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Kultur

Was darf Satire?

Was darf die Satire? Alles. Und was kann man gegen sie machen? Auch alles. Bloß: Satire und ihre Gegner überschätzen einander. Es ist schon ein Kreuz mit der Satire: Sie soll treffen, aber niemanden verletzen.

Autor an der Schreibmaschine. Der Text, der aus der Maschine kommt, wird sofort von einer riesigen Schere beschnitten - Karikatur der Iranerin Firoozeh Mozafari (Copyright: Firoozen Mozafari)

Das Wort "aber" ist nur ein kleines Wort. Aber es kann manchmal den entlarven, der es benutzt. Wenn einer sagt: "Ich habe weiß Gott Humor, aber das geht zu weit" oder "Satire darf alles, aber es muss schließlich auch eine Grenze geben", dann darf man davon ausgehen, gerade hat ihn etwas – na, zumindest auf dem falschen Fuß erwischt. Da ist einer verletzt. Verletzungen tun weh. Was weh getan hat, kann ein schlechter Witz gewesen sein, zufällig mitgehört. Oder eine fallengelassene Bemerkung, gar nicht böse gemeint. Oder eben etwas, was absichtsvoll böse gemeint war, was treffen sollte und vielleicht auch verletzen sollte: eine Satire.

Satire ist gut. Gute Satiriker sind tot.

Karikatur auf die Pressezensur: Zwei Polizisten konfiszieren Zeitungen in Königsberg - eine Karikatur aus der Zeitschrift Kladderadatsch um 1860.

Polizei und Presse: Karikatur um 1860

Im Prinzip - aber eben nur dort - finden alle Satire gut. Große Satiriker werden bewundert, quer durch alle politischen Richtungen. "Ich werde nur das Mißtrauen nicht los", argwöhnte einst Kurt Tucholsky, "daß man den Ehrentitel 'großer Satiriker' erst dann verleiht, wenn der Mann nicht mehr gefährlich, wenn er tot ist. Der gestorbene Satiriker hat’s gut. Denn nichts ist für den Leser süßer als das erbauliche Gefühl der eigenen Überlegenheit, vermischt mit dem amüsanten Bewußtsein, wie gar so dumm der Spießer von anno toback war. [...] Die Angelegenheit wird gleich weniger witzig, wenn’s um das Heute geht".

Erlaubt ist (auch), was nicht gefällt


Porträt Kurt Tucholsky

Galionsfigur der Satire: Kurt Tucholsky

Heute ist 2010, Tucholsky ist längst tot, (wie sich das für einen großen Satiriker gehört), die Justiz ermittelt immer mal wieder und immer weiter. Aktuelles Beispiel: Die Zeichnung auf dem letzten Titelblatt der Satirezeitschrift "Titanic" griff den Missbrauchs-Skandal in der katholischen Kirche auf und zeigt von hinten einen Priester, dessen Gesicht sich dem Genitalbereich des gekreuzigten Jesus zuwendet. Insgesamt achtzehn Strafanzeigen erreichten die zuständige Staatsanwaltschaft Frankfurt. Allesamt wurden sie abgeschmettert. Zur Begründung hieß es, Satire lebe von Verzerrung und Übertreibung. "Volksverhetzung" sei nicht gegeben, da in der Karikatur nicht eine Gruppe, sondern eine Institution kritisiert werde. Aus diesem Grund liege auch keine "Beschimpfung von Bekenntnissen" vor, früher noch etwas schneidiger "Gotteslästerung" genannt.

Schnelle Schläge

Satirische Aussagen sind grundsätzlich rechtlich erlaubt und somit von dem Betroffenen hinzunehmen. Darf Satire also alles? Muss ein gläubiger Mensch hinnehmen, dass sich jemand über seinen Glauben lustig macht? Im Prinzip nein. Jedem steht es frei, vor Gericht zu gehen, die Aussicht auf Erfolg ist gering. Die "Titanic" hat mit Prozessen Erfahrung. Manchmal muss sie sich den Spaß was kosten lassen. Etwa jede zehnte Ausgabe des Monatsblatts musste von den Kiosken zurückgezogen werden. Im Regelfall sind die Hefte dann jedoch bereits verkauft. Satire ist schnell. Das ist ihr Geschäft.

Der Satiriker "kann nicht wägen — er muß schlagen" schreibt Kurt Tucholsky, und fährt fort: "Jedes Ding hat zwei Seiten — der Satiriker sieht nur eine und will nur eine sehen. Seine Stellung ist vorgeschrieben: er kann nicht anders, Gott helfe ihm, Amen."

Historische Titelbilder der 'Titanic' mit Helmut Kohl, Thomas Gottschalk und Papst Johannes Paul II.(Bild: TITANIC/Caricatura)

Jeder zehnte Ausgabe wird zurückgepfiffen - aber die 'Titanic' ist schneller.

Einseitigkeit auf beiden Seiten

Zwei Seiten stehen sich gegenüber. Der Dichter Robert Gernhardt bescheinigte aber nur einer Seite komplettes Nichtverstehen. Er stellte fest, "daß die Spaßmacher zwar die Ernstmacher verstehen können, sie gerade dann verstehen, wenn sie sie verspotten, daß aber die Ernstmacher nie etwas von den Spaßmachern begriffen haben und begreifen werden, gerade dann, wenn sie sie verdammen." Das aktuelle Titanic-Beispiel verdeutlicht den Dauerkonflikt. Im Netzwerk "Facebook" haben sich Mitglieder zusammengeschlossen sowohl in einer Gruppe "Wir protestieren aufs Schärfste gegen das aktuelle Titanic-Cover" als auch in einer Gruppe "Wir unterstützen aufs Schärfste das aktuelle Titanic-Cover".

Ehre statt Selbstironie

Fest steht: auch in der Zukunft wird die Satire für Ärger sorgen. Ohne "wenn". Und erst recht ohne "ABER". Denn: "Es ist ein ziemlich offenes Geheimnis, daß die Satiriker gerade in Deutschland besonders schwer dran sind. Die hiesige Empfindlichkeit grenzt ans Pathologische". So klagte vor einem halben Jahrhundert der Schriftsteller Erich Kästner: "Das Wort 'Ehre' wird zu oft gebraucht, der Verstand zu wenig und die Selbstironie — nie".

Autor: Stefan Reusch
Redaktion: Aya Bach