1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Umwelt

Eskalation im Hambacher Forst: Ein ungleicher Kampf spitzt sich zu

Die Rodungsarbeiten im Hambacher Forst haben wieder begonnen - diesmal unter Polizeischutz. Denn eine Gruppe von Umweltaktivisten versucht seit Jahren, die alten Bäume zu retten. Nun wurde eine Grenze überschritten.

Im 12.000 Jahre alten Hambacher Forst, einem Wald zwischen Köln und Aachen, tobt seit Jahren ein erbitterter und ungleicher Kampf. Auf der einen Seite befinden sich junge Aktivisten, die in Baumhäusern und Wohnwagen im Wald leben, um diesen zu retten. Auf der anderen Seite steht Deutschlands zweitgrößter Energiekonzern RWE, der den Wald abholzen will.

Und theoretisch darf er das auch. Denn RWE hat den Wald gekauft, damit der benachbarte Braunkohletagebau Hambach, der größte Tagebau Deutschlands, auch hier nach Kohle graben kann. Die begehrten Kohlevorkommen liegen unter dem uralten Hambacher Forst, dessen Bäume seit Jahrzehnten den Baggern weichen. Nur ein Viertel des ursprünglichen Forstes, der einmal 5500 Hektar groß war, ist noch übrig. Der Tagebau hat sogar schon mehrere Dörfer verschluckt.

Grenzüberschreitung der roten Linie

Jetzt scheint der Kampf jedoch zu eskalieren. Denn seit Montag überschreiten die Rodungsarbeiten zum ersten Mal eine heikle Grenze: Die Trasse südlich der alten A4-Autobahn, die Tagebauaktivisten und Bürgerinitiativen zur roten Linie erklärt haben.

Deutschland Rodungsarbeiten im Hambacher Forst (picture alliance/dpa/H. Kaiser)

Unter Polizeipräsenz haben am Hambacher Forst die umstrittenen Rodungsarbeiten wieder begonnen

Nördlich dieser Trasse steht bereits kein einziger Baum mehr. Doch im Süden versuchen Umweltschützer das, was von dem Wald noch übrig ist, zu retten. Seit mehr als vier Jahren besetzen etwa 30 Aktivisten Bäume in diesem Waldstück. Sie haben ein dauerhaftes Camp errichtet, viele von ihnen schlafen jede Nacht in Baumhäusern. Denn Bäume, auf denen sich ein Mensch befindet, können nicht sofort gefällt werden und müssen zunächst geräumt werden.

Das Übertreten der selbst gesetzten roten Linie empfinden die Baumbewohner nicht nur als eine Provokation und Eindringen in ihren Lebensraum, sondern auch als Übertreten einer symbolischen Grenze, die für Dialog und Friedensgespräche stand.

Vor einem Monat kamen hier über tausend Menschen aus den umliegenden Dörfern zusammen, formierten eine zwei Kilometer lange Kette und sagten: "Bis hier her und nicht weiter - Schluss mit den Rodungen!" Es war der größte Protest gegen die Rodung im Hambacher Forst seit Jahren, die zu sogenannten Rodungsstoppverhandlungen führten. Der Energiekonzern sollte auf eine Nutzung des südlich der Trasse gelegenen Waldes verzichten.

Doch mit dem Anrücken der Holzfäller ist RWE laut der Aktivisten offiziell aus diesen Verhandlungen ausgetreten. Und so nimmt der Kampf, der seit Jahren währt, eine neue Dimension an - mit dem größten Polizeiaufgebot, das der Hambacher Forst je gesehen hat.

Deutschland Rodungsarbeiten im Hambacher Forst (picture alliance/dpa/H Kaiser)

Zum ersten mal hat RWE bei der Rodung eine heikle Grenze überschritten: Die Trasse südlich der ehemaligen A4-Autobahn

Polizeieinsatz im großen Stil

"Wir haben circa 75 Polizeiwagen gezählt, ständig fliegt ein Helikopter über uns", sagt einer der Aktivisten, der zu seinem eigenen Schutz nur Joe genannt werden will. Der 24-Jährige schläft seit knapp einem halben Jahr permanent  im Hambacher Forst in einem Baumhaus. "Sowas habe ich hier noch nie gesehen. Sogar ein gepanzerter Lastwagen ist da. Hier ist also gerade sehr viel Staatsgewalt, die RWE schützt, den Wald patrouilliert, Personen kontrolliert, Platzverweise erteilt - es wird für uns immer schwieriger zurück zu unseren Baumhäusern zu kommen, wenn wir unterwegs waren", sagt er, während über ihm ein Polizeihubschrauber dröhnt. 

