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Musik

Endstation "Blackstar": David Bowies letztes Album

Kurz vor seinem Tod, passend zu seinem 69. Geburtstag, veröffentlichte David Bowie "Blackstar". Mit dieser Platte schaffte die Pop-Ikone einmal mehr den Spagat zwischen musikalischer Innovation und Selbstzitat.

Das neue Jahr war gerade mal eine gute Woche alt, schon durfte sich die Popmusikwelt über das erste Highlight freuen: David Bowie beschenkte sich und seine Fans am 8. Januar, seinem 69. Geburtstag, mit einem neuen Album. Bowie, einer der größten Popkünstler des 20. und 21. Jahrhunderts, verstarb zwei Tage später am 10. Januar nach einem der Öffentlichkeit unbekannten Krebsleiden. Damit endete seine ewig andauernde Metamorphose, die seine seine ganze Karriere lange andauerte und ständige Stil- und Imagewechsel mit sich brachte.

Einen letzten radikalen Stilwechsel vollzog Bowie noch einmal auf seiner aktuellen Platte, die keineswegs einem Schema F folgt. Es fängt bereits beim beim Cover des Albums an: Ein schlichter schwarzer Stern auf weißem Hintergrund ziert das Artwork. Der Name der Platte "Blackstar" wird nicht ausgeschrieben, sondern durch das Symbol "★" dargestellt. Viel spannender ist aber, wie sich Bowies Sound seit seinem Comeback vor zwei Jahren noch einmal veränderte.

Album Blackstar von David Bowie

Das Cover der aktuellen Bowie-Platte "Blackstar"

Auf zu neuen Ufern

2013 sahen viele Kritiker "The Next Day", Bowies ersten Longplayer seit "Reality" aus dem Jahr 2003, als eine Reflexion seines bisherigen Lebenswerks. "Blackstar" bricht hingegen zu vollkommen neuen Ufern auf. Der Blick geht nicht nostalgisch zurück, wie zum Beispiel die Singleauskopplung des Vorgängers "Where Are We Now", die an Bowies Berlin-Zeit erinnerte. Stattdessen setzte Bowie auf moderne, futuristische Klänge, die sich den kommerziellen Spielregeln der Pop-Maschinerie entziehen.

Im Zentrum des neuen Sounds stehen jazzige Klänge, gepaart mit elektronischen Elementen, HipHop-Beats und zahlreichen weiteren Versatzstücken des Musik-Kosmos. Die Struktur der sieben Stücke entspricht oft nicht dem klassischen Strophe-Refrain-Schema, die Spieldauer der einzelnen Stücke sprengt die Länge typischer Popsongs.

Düsterer Future Pop

Das beste Beispiel dafür ist die erste Single des Albums, "Blackstar", die bereits im November erschien. Das Stück, das auch das Album eröffnet, ist alles andere als leichte Kost. Über zehn Minuten hinweg entfaltet sich ein düstere, geradezu mystische Stimmung, mit schrägen Melodien und Harmonien. Im Mittelteil bricht der beklemmende Kreislauf kurz in einem befreienden Intermezzo auf, um später wieder zum kalten Anfang zurückzukehren. Begleitet wurde die Single von einem aufwendigen Kurzfilm, der rituelle Beschwörungs-Zeremonien und Götzen-Verehrung auf einem fremden Planeten zeigt.

Die ursprüngliche Dauer des Songs wurde sogar noch gekürzt, um nicht die Länge zu überschreiten, die es bedarf, um Lieder einzeln und nicht nur in Verbund mit dem ganzen Album bei iTunes zu kaufen. Ein bisschen kaufmännisches Kalkül hatte sich Bowie beziehungsweise seine Plattenfirma also doch bewahrt, auch wenn diese Platte sicherlich nicht auf kommerziellen Erfolg abzielt. Den hatte Bowie mit mehr als 140 Millionen verkauften Tonträgern auch nicht mehr nötig. Inspiriert vom jazzigen Album "To Pimp A Butterfly" von Kendrick Lamar, wollte Bowie auf jeden Fall eines vermeiden: ein Rock-Album, wie sein Produzent Tony Visconti in einem Interview mit dem Magazin "Rolling Stone" erzählt. So rekrutierte Bowie die Band von Jazz-Saxophonist Donny McCaslin, die maßgeblichen Einfluss auf seinen neuen Sound hat, im New Yorker Club "55 Bar".

Eine Konstante in der Geschichte der Popmusik

Universität Paderborn - Christoph Jacke

Christoph Jacke leitet an der Universität Paderborn den Studiengang "Populäre Musik und Medien".

Das mediale Interesse am neuen Album zeigte, wie sehr das Phänom David Bowie nach wie vor begeisterte. Auch wenn er nach einem Herzinfarkt bei seiner letzten Tournee zehn Jahre lang kein Album mehr veröffentlichte, war David Bowie nie wirklich weg, erklärte Popmusikexperte Christoph Jacke im DW-Gespräch kurz vor Bowies Tod: "David Bowie ist eine konstante Einschreibung in die Popmusik-Geschichte und ist unter anderem durch Zitationen, Anspielungen und Verweise von jüngeren Bands immer präsent. Er hat es gar nicht nötig, ständig Geschichten oder Releases liefern zu müssen, sondern aktualisiert sich von Zeit zu Zeit." Dies hatte er mit seinem neuesten Werk einmal mehr getan.

Die Kunstfigur David Bowie

Trotz seiner konstanten Präsenz bleibt das immerwährende Rätsel im Raum stehen, wer David Bowie eigentlich war. Für Christoph Jacke eine Frage, die für einen "einen menschlichen Grundantrieb, Geheimnisse lösen zu wollen" steht und die Bowie seit mehreren Jahrzehnten gekonnt als unbeantwortbar aufrechterhielt. Von den ehemaligen Charakteren, die er über die Jahre seiner Karriere geschaffen hatte, hatte er sich verabschiedet: "All meine Figuren haben ihren Zweck erfüllt, jetzt können sie in Rente gehen." sagte er im letzten Interview vor seiner Pause über die von ihm geschaffenen Kunstfiguren Ziggy Stardunst, Major Tom oder den Thin White Duke.

Dabei sollte man nicht vergessen, dass auch David Bowie selbst eine Kunstfigur war, die äußerst gut funktionierte, meinte Jacke: "David Bowie braucht nicht mehr Ziggy Stardust oder Major Tom, denn er hat ja David Bowie als Kunstfigur erschaffen. Das ist eine starke eigene Figur, hinter der er sich gut verbergen kann."

Großbritannien David Bowie Ziggy Stardust Konzert in London

Bowies wohl bekanntestes Alter Ego: Ziggy Stardust

Auf "Blackstar" bewies David Bowie, dass er noch immer verstanden hatte, Eingängigkeit und Bekanntes mit Neuem zu verbinden und dadurch interessant zu bleiben, erklärte Jacke. In den neuen Stücken verweise Bowie nicht nur auf die Popmusik-Geschichte, sondern zitiere sich auch selbst. Diese Selbstzitation verdeutlicht den Stellenwert, den die Ikone David Bowie in der Musikwelt erlangt hat und zeigt gleichzeitig, dass sich die Frage nach David Bowies Identität immer nur für den Moment beantworten ließ.

Professor Dr. Christoph Jacke ist Studiengangsleiter des Studiengangs "Populäre Musik und Medien" an der Universität Paderborn.

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