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Wissen & Umwelt

Widerstand bis zum Ende der Braunkohle

Ein Wald bei Köln soll Kohlebaggern weichen. Umweltschützer besetzen ihn, blockieren Kohlezüge und wollen so die klimaschädliche Kohle stoppen. "Hier bleibe ich bis zum Ende", sagt Aktivist Clumsy im DW-Interview.

Deutsche Welle: Sie nennen sich Clumsy, ihren richtigen Namen wollen Sie nicht hier abgedruckt sehen. Mit rund 30 anderen Umweltschützern haben Sie den Hambacher Forst bei Köln besetzt und wollen so verhindern, dass der Wald gerodet und die  Braunkohle darunter abgebaggert wird. Zudem besetzen Aktivisten wie Sie immer wieder Gleise, die von den Braunkohle-Tagebauen zu den Kraftwerken führen. Warum haben Sie diese Form des Protestes gewählt?

Clumsy: Hier stelle ich mich direkt in den Weg und gehe nicht den Weg über die Politik. Politiker hecheln der Wirtschaft hinterher und erreichen nichts. Hier habe ich das Gefühl, direkt etwas zu bewegen, die Umwelt und das Klima zu schützen. Auch wollen wir hier andere Lebensformen auszuprobieren, ein Leben ohne Naturzerstörung.

Wie sieht ihr Leben aus?

Ich wohne in einem gut isolierten Baumhaus mit Holzofen auf etwa zehn Quadratmetern. Ich verbringe viel Zeit im Wald, beobachte die Rodungsarbeiten, plane Aktionen und vielleicht auch die Blockade von Rodungen. Und dann gibt es natürlich noch die alltäglichen Dinge wie das Besorgen von Lebensmitteln, Kochen und Spülen. 

Protest gegen Braunkohle im Hambacher Forst bei Köln (WDR)

Leben in der Natur im Kampf gegen die Kohlebagger. Clumsy in seinem Baumhaus

 Abgebaut und verfeuert wird die Braunkohle von RWE. Wie reagiert der Energiekonzern?

Denen gefällt der Protest überhaupt nicht, vor allem, weil wir in die Betriebsabläufe direkt eingreifen und auch für etwas Planungsunsicherheit sorgen. RWE kann sich nicht sicher sein ob der nächste Kohlezug zum Kraftwerk tatsächlich ankommt oder ob wieder Leute von uns an den Schienen angekettet sind. RWE kann auch Teile des Waldes nicht roden. Letztes Jahr wollten sie das von uns besetze Waldstück roden und scheiterten am Widerstand. RWE versucht, unsere Aktionen zu unterbinden, mit Anzeigen, Klagen und allem was dazugehört.

Wie muss man sich ihren Protest vorstellen? 

Die Kohlezüge sind eine leicht angreifbare und sensible Infrastruktur. Die Kohle muss ständig zum Kraftwerk. Letztes Jahr haben in Ostdeutschland, in der Lausitz, so viele Menschen die Kohlezüge blockiert, dass ein Kraftwerk runtergefahren werden musste. Das ist für die Konzerne ein massiver wirtschaftlicher Schaden und dieser kann in die Millionen gehen. 

Die letzte Zugblockade hier war vor drei Wochen. Im Durchschnitt dauern die Blockaden etwa acht Stunden und bei der längsten mit 19 Stunden musste ein Kraftwerk auch tatsächlich seine Stromproduktion herunterfahren.

Deutschland Klimaschützer gegen Stromriesen Protestaktion bei Köln (WDR)

Widerstand mit Baumhaus. Nur mit einem Kletterseil erreichbar.

Wie reagiert die Bevölkerung auf diese Form des Widerstandes?

Wir haben relativ viel Unterstützung aus den umliegenden Dörfern. Es gibt eine aktive Zusammenarbeit mit verschiedenen Bürgerinitiativen und wir werden von engagierten Bürgern konkret unterstützt, bekommen Lebensmittel, Wasser oder unsere Wäsche wird gewaschen.

Aber es gibt natürlich auch die Gegenseite. RWE ist hier in der Region noch stark verankert und war über Jahrzehnte der größte Arbeitgeber. In fast jeder Familie gibt es Personen die bei RWE arbeiten oder gearbeitet haben und deshalb gibt es natürlich auch immer etwas Gegenwind.

Besetzungen sind illegal, sie hatten Gerichtsprozesse und saßen acht Wochen in Untersuchungshaft. Ist der Preis für diese Protestform nicht zu hoch?

