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Wissen & Umwelt

"Es ist ein Krieg gegen die Energiewende"

Die fossile Energiewirtschaft kämpft aggressiv mit Fake News gegen die Energiewende, sagt Wirtschaftsforscherin Claudia Kemfert im DW-Interview. Und zwar nicht nur in den USA, auch in Deutschland und Europa.

Deutsche Welle: Frau Professor Kemfert, in der US-Regierung sind jetzt Klimaskeptiker an der Macht und Vertreter der fossilen Energieindustrie. Sie sehen weltweit ein Comeback der fossilen Energiewirtschaft. "Das fossile Imperium schlägt zurück", sagen Sie und so lautet der Titel Ihres gerade erschienen Buches. Worum geht es?

Die Energiewende ist eine Erfolgsgeschichte.Leider wird sie gerade ein Opfer ihres eigenen Erfolgs. Die Kosten für erneuerbare Energien sinken immer weiter und weltweit fließen sehr viele Investitionen in die erneuerbaren Energien. Das alles gefällt den Industrien nicht, die mit konventionellen Energien und Atomenergie Geld verdienen.

Da ist ein regelrechter Krieg zwischen der alten und der neuen Energiewelt entstanden. Das fossile Imperium schlägt zurück und dies sehr aggressiv. Sehr deutlich sieht man das in den USA, aber auch in Europa und in Deutschland, wo die Klimakanzlerin eigentlich die Energiewende befürwortet. Auch hier wundert man sich über manche rückwärtsgewandten politischen Entscheidungen.

Wie geht die fossile Energieindustrie vor?

Sie kämpft leider sehr erfolgreich um ihre Pfründe. Es werden Mythen und sogenannte alternative Fakten verbreitet. Man soll beispielsweise glauben, dass eine Stromversorgung mit erneuerbaren Energien nicht zuverlässig ist und dass Blackouts und ein Kosten-Tsunami drohen. 

Das ist alles falsch. Aber um Interessen durchzusetzen, werden immer mehr solche Fake-News verbreitet - und zwar mit großen PR-Budgets und hinter den Kulissen. Über soziale Medien landen diese Mythen letztendlich in den Köpfen der Menschen, und Politiker fällen entsprechende Entscheidungen.

In den USA sitzen die Handlager der fossilen Energiewelt unverblümt in der Regierung. In Deutschland wird offiziell zwar von Energiewende und Klimaschutz geredet, aber faktisch wird der Kohleausstieg verzögert.

Große PR-Abteilungen produzieren Fake-News?

Genau. Es sind PR-Kampagnen von professionellen Energiewende-Gegnern, die mit entsprechenden Budgets ausgestattet sind. Sie spielen mit gezinkten Karten und das sehr geschickt. Sie verbreiten in den sozialen Medien einprägsame Slogans, emotionale Bilder und Schlagworte, die sich leicht weitersagen lassen.

So finden sie großes Gehör. Und die Propaganda funktioniert. Bei all diesen Fake-News, Postfakten oder wie Sie es nennen wollen, sind wir Wissenschaftler jetzt gefordert, entsprechend mit Fakten dagegenzuhalten.

Infografik Stromkosten aus neuen Großkraftwerken in Deutschland 2014

Wer produziert die günstigste Energie? Gesamtkosten für Strom in Deutschland.

Sie sind Aufklärerin, eine bedeutende Ökonomin und eine wichtige Stimme in Wissenschaft, Medien und Politik. Werden Sie auch selbst angegriffen?

Als Wissenschaftlerin ist es nicht leicht, in diesem Geflecht durchzudringen. Die Gegner werden immer aggressiver, sie versuchen die wissenschaftlichen Aussagen zu diskreditieren. Das erleben viele Kollegen. Egal wo ich mich äußere, bekomme ich sofort oberlehrerhafte E-Mails von selbsternannten Experten oder üble Beschimpfungen aus anonymen Quellen. Das kostet Zeit und Nerven.

Kürzlich wurde meine persönliche Webseite gehackt und mit absurden Fotos von chinesischen Fahrrädern blockiert. Ich habe keine Ahnung, wer dahinter steckt. Aber an einen Zufall mag ich nicht glauben.

Weltweit werden fossile Energien laut IWF mit rund 5000 Milliarden Dollar pro Jahr subventioniert. Die Förderung von erneuerbaren Energien ist im Vergleich sehr gering. Trotzdem meinen viele Menschen, dass erneuerbare Energien teuer sind, teurer als aus fossilen Quellen. Wie kann sich trotz klarer Fakten dieses verzerrte Bild halten?

Die Propaganda wird systematisch auf allen Kanälen gestreut. Es wird solange das Lied vom teuren Ökostrom gesungen, bis man den Ohrwurm nicht mehr aus dem Kopf kriegt. Dabei wird bewusst mit zweierlei Maß informiert: Man spricht ständig über Subventionen von erneuerbaren Energien, aber über die weitaus höheren Subventionen für fossile Energien spricht man nicht.

