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Politik

Es kann nicht sein, was nicht sein darf

Seit Jahren leben Juden und Moslems in Tunesien friedlich nebeneinander. Die Menschen hoffen, dass die Explosion vor der Ghriba-Synagoge auf der Ferieninsel Djerba daran nichts ändert.

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Moschee auf der Insel Djerba

Synagoge Djerba Tunesien

Das Innere der Ghriba-Synagoge

Youssef Gamoun will nicht glauben, dass es sich bei der Explosion vor der Synagoge um einen Anschlag handelt. Zu harmonisch, zu friedlich lebt der Goldschmied in Djerba seit Jahren mit Moslems zusammen. "Erst gestern haben wir noch selbstgemachtes Schmalzgebäck geteilt", sagt der 52-Jährige. Sein Geschäft liegt ungefähr zehn Kilometer von der Synagoge entfernt. An der Wand hängt ein Bild des tunesischen Präsidenten, daneben ein riesiger Davidstern.

Der Glaube an einen Zufall überwiegt

Mindestens elf Deutsche, vier Tunesier und ein Franzose sind durch die Explosion eines Tanklasters am Donnerstag (11. April 2002) ums Leben gekommen. Viele Menschen wurden schwer verletzt. Im Büro des deutschen Reiseveranstalters sammeln Mitarbeiter die persönlichen Gegenstände der Opfer ein. Fachleute untersuchen, wie es zu dem Unglück kommen konnte, ob es ein Unfall war oder ein Anschlag. Die jüdischen Händler auf der Insel glauben lieber an den Zufall. "Jeder vernünftige Mensch muss zugeben, dass so ein Unfall hier genauso passieren kann wie anderswo", sagt Youssef Gamoun.

Pläne für die Wallfahrt im Mai

Synagoge Djerba Explosion

Der Haupteingang der Ghriba-Synagoge wird neu gestrichen

Perez Trabelsi ist regelrecht wütend über "das böse Geschick". Er leitet die jüdische Gemeinde in Djerba und denkt vor allem an die Wallfahrt im Mai, zu der jedes Jahr Tausende von Juden kommen - und von der sich nun vielleicht viele abschrecken lassen. Die Ghriba-Synagoge ist die älteste Synagoge in Afrika. Natürlich wird die Wallfahrt auch dieses Jahr stattfinden, meint Trabelsi etwas trotzig: "Ich bin zuversichtlich. Selber schuld, wenn jemand nicht kommen will." Auch René Trabelsi hofft, dass die Explosion kein Anschlag war. Er ist am Donnerstagabend aus Paris angereist, wo er die Pilgerreise aus Frankreich organisiert: "Wenn man den Augenzeugen glaubt, war es wohl ein Unfall."

Der Alltag kehrt langsam zurück

Nach dem Unglück kehrt die Insel langsam zum Alltag zurück. Draußen ist es heiß und dunstig. In der Nähe vom Hafen spielen ein paar jüdische Jungen Fußball. Sie scheinen sorglos. Und so geben sich viele, wenn man sie nach ihrer Einschätzung fragt. Haddad Makhlouf betreibt etwas außerhalb seit 32 Jahren eine Tankstelle. Er wohnt in einem arabischen Viertel und findet, dass sich die Stimmung unter seinen Nachbarn gar nicht geändert hat: "Ich habe keine Angst."

"So etwas sieht uns nicht ähnlich"

Angst hat der jüdische Juwelier Daniel eher davor, dass ihm die Kunden wegbleiben. Er fürchtet, dass der Tourismus nach dem Unglück wieder einbrechen könnte - nachdem er sich gerade wieder erholt hatte. Die Anschläge vom 11. September hatten auch dem Schmuckhändler eine leichte Flaute beschert. "Hoffen wir, dass das keine Wellen schlägt. Denn es gibt Leute, die den Vorfall ausschlachten werden - zu Unrecht."

Sein Vater liegt auf einer Couch im Geschäft. Er ist 74 und erzählt, wie er am Donnerstag mit seinen tunesischen Freunden Khalifa und Abdelsalem die übliche Partie Domino gespielt hat. Bei seinem Sohn klingelt schon den ganzen Tag das Telefon. Daniels moslemische Freunde rufen an und fragen, ob es ihm gut geht. Daniel möchte von einer antisemitischen Tat nichts wissen. Er teilt die Erklärung, die in Djerba weit verbreitet ist: "So etwas sieht uns hier nicht ähnlich." afp/(pg)

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