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Holocaust

Erinnerung aus zweiter Hand

Es gibt nur noch wenige, die den Holocaust erlebt haben und darüber sprechen können. Um ihre Erfahrungen lebendig zu halten, gibt es "Zweitzeugen", die über deren Schicksal weiter berichten. Von Sabrina Pabst, Gütersloh.

Das Warschauer Ghetto, Anfang der 1940er Jahre: Frieda Kliger lebt mit ihrer elfköpfigen Familie in einem kleinen Zimmer. Die sanitären Bedingungen sind katastrophal. Krankheiten breiten sich schnell aus. Die Essensrationen für Familie Kliger sind viel zu gering. Die Enge erdrückt sie. Während Frieda Kliger als Näherin außerhalb des Ghettos arbeitet, kann sie für einige Stunden der Enge entfliehen. Als sie eines Tages zurückkehrt, ist es totenstill. Ihre ganze Familie und Nachbarn wurden von den Nazis ermordet.

Stille. Kein Mucks ist von den 21 Schülerinnen und Schüler zu hören. Vanessa Eisenhardt hat mit dieser Geschichte die zehnte Klasse der Elly-Heuss-Knapp-Realschule in Gütersloh in ihren Bann gezogen. Eisenhardt arbeitet für den Verein "Heimatsucher - Schoah-Überlebende heute". Regelmäßig geht sie in Schulen und berichtet vom jüdischen Leben zur Zeit des Nationalsozialismus und heute.

Vanessa Eisenhardt (DW/S. Pabst)

"Zweitzeugin" Eisenhardt: "Zwei Tage lang geredet und geweint"

Vom Warschauer Ghetto hat die 10a schon mal gehört. Sie wissen, dass dort Hunderttausende Menschen gefangen gehalten wurden und auf die Deportation in ein Konzentrationslager (KZ) warten mussten. Über den Nationalsozialismus und die Judenverfolgung während des Zweiten Weltkriegs haben sie im Unterricht schon oft gesprochen, auch über Propaganda, Diskriminierung und Gewalt. Das Wort Schoah kennen sie nicht. Und auch eine persönliche Geschichte eines Holocaust-Überlebenden zu hören, ist für sie neu.

Suche nach einem neuen Leben 

Dass Frieda Kliger nicht erschossen wurde, grenzt an ein Wunder. Sie wird deportiert und in ein Vernichtungslager gebracht. Als sie schon nackt in der Gaskammer steht, wird sie in letzter Minute von einem Aufseher geholt. Er sucht Zwangsarbeiterinnen für das KZ Auschwitz. Frieda Kliger wird in die Baracken dort verlegt. Ihr Versuch, sich in Auschwitz das Leben zu nehmen, scheitert. Frieda Kliger wird in ein anderes Konzentrationslager gebracht, nach Bergen-Belsen.

Deportation von Juden aus dem Warschauer Ghetto (1943) (picture-alliance/dpa)

Deportation von Juden aus dem Warschauer Ghetto (1943): "So etwas kann man schwer in Worte fassen"

Dieser Ort markiert den Wendepunkt ihres Lebens: Als der Krieg zu Ende ist, wissen die Befreier des KZ Bergen-Belsen nicht, wohin sie die vielen Gefangenen bringen sollen. Frieda Kliger lebt also dort vorerst weiter und lernt ihren künftigen Mann in dem Lager kennen. Als erstes jüdisches Paar lassen sie sich im KZ Bergen-Belsen trauen. Gemeinsam wandern sie später nach Israel aus, um ein neues Leben zu beginnen.

Es ist noch immer ruhig. Eine Schülerin meldet sich: "Wie kann diese Frau mit ihren Erlebnissen leben?", fragt sie. "Frieda Kliger hat diese unfassbaren Dinge erlebt, aber noch heute kann sie ihr Herz öffnen", sagt Vanessa Eisenhardt vom Verein "Heimatsucher". Der Verein ist ein "Zweitzeugen"-Projekt, das sich zur Aufgabe macht, die Lebensgeschichten von Schoah-Überlebenden lebendig zu erhalten.