Bisher hat RWE selbst Sicherheitspersonal eingesetzt, das die Holzfäller beschützen soll. Dieses Sicherheitspersonal ist auch immer noch vor Ort. Warum ist nun auch die Polizei anwesend, um die Rodungsarbeiten eines privaten Konzerns zu schützen?

"Wir sind da, um Übergriffe auf Personen und Maschinen von RWE zu verhindern", sagt Sandra Schmitz, Pressesprecherin der Polizei Aachen, die für den Hambacher Forst zuständig ist. "Wir haben einen gesetzlichen Auftrag, Gefahrenabwehr und Strafverfolgung zu betreiben - und das gilt für alle Personen und Institutionen. In den letzten Jahren sind die Proteste so ausgeufert, dass RWE ohne Polizeischutz nicht arbeiten kann."

Auf die Frage, welche Gefahr von den Aktivisten genau ausginge, entgegnet Sandra Schmitz zunächst, dass sie ungern von Aktivisten spreche. "Menschen die mit Steinen und Molotowcocktails auf Menschen schmeißen, sind in unseren Augen Straftäter. Die schrecken vor Gewalt nicht zurück. Und die gilt es zu stoppen."

Erst vor ein paar Tagen wurde laut  Polizei ein RWE-Mitarbeiter mit Steinen beworfen, was zu einer Kopfwunde und einem Verkehrsunfall führte, bei dem mehrere RWE-Mitarbeiter verletzt wurden. Nach derzeitigem Stand gibt es seit Beginn der Grenzüberschreitung der roten Linie vier Leichtverletzte.  

Braunkohle Aktivist Hambacher Forst (DW/A.-S. Brändlin)

Die Aktivisten im Hambacher Forst wollen den Wald vor dem Verschwinden bewahren

Ziviler Ungehorsam oder gewalttätige Übergriffe?

Was sagen die Aktivisten zu diesen Vorwürfen? Der 25-jährige Tam (ebenfalls ein Pseudonym) lehnt Gewalt ab und plädiert für einen friedlichen Protest. Sitzblockaden und Menschenketten finde er okay, Molotowcocktails und Steine werfen nicht.

Die Tagebauaktivisten, die bisher von der Deutschen Welle interviewt wurden, wirken alle sehr friedlich, laufen barfuß durch den Wald und spielen abends gemeinsam am Lagerfeuer Gitarre.

Doch es kommen ständig neue Aktivisten, mittlerweile sogar aus dem Ausland, andere müssen nach einigen Tagen aus beruflichen oder privaten Gründen wieder abreisen. Es gibt keine zentrale Organisation, daher weiß keiner so genau, auf welche Art und Weise andere protestieren. "Das führt dazu, dass manche vielleicht auch doch mal einen Stein in die Hand nehmen und die anderen das nicht mitbekommen", so Tam. "Ich distanziere mich natürlich von Gewalt, finde das kein sinnvolles strategisches Protestmittel. Wir führen massiv Diskussionen über das Thema im Camp, aber keiner, der Steine wirft, gibt das in dem Moment auch zu."  

Joe sagt die Gewalt ginge vor allem von RWEs Sicherheitspersonal aus, das die Baumbesetzer im Wald immer wieder mit Hunden jage. Tam und Joe geben beide zu, insofern kriminell agiert zu haben, als dass sie durch Blockaden und Sachbeschädigungen die Rodungsarbeiten regelmäßig lahm legen.

Braunkohle Aktivist Hambacher Forst (DW/A.-S. Bändlin)

Umweltschützer leben in den Bäumen des Hambacher Forst, um sie zu beschützen

"Aber irgendwas müssen wir ja tun, wir können ja nicht einfach zuschauen, wie Lebensräume zerstört werden", sagt Joe. "Der Schaden, der hier angerichtet wird, den werden wir nie wieder kitten können. In 300 Metern Tiefe nach Kohle zu graben, ist ein absolut heftiger Eingriff in die Natur. Dabei werden Erdschichten verworfen. Damit ist nicht zu spaßen."

Jegliche Zerstörung eines Waldes wirkt sich negativ auf die Umwelt aus. Die Bäume kühlen das Klima, speichern CO2 und verlangsamen dadurch den Klimawandel. Und dazu kommt, dass der Hambacher Forst nicht irgendein Wald ist. Er ist 12.000 Jahre alt und hat eine besonders hohe Artenvielfalt. Nach Angaben des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) leben im Hambacher Forst 142 ökologisch besonders wertvolle Arten, die durch die Rodung ihren Lebensraum verlieren.

Das alles sei gar nicht mehr notwendig, so Joe. "Wir könnten den Kohleabbau längst stoppen, denn wir haben genug Ressourcen durch erneuerbaren Energien, aber die Lobbys, die dahinter stehen, lassen die Energiewende nicht zu."

