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Kultur

Erleuchtung im Schnellverfahren?

Auf der Suche nach Glück und Seelenheil strömen immer mehr Menschen in Kabbala-Kurse, die sich auf uralte jüdische Traditionen berufen. Billig ist der neue Weg zur Erleuchtung nicht - und seriös auch nicht unbedingt.

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Das einstige "Material Girl" sucht spirituelle Erfüllung

Liz Taylor glaubt fest dran, David Beckham auch. Und Madonna will neuerdings nur noch Esther genannt werden und am Sabbat nicht mehr singen: Kabbala heißt der neuste Trend in Hollywoods Promi-Welt, angesiedelt irgendwo zwischen Religion, Esoterik und Sekte. "Es ist im Grunde eine praktische Lebenshilfe", sagt Heike Laila, die in Köln Kabbala-Seminare gibt: "Anhand des Namens und mystischer Zahlenschlüssel lässt sich herausfinden, welche Wege die Seele nehmen muss, und in welche Richtung sich ein Mensch entwickeln sollte."

Buch mit hebräischen Buchstaben

Hebräische Schriftzeichen sind der Schlüssel

Kabbala bedeutet übersetzt soviel wie "empfangen" und gilt als eine aus dem zwölften Jahrhundert stammende, mystisch-philosophische Ausrichtung des jüdischen Glaubens. Vor allem orthodoxe Juden berufen sich noch heute auf diese Tradition und fühlen sich durch den neuen Kult provoziert. Denn mit der ursprünglichen Kabbala hat diese neue Variante kaum mehr als den Namen gemeinsam. Für die Kurse von Heike Laila sind die Annahme des jüdischen Glaubens und das Studium der Thora nicht nötig: "Ich glaube, dass das Universum spirituellen Gesetzen folgt, die man verstehen lernen muss, um mit ihnen in Einklang leben zu können", erklärt sie.

Für jeden die eigene Religion

Antisemitismus in Frankreich wächst

Viele orthodoxe Juden empfinden den Kult als Verunstaltung ihrer Religion

Warum die Kabbala gerade in der Promiwelt so beliebt ist, kann sich auch Karsten Lehmann vom Institut für Religionswissenschaft an der Universität Bayreuth nicht erklären. Doch neu sei der Trend zur "Selfmade-Religion“ keineswegs. "Vielfältige Formen des Spiritualismus gibt es seit der Reformation“, erklärt er. Den Zulauf in jüngster Zeit führt er vor allem auf eine "Individualisierung der Gesellschaft" zurück: "Immer mehr Menschen wollen sich keiner Kirche oder Hierarchie unterordnen, sondern ihre eigenen spirituellen Erfahrungen sammeln."

Doch Erleuchtung gibt es nicht umsonst, wie das Beispiel des amerikanischen Rabbi Philip Berg zeigt, der mittlerweile Herr über ein Imperium mit rund 50 Kabbala-Zentren weltweit ist. Schätzungen zufolge pilgern bis zu drei Millionen Heilsuchende in seine Kurse, die für rund 300 Euro bequem und konsumentenfreundlich die Erleuchtung im Schnellverfahren versprechen. Unter seiner Anleitung huschen die Finger der Heilsuchenden über die hebräischen Schriftzeichen, um den Inhalt zu "scannen", eben die Kabbala-Light-Version.

Erleuchtung im Express-Kurs

Madonna besucht das Grab des Kabbalisten Rabbi Yehuda Ashlag in Jerusalem

Madonna besucht das Grab des Kabbalisten Rabbi Yehuda Ashlag in Jerusalem.

"Das ist Blödsinn", urteilt Rabbi Marc Stern von der jüdischen Gemeinde in Osnabrück. Anhänger der traditionellen Lehre widmeten sich jahrzehntelang dem Studium der Thora, "die Inhalte lernt man nicht in einem Express-Kurs. Das ist, wie wenn ein Sechsjähriger, der kaum zählen kann, Theoreme von Pythagoras verstehen soll.“ Als eine Verunstaltung seiner Religion empfindet er diesen Kult jedoch nicht: "Jeder kann machen was er will.“

In erster Linie sei es "Geldmacherei" findet Stern: "Wenn diese Zentren merken, dass sich Kursteilnehmer engagieren und integrieren, werden sie angezapft.“ Allein die Teilnahme am Weltkongress der Kabbalisten in Tel Aviv in der vergangenen Woche habe laut Stern umgerechnet rund 1000 Euro gekostet. Die Gegenleistung: Eine Audienz bei Rabbi Berg in Begleitung der eigens eingeflogenen Popdiva Madonna. Auch sie soll schon mit einer großzügigen Millionen-Spenden den Bau eines neuen Zentrums in London finanziert haben.

Bücher, Bändchen und Heilwasser

David und Victoria Beckham in Japan

Ein roter Faden gegen bösen Blick und böse Frauen

Von diesem Kabbala-Business distanziert sich auch Heike Laila: "Diese Lehre sollte allen zugänglich sein und nicht so kommerzialisiert werden.“ Daher verkaufe sie auch weder Heilwässerchen noch Tees und Steine, wie etwa Bergs Kabbala-Zentren, die das komplette Esoterik-Equipment im Angebot haben: Auch die unscheinbaren roten Wollarmbänder, die bereits an so vielen prominenten Handgelenken baumeln, gibt es dort für umgerechnet 30 Euro. Victoria Beckham soll ihrem Mann gerade ein solches geschenkt haben. Der rote Faden soll den bösen Blick - möglicherweise aber auch fremde Frauen - von ihm fern halten.

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