Um mit Zeitzeugen sprechen zu können, reisen Vereinsmitglieder nach Israel. Die Gespräche zeichnen sie auf und zeigen sie in Schulen und Ausstellungen. "Zwei Tage lang haben wir geredet, geweint und uns zum Schluss umarmt. So etwas kann man schwer in Worte fassen", lautet Eisenhardts Resümee ihrer Begegnung mit Frieda Kliger.

Verlorene Kindheit in Rumänien

Die Geschichtsstudentin Eisenhardt hat noch weitere Lebensgeschichten mit in den Unterricht gebracht: Wie die von Chava Wolf. Sie wurde 1932 geboren und wuchs in den Lagern in Transnistrien auf. Wie lange sie dort in notdürftigen Baracken irgendwo in einem Wald lebte, weiß sie nicht. 70 Jahre ist das jetzt her, doch die Demütigungen, ihre Verzweiflung, die Kälte und Nässe und ihr Kampf ums Überleben prägten sie noch heute. Chava Wolf fühlt sich ihrer Kindheit für immer beraubt.

Vanessa Eisenhardt in der zehnten Klasse der Elly-Heuss-Knapp Realschule in Gütersloh (DW/S. Pabst)

Klasse 10a der Elly-Heuss-Knapp Realschule in Gütersloh: Kein Mucks zu hören

1947 wanderte sie alleine nach Israel aus, um dort eine Familie zu gründen. Ihr Trauma verarbeitet sie in Gedichten und Gemälden. "Das Bild sieht aus, als hätte das ein Kind gemalt", sagt ein Junge und zeigt auf die naive, bunte Malerei, die an die Wand zwischen Reagenzgläsern und Tafel projiziert wird. "Man spürt, wie präsent ihre Vergangenheit ist", antwortet ein anderes Mädchen.

So unterschiedlich die Leben von Chava Wolf und Frieda Kliger sind, eins eint sie: Die Schoah-Überlebenden wollen ihre Geschichten und Erfahrungen weitererzählen. Sie kämpfen so gegen das Vergessen - ihre Lebensberichte sollen nach ihrem Tod weitergegeben werden und jüngeren Generationen eine Warnung sein. Und sie haben ein ganz persönliches Anliegen: Sie wollen mitteilen, wie viel Schmerz ihr Leben begleitet und wie sie im Alltag mit ihren Ängsten kämpfen. "Ich finde ihren Mut beeindruckend", sagt ein Mädchen, "dass sie durchgehalten haben und noch immer lebensfroh sind."

Briefe mit einfachen Worten

Die Schüler und Vanessa Eisenhardt diskutieren über Gerechtigkeit, sprechen über Gefühle der Ausgrenzung und der Ablehnung; sie ziehen Parallelen in die gegenwärtige Politik und Gesellschaft. "Heimatsucher e.V." hat seit der Gründung 2010 bereits mehr als 3500 Schüler erreicht. Das "Zweitzeugen"-Projekt ist bereits für Viertklässler vorgesehen.

In Briefen, die sie anschließend an die Holocaust-Überlebenden schreiben können, verarbeiten viele der Kinder ihre Eindrücke und Gefühle. Über 2000 Briefe wurden bisher in Israel an ihre Empfänger übergeben. Einige dieser Begegnungen werden als Video aufgezeichnet, um sie in den Klassen zeigen zu können. Darin liest eine Empfängerin einige dieser Zeilen vor. Die Worte der jungen Briefschreiberin sind einfach, aber treffend. "Es tut mir leid, was Du erleben musstest", beginnt ihr Brief. Die ältere Frau ist sichtlich gerührt. Sie lacht und weint. Sie spricht von Dankbarkeit und sagt, sie sei erleichtert, dass die Entscheidung richtig war, ihre Leidensgeschichte zu teilen.

"Ich habe auch noch eine Hausaufgabe für euch", sagt Eisenhardt. Ein Stöhnen geht durch die Reihen. "Ich möchte, dass ihr heute noch einem anderen eine der Geschichten erzählt, die ihr gehört habt", sie schaut durch die Reihen. Der Schulgong ist zu hören, doch niemand springt auf. "Die Zeitzeugen können das, was sie erlebt haben, nicht vergessen - und wir dürfen solche Schicksale nicht vergessen."

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