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Asien

Erzbischof Charles Maung Bo: "Die Kirche in Asien muss ihre Stimme erheben"

Die katholische Kirche in Asien müsse eine führende Rolle als Fürsprecher der Armen haben, sagt Erzbischof Charles Maung Bo im DW-Interview. Er erhält als erster Geistlicher aus Myanmar die Kardinalswürde.

Deutsche Welle: Herr Erzbischof, wie haben Sie davon erfahren, dass der Papst Ihnen die Kardinalswürde verleiht?

Charles Maung Bo: Ich war in Indien, in Kolkata, als ich davon hörte. Abends rief meine Nichte aus Australien an und sagte, sie habe die Nachricht in Vatican TV gesehen. Ich meinte, das sei ausgeschlossen, und war total überrascht. Normalerweise informiert der Vatikan bei Entscheidungen ja zuvor die Personen, die es betrifft. Mich nicht - deshalb war es für mich so eine Überraschung. Dann kamen Mails mit Glückwünschen aus aller Welt. Einen persönlichen Brief des Heiligen Vaters habe ich zehn Tage nach der öffentlichen Ankündigung der Kardinalswürde bekommen.

Sie sind der erste Kardinal Ihres Landes überhaupt.

Meines Erachtens ist das im Leben und in der Mission von Papst Franziskus begründet. Er spricht ja immer wieder von der Perspektive der Ausgegrenzten, der Menschen am Rande. Dieses radikale Verständnis des Lebens und der Sendung der Kirche prägt alle seine Entscheidungen. Zeitungen weltweit haben erläutert, dass der Papst auch die Auswahl der neuen Kardinäle unter diesem Blick vorgenommen hat. Für das Volk von Myanmar ist das eine Ehre. Fünf Jahrzehnte lebten wir unter einer erdrückenden Diktatur. Diskriminierung lähmte die Christen. Das Überleben der Kirche und ihr Wachstum scheint vielen wie ein Wunder. So sehe ich die Kardinalsehre als Ruf, den Männern und Frauen unseres Landes zu dienen. Und es ist auch eine Anerkennung für die Bischöfe des Landes, deren Geduld und Klugheit die Kirche überleben ließen. Durch diese Ehrung ruft uns der Papst zu einem größeren Dienst an der Kirche und an unserer Nation, die derzeit eine kritische Situation durchlebt.

Katholiken in Myanmar (Foto: e Aung Thu/AFP/Getty Images)

Katholiken sind in Myanmar eine Minderheit

In dieser Nation ist die katholische Kirche eine Minderheit. Wie wichtig ist Ihnen der Dialog mit anderen Gruppen?

Er ist wichtig, um als Anwalt der Armen für Gerechtigkeit einzutreten. Da sind wir ja nicht einfach noch eine weitere Nichtregierungsorganisation - ganz und gar nicht. Nein, Kirche kann nur um jeden Preis für Wahrheit und Gerechtigkeit eintreten. Aber vor allem ist mir der Dialog der Kulturen in unserem Land wichtig.

Was heißt das?

Als Kirche sind wir ein ruhmreiches, buntes Volk. Denn letztlich ist die katholische Kirche die einzige Institution in Myanmar, der Menschen aus allen Ethnien und allen Kulturen des Landes angehören. Das ist eine Gnade, das bringt aber auch Herausforderungen. Und wir müssen darauf achten, dass die Kirche sich nicht nur mit einzelnen Stämmen identifiziert. Deshalb sind gegenseitiges Verständnis und gegenseitige Unterstützung sehr wichtig. Wir dürfen da nicht als Kirche nur einer Ethnie, eines Stammes auftreten. So muss die Kirche im eigentlichen Sinne katholisch werden. Das heißt: die nationalen Aufgaben mit dem gleichen Herzen und in einem Sinne angehen. So wollen wir bei Fragen der Menschenrechte und des Umweltschutzes einen Dialog über die Würde des Menschen und über Gerechtigkeit starten.

Wie dramatisch ist die Armut in Ihrem Land?

60 Prozent der Menschen in Myanmar sind sehr arm, 40 Prozent leben sogar in absoluter Armut. Nicht wenige leben in einer modernen Form der Sklaverei. Aber das war in unserem Land nicht immer so. Noch in den 1960er-Jahren war Burma eines der reichsten Länder Südostasiens. Die politischen Führer, die dann die Macht übernommen haben, arbeiteten wie wahre Experten an dem "Wunder", aus einem reichen Land eines der ärmsten Länder der Welt zu machen. Die Armut in Myanmar ist von Menschen gemacht. Und es mangelt heute nicht an Wohltätigkeit, sondern ganz einfach an Gerechtigkeit. Deshalb muss die Kirche in Asien mit anderen Minderheiten ihre Stimme erheben, um in der Wirtschaft für Gerechtigkeit zu sorgen. Kirche muss eine führende Rolle als Fürsprecher der Armen haben. Und wir haben uns da zwei wesentliche Aufgaben vorgenommen: das Recht auf Land - für Vertriebene und Binnenflüchtlinge - und das Recht auf Bildung. Aber grundsätzlich gilt: Die Armut in Myanmar ist Folge der Ungerechtigkeit, die auf unserem Volk lastet. Und wir werden nicht Ruhe geben, bevor den Armen Gerechtigkeit zuteil wird.

US-Präsident Barack Obama (l.) und Aung San Suu Kyi bei einem Treffen in Yangon/Myanmar (Foto: REUTERS/Kevin Lamarque )

"Aung San Suu Kyi verhält sich zu all dem ruhig"

Als Kardinal gehören Sie künftig zum engen Beraterkreis des Papstes, werden eingeladen zu den wichtigsten Treffen der katholischen Kirche. Derzeit diskutiert die Kirche weltweit Fragen der Familienseelsorge und der Sexualmoral. Spielen diese Themen für Sie auch eine Rolle - oder sind das nur in Europa Debatten?

Entwickelte Länder rund um den Globus haben dieselben Probleme beim Thema Familie. Ob Europa oder Amerika, ob Japan, Korea, Thailand oder Malaysia. In Myanmar mögen die Probleme bislang nicht so akut ein wie in anderen Regionen der Erde. Aber wenn sich das Land öffnet für Freiheit und Grundrechte, werden wir uns denselben Herausforderungen stellen müssen. Bislang vertuscht man solche Themen gelegentlich noch. Aber wir müssen uns da vorbereiten. Deshalb ist diese aktuelle Debatte auch für uns von Interesse.

Am Ende dieses Jahres stehen in Myanmar Wahlen an. Rechnen Sie mit einem demokratischen, fairen Verlauf? Oder braucht es mehr internationalen Druck auf die Regierung?

Ich glaube, die Wahlen würden fair sein, wenn es als Beobachter internationale Medien und internationale Wahlbeobachter geben wird. Aber die Militärs beanspruchen 25 Prozent der Sitze. Und die pensionierten Generäle, die ihre Uniformen gegen Straßenanzüge getauscht haben, versuchen alles, um die Mehrheit der Sitze erhalten. Aung San Suu Kyi verhält sich zu all dem ruhig, und ich finde sie mehr als geheimnisvoll. Vielleicht hat sie ihre eigene strategische Planung.

Charles Maung Bo (66) ist Erzbischof der größten Stadt von Myanmar, Yangon. In dem Land sind nur 1,3 Prozent der 55 Millionen Einwohner katholisch. Bo setzt sich seit Langem bei Regierung und Militär für den Schutz religiöser Minderheiten und für interreligiösen Dialog ein.

Das Interview führte Christoph Strack.

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