1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

50 Jahre Freiwilliges Soziales Jahr

Ein Erfolgsmodell feiert Geburtstag: Das Freiwillige Soziale Jahr - kurz FSJ - wird 50 Jahre alt. Trotz seines Alters ist die Beliebtheit ungebrochen: Vier Ehemalige erzählen, wie sie von der Zeit profitiert haben.

Gutes tun, Erfahrungen sammeln, erwachsen werden: Jedes Jahr machen mehrere zehntausend junge Menschen ein Freiwilliges Soziales Jahr - Tendenz steigend. Alleine 2011/12 wollten fast 45.000 Männer und Frauen zwischen Schule und Ausbildung Praxisluft schnuppern. Sie werden überall dort, wo soziale Arbeit und Pflege benötigt werden, eingesetzt: Krankenhäuser, Grundschulen, Behinderten- und Alteneinrichtungen oder Kindertagesstätten. Dafür erhalten sie rund 400 Euro monatlich, häufig eine kostenlose Wohnmöglichkeit - und regelmäßige Seminare.

Der spätere Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Hermann Dietzfelbinger, rief das Modell ins Leben. 1964 trat schließlich das "Gesetz zur Förderung eines freiwilligen sozialen Jahres" in Kraft - die Geburtsstunde des FSJ. In diesem Jahr feiert das Projekt sein 50-jähriges Bestehen. Vier ehemalige Freiwillige erzählen der Deutschen Welle, wie das Jahr sie für ein Leben geprägt hat:

Ute Wagner: "Es war neu und deshalb spannend"

Zu den Pionierinnen des Freiwilligen Sozialen Jahres gehört die 64 Jahre alte Ute Wagner: Sie hatte sich Mitte der 1960er Jahre als Vorschülerin für die Krankenpflegeausbildung beworben, einer Art Praktikum vor der Ausbildung. Nach einem halben Jahr wurde die Vorschule umgewandelt - in das damals noch weitgehend unbekannte Freiwillige Soziale Jahr. "Weil es etwas Neues war, fanden wir das alles sehr spannend und haben das eben gerne gemacht", erzählt sie. Für sie war das Jahr bei den DRK-Schwesternschaften am Bonner Uniklinikum eine "super Überbrückungszeit, die einem den Beruf schon mal näher gebracht hat". Sie entdeckte damals ihre Liebe zur Pflege - für ihren späteren Beruf als Krankenschwester essenziell.

Unter der Leitung ihrer Chefin wurde aber noch mehr gefördert: Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein."Wenn man als Schülerin in der Schule ist, hat man nicht das Gefühl, ich bin wichtig", erinnert sie sich. Doch im FSJ änderte sich das: "Als ich damals in die Pflege kam, da wurde uns vermittelt: Auf dich kommt es an." Auch ihr Frauenbild wandelte sich. Denn unter den Müttern ihrer Freundinnen waren - wie es in der Zeit üblich war - fast ausschließlich Hausfrauen. Am Klinikum lernte sie andere Lebenswelten kennen, fernab von Putzen, Kochen und Kindererziehung: "Diese Schwestern waren pflichtbewusste, starke und engagierte Frauen."

Mirjam Kirsch-Lohe: "Zum ersten Mal Verantwortung übernehmen"

Ein missbrauchtes Mädchen, das sich ihr schließlich anvertraute, gehört für die jetzt 31-jährige Mirjam Kirsch-Lohe zu den prägendsten Erlebnissen ihres damaligen FSJ in einem Kinderheim in der Nähe Hamburgs. Die heutige Sozialarbeiterin hatte ihr FSJ im Rahmen eines sogenannten Diakonischen Jahres abgeleistet und war für die Betreuung einer Mädchenwohngruppe mitverantwortlich. Hausaufgaben, Schulkrisen, Jungsprobleme: Kirsch-Lohe war vor allem Gesprächspartnerin für die Mädchen. "Dass ich das erste Mal Verantwortung übernommen habe für andere Menschen - das hat mich weiter gebracht", erzählt sie. "Ich habe gemerkt, dass es relevant ist, ob ich da bin oder nicht - das war für mich ganz wichtig."

Beworben hatte sie sich vor allem, weil sie sich über ihren weiteren Weg noch im Unklaren war - und weil sie nach der langen Schulzeit zunächst keine Lust auf Theorie hatte. "Es hat meinen Berufswunsch geprägt: Ich wusste nach einem halben Jahr, dass ich machen möchte, was ich jetzt tue." Heute arbeitet sie bei ihrem alten Träger - und betreut selbst Freiwillige im FSJ.

Nina Ricarda Krause: "Gerade der Erfahrungsaustausch war wichtig"

Für die 23-jährige Nina Ricarda Krause führte zunächst ein Hindernis zum FSJ: Für ihren Traumstudiengang Soziale Arbeit wurde ein sehr guter Schulabschluss verlangt - den harten Numerus Clausus schaffte sie nicht. "Dann habe ich gesagt: Es ist eine gute Lösung, die Zeit zu überbrücken und sich zu vergewissern, ob dieser pädagogische Beruf mir liegt." Für ihr FSJ ging Krause an eine Ganztagsgrundschule. Vormittags half sie im Unterricht und nahm die Kinder bei Lernschwierigkeiten heraus. Nachmittags betreute sie eine Hausaufgabengruppe. "Auch in der Provinz gibt es keine heile Welt", sagt sie. Viele Kinder hätten Probleme.

Gemeinsam mit anderen jungen Menschen im FSJ konnte sie mehrmals im Jahr bei Seminarwochen über Herausforderungen sprechen. "Gerade der Erfahrungsaustausch war wichtig", sagt sie im Rückblick. So wurden gemeinsam auch intensive Erfahrungen aufgearbeitet. "Ich kann mich noch gut an eine Situation erinnern, als ein Mädchen, das im Altenheim gearbeitet hat, von ihrem ersten Todesfall berichtet hat." Krauses Berufswunsch hatte sich in dem Jahr gefestigt: Sie studierte Soziale Arbeit und befindet sich gerade im Anerkennungsjahr.

Aneke Dornbusch: Berufswunsch Pastorin

Am Ende eines FSJ kann aber auch ein ganz anderer Berufswunsch als Sozialarbeiterin stehen. Für die 22-jährige Aneke Dornbusch steht seit ihrem FSJ fest: Sie will Pastorin werden. Auch sie war nach dem Abitur zunächst auf der Suche: "Ich wollte studieren und wusste aber nicht genau, welches Fach, und ich war auch noch nicht bereit, so eine lebenswichtige Entscheidung schon zu treffen."

Sie hatte sich ihre Stelle aufgeteilt: Vormittags assistierte sie in einer Grundschule, nachmittags machte sie Kinder- und Jugendarbeit in einer Kirchengemeinde. "Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, war ein Zeitraum, in der meine Anleiterin krank war und ich sehr auf mich alleine gestellt war." Die plötzliche Verantwortung wog schwer. "Andererseits habe ich in der Zeit auch deutlich gemerkt, was ich alles kann, und das hat mein Selbstbewusstsein sehr gestärkt." Mittlerweile studiert Dornbusch Theologie an der Universität Göttingen.

Die Redaktion empfiehlt