schwärmt Vincent Somers bei der Veranstaltung zum Start eines weiteren Austauschdienstes, gefördert durch die Europäische Kommission in Brüssel. Neben dem "Europäischen Freiwilligendienst", der bereits seit 20 Jahren existiert und an dem Vincent teilgenommen hat, gibt es von heute an das "Europäische Solidaritätskorps", das sich ebenfalls an junge Europäer zwischen 18 und 30 Jahren richtet.

Wer noch keinen Ausbildungsplatz hat oder nach dem Studium keinen festen Job findet, kann sich bei der EU melden und soll vermittelt werden. Die EU-Haushaltskommissarin Kristalina Georgiewa ist ganz begeistert von der Idee, europäische Jugendliche grenzüberschreitend in andere Länder zu schicken, damit sie dort etwas für ihre Ausbildung tun können. "Das ist gerade in diesen Zeiten von Populismus und Krise so wichtig, dass wir uns immer besser und immer mehr kennen lernen und austauschen", sagt die EU-Kommissarin der DW. Zusammen mit anderen Kommissaren verteilt sie T-Shirts und Kappen und macht Selfie-Fotos mit Jugendlichen, die zum Pressetermin geladen waren. Die EU-Kommission sieht das neue "Solidaritätskorps" auch als Beitrag, die Jugendarbeitslosigkeit vor allem in Südeuropa zu senken.

Europäischer Freiwilligendienst -Vincent Somers (DW/B. Riegert)

Vincent Somers: Tolle Erfahrungen in Malaga

Freiwillige haben die Qual der Wahl

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hatte bei seinem Amtsantritt vor zweieinhalb Jahren das Versprechen abgegeben, dass jeder Jugendliche innerhalb von vier Monaten nach der Ausbildung einen Job bekommen soll. Bis zum Jahr 2020 will die EU-Kommission mit dem Solidaritätskorps 100.000 junge Erwachsene in der EU für zwei bis 12 Monate in eine Tätigkeit vermitteln. Unterkunft, Verpflegung und ein Taschengeld werden gezahlt. "Dafür haben wir Haushaltsmittel umgewidmet", sagte die EU-Haushaltskommissarin Kristalina Georgiewa. "Das war am Anfang nicht ganz einfach, aber ist es doch beeindruckend, dass alle an einem Strang ziehen wollen."

Europäischer Freiwilligendienst Haydn Hammersley (DW/B. Riegert)

Haydn Hammersley: Aufschwung für Hilfsverbände

Die SPD-Europa-Abgeordnete Petra Kammerevert ist weniger begeistert. Sie hält das neue "Solidaritätskorps" eher für Aktionismus von Kommissionspräsident Juncker, denn das Korps unterscheide sich kaum vom bereits bestehenden "Europäischen Freiwilligendienst". "Es würde beiden Projekten nur schaden, wenn sie jetzt in Konkurrenz miteinander stünden", kritisiert Kammerevert. Das sei eine "halbgare" Initiative, die von bestehenden Programmen Geld abziehe. Neben den europäischen gibt es auch noch nationale Programme, wie das privatrechtlich organisierte "Freiwillige Soziale Jahr" in Deutschland oder den staatlichen "Bundesfreiwilligendienst".

Von heute an können sich junge EU-Bürger und auch Jugendliche aus dem Rest der Welt auf der Webseite des "Solidaritätskorps" (https://europa.eu/youth/solidarity) für einen Platz registrieren lassen. Abgefragt werden Sprachkenntnisse, Ausbildung und besondere Fähigkeiten. Es gibt aber keine Bedingungen, so EU-Kommissarin Georgiewa. Man könne sich auch als Schulabbrecher ohne besondere Kenntnisse registrieren. Wie bei einem Dating-Portal würden dann passende Angebote gesucht.

Europäischer Freiwilligendienst Berlaymont-Gebäudes (DW/B. Riegert)

Haushohe Werbung für das Soli-Korps am EU-Kommissionsgebäude "Berlaymont"

Hilfsorganisationen hoffen auf mehr Personal

Der Einsatz ist in allen 28 EU-Staaten sowie Norwegen, Lichtenstein, Island, der Türkei und Mazedonien möglich. Eine Garantie für eine Vermittlung gibt es nicht. Sie ist grundsätzlich kostenlos. Die ersten Einsätze sollen bereits im Frühjahr nächsten Jahres starten, wenn sich genügend Hilfsorganisationen und Anbieter von Arbeitsmöglichkeiten gemeldet haben. Eine Organisation, die auf das neue "Solidaritätskorps" zurückgreifen will, ist die Vereinigung "Autismus Europa". Sie kümmert sich um die Versorgung und die Rechte von autistischen Menschen. Haydn Hammersley von "Autismus Europa" sagte der DW, dass er auf viele Freiwillige hofft, die überall in Europa gebraucht würden. Außerdem gehe es seiner Organisation darum, auch Autisten, die geeignet sind, im "Solidaritätskorps" zu beschäftigen. Die Verbandsarbeit von "Autismus Europa" in Brüssel wird zu großen Teilen von der Europäischen Kommission finanziert. So würde sich die Kommission über das "Solidaritätskorps" quasi selbst freiwillige Helfer vermitteln, die sie aus einem anderem Topf auch bezahlt. Der Kreislauf wäre geschlossen. "Wir wollen aber keine neue Bürokratie erzeugen", versicherte EU-Kommissarin Gerogiewa.

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