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Kultur

Engel sind Tabu

Karikaturisten sind auch in der arabischen Welt aktiv. Ihre Themen sind vielfältig: Von Kommunalwahlen bis zur globalen Erwärmung reicht die Palette. Nur von Kritik an Religionen halten sich alle auffallend fern.

Karikatur von Stavro Jabra (Foto: Mona Naggar)

Stavro Jabras Arbeitstag endet um 11 Uhr abends. Den ganzen Tag über verfolgt der 63-jährige Karikaturist in seinem Beiruter Atelier die Nachrichten. Erst sehr spät entscheidet er sich für die Themen, die er zeichnen wird. Stavro arbeitet für einige libanesische Tageszeitungen. Er legt großen Wert darauf, dass jede Karikatur, die aus seiner Feder kommt, aktuell ist: "Keine Zeichnung hält länger als 24 Stunden. Erst wenn die Zeitungen in Druck gehen, liefere ich mein Werk ab". Zuletzt hat er den Pilotenstreik bei der libanesischen Middle East Airlines behandelt und den Besuch der amerikanischen Delegation an der syrisch-libanesischen Grenze. Aber auch mit zeitlosen Themen setzt er sich auseinander, mit dem Hunger in der Welt, mit Armut oder Menschenrechten.

Porträt Stavro Jabra (Foto: Mona Naggar)

Stavro Jabra

Stavro gehört zu den bekanntesten Karikaturisten des Libanon. Seit Ende der 1960er Jahre arbeitet er für libanesische, arabische und internationale Zeitungen und Zeitschriften. Er versteht sich als Künstler, der das politische Geschehen mit seiner spitzen Feder kommentiert.

Keine Engel, keine Präsidenten

Karikaturen und Satiremagazine haben eine lange Tradition im Nahen Osten. Heute erscheinen Karikaturen täglich in vielen arabischen regionalen und überregionalen Zeitungen. Manche finden auch ihren Weg ins Fernsehen, wie bei den libanesischen Fernsehsendern al-Mustaqbal oder LBC. In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts erschienen in Damaskus, Aleppo oder Kairo unzählige Magazine, die das tägliche Leben und die Mächtigen aufs Korn nahmen. Auch religiöse Motive kamen vor. Der 76-jährige Karikaturist Jean Machalani, ebenfalls aus Beirut, kann sich noch gut an diese Zeit erinnern. Vor dem Putsch von Gamal Abdalnasser 1952 herrschte in Ägypten wirkliche Pressefreiheit - und zu jener Zeit blühten auch die Karikaturen, sagt Machalani: "Es gab über 50 Zeichner. Viele von ihnen waren unsere Vorbilder, und wir verfolgten alles, was sie produzierten." Der Niedergang der Satire kam mit der immer drastischeren Beschneidung der Freiheiten, führt er fort: "Auch die öffentliche Meinung war damals toleranter. Es war möglich, zwei Engel zu zeichnen, die sich über die hohen Telefongebühren unterhielten."

Karikatur von Stavro Jabra (Foto: Mona Naggar)

'Rassismus' - Karikatur von Stavro Jabra

Heute wären solche Zeichnungen unvorstellbar. Der Grund ist die zur Zeit beherrschende Rolle des Islam im öffentlichen Leben vieler arabischer Länder. Hinzu kommen landesspezifische Tabus. In Marokko, Saudi-Arabien oder Ägypten beispielsweise ist es undenkbar, die Staatsoberhäupter satirisch zu zeichnen und an den Pranger zu stellen. Auch fremde Machthaber aufs Papier zu bringen, kann Probleme bereiten. Als die in Bahrain erscheinende arabische Tageszeitung "al-Ayam" die Karikatur des Obersten Führers der islamischen Revolution im Iran, Khamenei, veröffentlichte, kam es zu wütenden Reaktionen der dort lebenden Schiiten.

Libanon: Mehr Freiheiten, aber...

Im Libanon gibt es mehr Freiheiten, sagt Jean Machalani. Unabdingbare Voraussetzung für einen Karikaturisten sei die gute Kenntnis der politischen Entwicklung in der Region. Eine nie versiegende Quelle der Inspiration ist für ihn der Volkshumor. Die neuesten Witze des Gemüsehändlers oder des Kioskverkäufers um die Ecke bringen ihn oft auf zündende Ideen. Stundenlang kann der erfahrene Karikaturist über seine Erlebnisse erzählen. Amüsiert berichtet er über den früheren libanesischen Präsidenten Raymond Eddé, der sich bei ihm beschwert habe: Machalanis Zeichnungen von sich fand er hässlich.

Porträt Jean Machalani (Foto: Mona Naggar)

Jean Machalani

Auch bei Stavro gehören der Staatspräsident, sämtliche Minister und Abgeordnete zu seinem Figurenkabniett. Ebenso wenig scheut er sich, religiöse Oberhäupter, die Teil des politischen Lebens sind, zu karikieren, den maronitischen Patriarchen etwa, den sunnitischen Mufti oder den Generalsekretär der Hisbollah, Hassan Nasrallah. Ansonsten hält er sich von der Religion fern. Das hat Stavro mit seinen arabischen Kollegen gemein und unterscheidet ihn von europäischen Karikaturisten. Offen gibt er zu, Selbstzensur zu üben: "Auf das Thema Religion gehe ich nicht ein, weder Christentum noch Islam. Ich habe damit nichts am Hut." Stavro verweist darauf, er lebe in einem Land mit 18 verschiedenen Konfessionen. Die Religionszugehörigkeit sei ein fester Bestandteil des politischen Lebens: "Als Karikaturist arbeite ich mit minimalistischen Stilmitteln, ich schreibe keine analytischen Artikel, in denen ich differenziert argumentieren kann! Warum soll ich Öl ins Feuer gießen?"


Autorin: Mona Naggar
Redaktion: Aya Bach

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