Genauso werden die gigantischen Kosten der Atomenergie verheimlicht. Niemand hat den Eindruck, dass dort Kosten-Tsunamis entstehen, obwohl es sie tatsächlich gibt und sie auch real messbar sind. So sind die Fakten. Aber die Fake-News wirken wie ein schleichendes Gift. Die Propaganda setzt sich in den Köpfen fest und wird selbst von Befürwortern der Energiewende geglaubt.

Sind Politiker vor dieser Propaganda gefeit?

Nein, selbst in Deutschland nicht - trotz erfolgreicher Energiewende. Die Gegner der Energiewende setzen sich immer mehr durch. Das sieht man an merkwürdigen Entscheidungen wie der Abwrackprämie für Kohlekraftwerke oder an den überdimensionierten, teuren Stromleitungen. Daran erkennt man, dass die Politiker den Lobbyisten des fossilen Imperiums auf den Leim gehen. Es geht hier allein um Vorteile für diese sterbende Industrie. Jeder Tag, an dem die Energiewende gebremst wird, ist bares Geld.

Also eine Verzögerungstaktik?

Exakt. Darum geht es vor allen Dingen: um Verzögerungstaktik. Alle wissen, dass sich die erneuerbaren Energien auf lange Sicht durchsetzen werden. Aber ein länger laufendes Kraftwerk spült jeden Tag noch ordentlich Geld in die Kassen. Also wird die Energiewende ausgebremst, zum Teil wird sogar ganz offen von Tempolimit gesprochen, angeblich zum Schutz von was-auch-immer.

In Wahrheit geht es allein um wirtschaftliche Vorteile einzelner Industrien und sonst gar nichts. Der deutschen Volkswirtschaft kostet diese Festhalten an der Vergangenheit viel Geld. Den Entscheidern dieser Industrien ist das egal, ihnen geht es nur um die eigenen Interessen.

Infografik Potenzial Erneuerbarer Energien größer als Energie-Nachfrage

Bei einem Umstieg auf Erneuerbare werden fossile Energien nicht mehr gebraucht

Weltweit erleben wir einen Boom der erneuerbaren Energien. Ist der Durchbruch mit diesen Gegenkampagnen aufzuhalten?

Langfristig sicherlich nicht. Aber ich warne vor Überheblichkeit, weil die Zeit entscheidend für Zukunft ist. Je länger wir durch diese Störmanöver aufgehalten werden, desto teurer wird es. Und es wird immer dringender. Denn um den Klimawandel noch zu begrenzen, brauchen wir schnelle Entscheidungen, müssen den Ausbau von erneuerbaren Energien konsequent fortführen und die damit verbundenen wirtschaftlichen Vorteile vorausschauend nutzen.

Was sollte die Gesellschaft tun?

Alle sind gefordert. Die Energiewende muss verteidigt werden, von Bürgern und Wissenschaftlern, im Internet genauso wie sichtbar mit Demonstrationen auf der Straße.

USA March of Science in San Francisco | Klima (Getty Images/AFP/J. Edelson)

March of Science in San Francisco im April: Heftiger Widerstand gegen die klimafeindliche Politik von Präsident Trump

Welche Prognose geben Sie?

Wir werden diesen Kampf der fossilen Industrien gegen die Energiewende in den nächsten Jahren weiter erleben und er wird noch aggressiver werden.

In den USA sind die Handlanger der fossilen Industrien ans Ruder gekommen. In Frankreich und Deutschland sind Wahlen, dabei treten auch Klimaskeptiker und Kohle-Hardliner an. Man wird sehen, welchen politischen Einfluss sie gewinnen können. Je mehr Populisten und Handlanger der fossilen Energien in die Machtzentralen kommen, desto schwieriger wird es für die Energiewende und desto mehr muss sie verteidigt werden.

Die Entscheidung ist noch nicht gefallen…

Der Kampf ist komplett offen. Die nächsten Jahre sind entscheidend. Die Ökonomie wird langfristig für die Energiewende sprechen. Wenn diese Kämpfe noch viel länger dauern, wird es nicht nur teurer, es wird auch gefährlicher.

Denn mit der Energieversorgung sind auch geopolitische Risiken verknüpft. Der Klimawandel bringt erhebliche Nachteile, es gibt immer stärkere Konflikte um Ressourcen und so gerät die globale Sicherheit zunehmend in Gefahr. Die Energiewende ist im Umkehrschluss ein Friedensprojekt. Obendrein stabilisiert sie die Demokratie, weil sie partizipative Elemente hat. 

Wir haben momentan die besten Voraussetzungen, die weltweite Energieversorgung und den Klimaschutz intelligent miteinander zu verknüpfen. Wir sollten uns dabei nicht von den Kräften der Vergangenheit beirren lassen, sondern ihrer Propaganda widersprechen - laut und deutlich!

Prof. Claudia Kemfert ist Wissenschaftlerin für Energie und Klimaökonomie. Sie leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin. Sie ist eine mehrfach ausgezeichnete Spitzenforscherin, Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung (SRU) und im Club of Rome. Ihr Buch "Das fossile Imperium schlägt zurück" ist im Murmann-Verlag erschienen.

Das Interview führte Gero Rueter

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