Nicht alles ist illegal: Unser Camp ist auf einer privaten Wiese und der Besitzer akzeptiert dies. Zudem sind Wälder öffentlich und es gibt kein Gesetz gegen Baumhäuser. Deswegen werden wir auch nur geräumt wenn wir die Rodungen behindern. 

Die Besetzung der Gleise kann natürlich illegal sein. Aber für mich ist der Preis nicht zu hoch. Der Klimawandel ist wohl die größte Bedrohung der Menschheit. Und angesichts dieser sozialen und ökologischen Katastrophe finde ich es angemessen, auch mal Grenzen zu überschreiten.

Die Form des zivilen Ungehorsams gab es in der Geschichte immer wieder. Für mich ist das Urteil der Justiz nicht entscheidend, sondern wie das die nachfolgenden Generationen sehen und beurteilen.

An welche Beispiele in der Geschichte denken Sie?

Ein gutes Beispiel war der sogenannte Underground Railroad. Das war im 19. Jahrhundert ein Netzwerk von Menschen in den USA, das Sklaven bei der Flucht aus den Südstaaten nach Norden half. Dabei wurden Gesetze gebrochen. Heute würde niemand mehr sagen, dass diese Menschen Verbrecher waren, weil sie Sklaven befreit haben. Die Moral hat sich komplett geändert.

Ein anderes Beispiel sind die Suffragetten in Großbritannien. Die Frauenrechtlerinnen kämpften vor 100 Jahren für das Frauenwahlrecht, brachen die Gesetze und zündeten sogar aus Protest das Landhaus des britischen Premierministers an. Heute würde auch keiner mehr behaupten, dass das Frauenwahlrecht nicht so wichtig sei.  

Protest gegen Braunkohle im Hambacher Forst bei Köln (WDR)

Sie sind jung und zeigen vor der Kamera meist nicht ihr Gesicht, um sich vor einer Strafverfolgung zu schützen.

Sie sind seit Beginn der Waldbesetzung vor viereinhalb Jahren dabei. Wie hat sich das entwickelt?

Es gibt viele Leute die immer wieder kommen, aus Spanien, Finnland, Großbritannien, aus Italien. Es werden mehr Leute, die Bewegung wächst und ist international vernetzt. Die Widerstandsformen werden auch breiter. Früher gab es hauptsächlich Blockaden, mittlerweile gibt es auch Sabotage. Maschinen von RWE werden zerstört, um den Arbeitsfortschritt aufzuhalten.

Gleichzeitig regt sich auch immer mehr bürgerlicher Widerstand durch Petitionen, Demonstrationen und Menschenketten. Ich denke der Protest ist erfolgreich. Ohne den Protest hier wäre der Ausstieg aus der Braunkohle noch immer nicht auf der politischen Agenda. 

Der WDR hat gerade eine Fernsehdokumentation ausgestrahlt, vom Widerstand gegen den Stromriesen RWE. Sie sind eine ganz zentrale Person im Film. Für Sie ein Erfolg?

Die Öffentlichkeit ist ganz wichtig. Wir machen die Aktionen, um das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen, damit sich mehr Menschen dafür interessieren und selber aktiv werden. Nur so können wir erfolgreich sein.   

Es gibt jetzt ein globales Klimaabkommen. Wie optimistisch sind Sie, dass der Braunkohletagebau innerhalb der nächsten Jahre gestoppt wird?

Es gibt viele Faktoren und die Antwort ist schwierig. Die wirtschaftliche Lage von RWE ist nicht rosig und Tagebaue werden aufgegeben, wenn sie nicht mehr profitabel sind. Aber es gibt bei RWE auch viel Sturheit. Sie wollen nicht eingestehen, dass sie falsche Entscheidungen getroffen haben.

Zudem ist der Konzern noch sehr gut mit der Politik vernetzt und sichert sich dadurch Subventionen von mehreren Milliarden für den Weiterbetrieb. Optimismus fällt mir schwer und ich will meine Hoffnung nicht zerstören. Aber natürlich hoffe ich, dass in den nächsten paar Jahren der Braunkohletagebau hier aufhört.

Der Umwelt-Aktivist Clumsy (28) ist einer der Protagonisten im WDR-Film "Klimaschützer gegen Stromriesen – vom Widerstand im rheinischen Revier". Ein Jahr lang begleitete das Team um Karin de Miguel Wessendorf die Waldbesetzer.

Das Interview führte Gero Rueter.

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