Ist Braunkohle als Energieträger noch rentabel?

Bisher wird noch fast ein Viertel der deutschen Energie mit Braunkohle erzeugt. Der Kohletagebau Hambach alleine liefert 5 Prozent des Stroms und schafft im Rheinland 2000 Arbeitsplätze. 40 Millionen Tonnen Braunkohle werden hier jährlich gefördert.

"Wenn Sie mal die Energie nehmen, die hier lagert, ist das vergleichbar mit den Ölressourcen des Irak", so Hermann Oppenberg von RWE, stellvertretender Leiter des Kohletagebaus Hambach.

Braunkohletagebau Hambach Schaufelradbagger (picture-alliance/dpa/F. Gambarin)

Für viele bedeutet Braunkohle Jobs und Strom

Bis 2040 darf die RWE im Hambacher Forst daher noch offiziell Braunkohle fördern.

Doch eigentlich ist die Stromgewinnung durch Braunkohle nicht mehr wirklich rentabel. Denn mit Braunkohle ist kaum noch Geld zu machen. RWE steckt wegen des Booms von erneuerbaren Energien in einer schweren Krise, der RWE-Aktienkurs ist seit Monaten im Keller. Im letzten Jahrzehnt haben die Anteilseigner 80 Prozent Minus gemacht.

Tatsächlich könnten erneuerbare Energien die CO2-intensive Braunkohle längst komplett ersetzen. Und das ist auch der Plan der Bundesregierung. Erst vor ein paar Wochen hat sie sich auf einen Klimaschutzplan geeinigt, in dem es heißt, Deutschland will bis zum Jahr 2050 seinen Ausstoß von Treibhausgasen  in Vergleich zu 1990 um 80 bis 95 Prozent reduzieren.

Um dieses Ziel zu erreichen, müssen Kohlekraftwerke stillgelegt werden. Denn durch die Verstromung von Kohle wird in Deutschland am meisten CO2 freigesetzt. Nach der Bundestagswahl im September 2017 soll sich eine Kommission um einen konkreten Fahrplan für den Kohleausstieg kümmern.

Braunkohle Aktivist Hambacher Forst (DW/A.-S. Bändlin)

Deutschland würde seine Klimaziele leichter schaffen, wenn es auf Braunkohle verzichtet - das glauben viele

Ein globales  Zeichen setzen

Bis das geschieht, kämpfen die Aktivisten im Hambacher Forst weiterhin für das Überleben des Waldes, auch wenn sie immer wieder Rückschläge kassieren. Tam lebt seit über einem Jahr in einem Baumhaus im Hambacher Forst. Der erste Baum, den er anfänglich bewohnte, wurde bereits von RWE abgeholzt.

"Das war eines der beschissensten Gefühle, die ich in meinem Leben bisher hatte, vor allem, weil ich gerade nicht da sein konnte, als der Baum fiel", sagt er und schweigt bedrückt. Ihm ist wie den meisten Aktivisten hier im Wald bewusst, dass er den Wald nicht retten kann. Es kann jederzeit vorbei sein.

"Alles, was wir hier tun, ist symbolisch, denn wir wissen, dass man einen großen Konzern wie RWE nicht endgültig stoppen kann", sagt Joe. "Eines Tages wird der Wald komplett abgeholzt sein und unser Camp wird geräumt werden, das ist uns bewusst. Uns geht es darum, ein Zeichen zu setzen und der Öffentlichkeit zu zeigen, dass wir hier sind."

Tagebau Hambach Schaufelradbagger (DW/K. Jäger)

Wald oder Tagebau, was bleibt am Ende?

Für Tam und Joe geht es um mehr als nur den Hambacher Forst. Sie möchten auf ein weltweites Problem aufmerksam machen. "Für mich hat der Kampf, den wir hier führen, eine große symbolische Kraft", sagt Tam. "Wir wollen ein Zeichen setzen für die Erhaltung von Wäldern überall auf der Welt. Es ist wichtig, dass wir hier aktiv werden, wenn die Rodung direkt vor unserer Haustür passiert."

Und auch Joe gibt so schnell nicht auf. "Der Kampf gegen die Großkonzerne und die Zerstörung unserer Umwelt wird ewig weitergehen, selbst wenn dieser punktuelle Kampf hier im Hambacher Forst irgendwann verloren ist." Solange dieser Protest friedlich verläuft, toleriert die Polizei die Baumbesetzer, so Frau Schmitz. Das sei Teil einer Demokratie. "Aber es kann nicht sein, dass Menschen zu Schaden kommen."

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema