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Filme

Erschütterndes Sozialdrama: Ken Loachs "Ich, Daniel Blake"

Bei den Filmfestspielen in Cannes schnappte Ken Loach allen Favoriten die Goldene Palme weg. Jetzt kommt der Film in die Kinos und man versteht, warum gerade dieser Film die Jury so bewegt hat.

In drei Wochen werden sie wieder aufeinander treffen. Der deutsche Film "Toni Erdmann", I, Daniel Blake (auf Deutsch "Ich, Daniel Blake") und noch ein paar andere Werke, die schon in Cannes um die Gunst von Publikum und Jury wetteiferten. Sie alle sind nominiert für denEuropäischen Filmpreis, der am 10. Dezember in Breslau verliehen wird. Möglicherweise wird dann "Toni Erdmann" die Nase vorn haben, jener Film der deutschen Regisseurin Maren Ade, den viele Beobachter in Cannes als eindeutigen Favoriten ausgemacht hatten.

Kritik an der Goldenen Palme in der Presse 

Nach der Juryentscheidung vom Mai, die Goldene Palme an Ken Loachs Film zu vergeben, hatte es in der internationalen Presse zum Teil harsche Kritik gegeben. Die interessantesten und gelungensten Filme seien vergessen worden, kritisierte beispielsweise die britische Tageszeitung "The Guardian". "Le Monde" aus Frankreich schrieb, die Preisträger würden nicht die "außergewöhnliche Kühnheit" der diesjährigen Wettbewerbsbeiträge widerspiegeln. Und ein weiterer französischer Kritiker merkte an, "I, Daniel Blake" sei zwar ein "guter Film", "aber wenn es die Daseinsberechtigung des Festivals ist, originelle Stoffe auszuzeichnen, dann war das nicht die beste Wahl."

Cannes Filmfestspiele Ken Loach (Getty Images/AFP/V. Hache)

Ken Loach durfte schon seine zweite Goldene Palme entgegennehmen

Jetzt kann sich jeder Zuschauer in Europa ein eigenes Bild machen von "I, Daniel Blake". In den letzten Wochen und Monaten liefen so einige Wettbewerbsbeiträge aus Cannes in den Kinos an. Es waren viele sehenswerte, künstlerisch inspirierende Arbeiten dabei. Und doch hat "I, Daniel Blake" etwas, was die anderen Filme nicht haben. Es ist die enorme emotionale Wucht der Story, eine Empörung über die sozialen Missstände in England, die hier zum Ausdruck kommt. "I, Daniel Blake" ist ein Film voller Wut, aber auch Empathie, ein Film, so hat man den Eindruck, der von seinem Regisseur unbedingt gemacht werden "musste".

Eine einfache Geschichte - und doch erschütternd und bewegend

Es ist schon wahr, dass "I, Daniel Blake" formal, also filmkünstlerisch, dem Kino nichts Neues hinzufügt. Die Geschichte, die Ken Loach erzählt, ist denkbar einfach: Ein fast 60-jähriger Schreiner ist nach einem Herzinfarkt arbeitsunfähig. Die Leistungen des Sozialstaates werden ihm jedoch verweigert. Daniel Blake wird zu einem Opfer der Bürokratie und des unerbittlichen britischen Sozialsystems. Das zeigt Ken Loach in aller Konsequenz - mit guten Darstellern, glaubwürdigen Dialogen, einem authentischen Setting.

Filmstill Ich, Daniel Blake von Ken Loach (PROKINO)

Eingepfercht zwischen den Mauern des Sozialssystems: Daniel (Dave Johns) und Katie (Hayley Squires)

"Wenn wir genau hinsehen, dann erkennen wir, dass die staatliche Fürsorge für verzweifelte Menschen in Notlagen als politisches Instrument genutzt wird", sagt Ken Loach. "Die grausame Waffe ist die Bürokratie, die absichtliche Ineffizienz der Bürokratie: 'So wird es dir ergehen, wenn du nicht arbeitest. Wenn du nicht arbeitest, wirst du leiden!' Die Wut über diese Zustände war das Motiv für diesen Film."

Ken Loach: Anwalt der sozial Benachteiligten

Schon viele Jahre ist Ken Loach im britischen Kino der Anwalt der Entrechteten, der Armen und der Verlierer der Globalisierung. Das haben ihm manche vorgeworfen. Seine Filme machten es sich zu einfach, indem er sich stets auf die Seite der Verlierer stellt, lautet ein Vorwurf, dem sich der Regisseur oft ausgesetzt sieht. Und: Seine Filme versprühten keine künstlerische Kreativität, seien lediglich redlich erzählte Sozialdramen ohne großes filmkünstlerisches Risiko.

Filmstill Ich, Daniel Blake von Ken Loach (PROKINO)

Auch Katie flippt angesichts der sturen Bürokraten im Sozialamt aus

Ken Loach bekennt sich zu seinen linken Einstellungen, versteht sich als Kämpfer für die sozial Schwachen auf dem Regiestuhl. "Bei den örtlichen Arbeitsämterngeht es heutzutage nicht mehr darum, den Menschen zu helfen, sondern ihnen Steine in den Weg zu legen", gibt sich Ken Loach überzeugt. "Es gibt einen sogenannten Arbeitsvermittler, dem es nun im Gegensatz zu früher nicht mehr erlaubt ist, den Menschen verfügbare Arbeitsstellen anzubieten beziehungsweise bei der Arbeitssuche zu helfen." Das habe inzwischen "Orwellsche Ausmaße" erreicht.

Szenen von großer emotionaler Wucht

Nun ist es das eine, ein überzeugter politischer Kopf zu sein. Doch politische und gesellschaftliche Anliegen stehen künstlerischen Ambitionen nicht selten im Wege. Oft steht der erhobene moralische Zeigefinger einem überzeugenden künstlerischen Konzept entgegen.

Doch ist das bei Ken Loach tatsächlich so? Wer etwa die Szene in der Armenküche mit der alleinerziehenden Mutter Katie in "I, Daniel Blake" sieht, jener Frau, mit der sich Daniel Blake solidarisch verbündet im täglichen Kampf ums Überleben, der kann gar nicht anders als mit Erschütterung zu reagieren. Katie, die für sich und ihre beiden kleinen Kinder etwas zu essen organisieren will, bricht in ebenjener Szene vor lauter Verzweiflung und Hunger zusammen. Das ist erschütternd - und eine der eindringlichsten Szenen im internationalen Kinojahr 2016. Von solcher Wucht und Emotionalität, dass man sich ihr nicht entziehen kann. Es sei denn, man hat ein Herz aus Stein.

Filmstill Ich, Daniel Blake von Ken Loach (PROKINO)

Daniels couragierter Protest regt andere zum Widerstand an

Das ist es, was dann Ken Loach heraushebt aus einem "nur" sozialkritischen, gut gemeinten Kino. Es ist diese sehr authentisch wirkende Szenerie, die der englische Regisseur in seinen besten Filmen auf Zelluloid bannt. Es ist dieses traumhaft sicher inszenierte Zusammenspiel zwischen Schauspiel und Dialogführung, Regie-Kunst und Dramaturgie. Auch das ist eine ganz besondere Kunst des Kinos: Die Menschen so zu packen, dass sich die Kriterien der Bewertung verschieben - hier siegt die Geschichte über die Kunst, die Authentizität über formale Ambitionen.

Ken Loach steht für eine Richtung des Kinos - Maren Ade für eine andere

Und das spricht wiederum nicht gegen Regisseurinnen wie Maren Ade, die ihren ja ebenfalls gesellschaftlich-politischen Film "Toni Erdmann" auf eine ganz andere Weise erzählt. Wenn also am 10. Dezember bei der Verleihung der Europäischen Filmpreise diesmal sie die Deutsche die Nase vorn hat und Ken Loach leer ausgehen sollte, dann ist das ganz in Ordnung. Ade und Loach stehen für ganz unterschiedliche Pole des internationalen Kinos. Beide haben ihre Berechtigung.

Mehr zu Ken Loachs Film "Ich, Daniel Blake" auch in der neuen Ausgabe von Kino. Darin auch ein Bericht zum derzeitigen deutschen Kassenhit "Willkommen bei den Hartmanns".

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