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Kultur

Emil Nolde und die Nazis

An der Nolde-Retrospektive im Frankfurter Städel hat sich eine Debatte über die Einstellung des Malers zum Nationalsozialismus entzündet. Dabei sind die Fakten lange bekannt. Trotzdem wird erst jetzt ein Mythos zerstört.

Der Mythos hat seine eigene Geschichte geschrieben: Der berühmte deutsche expressionistische Maler Emil Nolde sei ein von den Nazis verfolgter mit Malverbot belegter Künstler gewesen. Sein Werk wurde im Dritten Reich als "entartet" klassifiziert und kam deshalb nicht in den Kunsthandel. Ein Mythos der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte, von Nolde selbst gepflegt, aber auch von der Kunstkritik und der Literatur: der Roman "Deutschstunde" von Siegfried Lenz, Schullektüre für lange Jahre, thematisiert indirekt auch Noldes Schicksal.

Die Wahrheit lautet auch: Nolde war glühender Anhänger nationalsozialistischen Gedankenguts. Seine Schriften, die Autobiografie und zahlreiche Briefe, die der Künstler an Nazi-Größen schrieb, belegen das eindeutig. Dazu gehörten auch antisemitische Kommentare, insbesondere gegen jüdische Künstler wie Max Liebermann und Galeristen wie Bruno Cassirer. Noch nach Beginn des Zweiten Weltkriegs kämpfte Nolde um Anerkennung - bei den Nazis.

Ein komplizierter Fall

Der "Fall Emil Nolde" ist höchst komplex. Zum einen, weil eben jener Mythos auch auf Fakten beruht. Die Bilder Emil Noldes wurden tatsächlich von den nationalsozialistischen Kunsthäschern verboten. Viele waren in der berüchtigten Münchner Ausstellung

"Entartete Kunst"

von 1937 zur Schau gestellt. Nolde wurde untersagt, Kontakt zu Galerien und dem Kunsthandel zu pflegen und sich so aktiv als Künstler seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Emil Noldes Blumenbilder im Städel (Foto: Jochen Kürten)

Die starkfarbigen Blumenbilder Noldes sind weltberühmt

Auf der anderen Seite ist die Einstellung Noldes zum

Nationalsozialismus

seit langem bekannt - nicht nur in der Fachwelt. Jeder, der wollte, konnte sie in seiner Biografie nachlesen. Am Mythos des "entarteten Künstlers" hat sie jedoch kaum gekratzt. Es ist das Verdienst der Emil-Nolde-Schau im Frankfurter Museum Städel (6.3.-15.6.2014) diesen komplexen Sachverhalt darzulegen und zu interpretieren. Die erste große Nolde-Retrospektive seit einem Vierteljahrhundert soll deshalb auch der Beginn einer umfassenden und wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Künstler sein. Zwei Kunsthistoriker machen im

Ausstellungskatalog

mit einem fundierten Beitrag den Anfang.

Transparenter Umgang mit dem Werk

Ausstellungs-Kurator Felix Krämer und Museumschef Max Hollein ziehen im Gespräch mit der Deutschen Welle an einem Strang: "Es war genau das Ziel dieser Ausstellung, auch mit der Geschichte Noldes so transparent wie möglich umzugehen", sagt Hollein. Zum ersten Mal werde das grundlegend aufgearbeitet und publiziert. "Eine Retrospektive über einen solchen Künstler zeigt einerseits die Entwicklung des gesamten Oeuvres, sie befasst sich aber auch ganz bewusst mit der Entwicklung, der Rezeption und der Geschichte dieses Künstlers während verschiedener Epochen," so Hollein. Bei Nolde sei dies geradezu "eine Notwendigkeit."

Bildergalerie Emil Nolde Max Hollein

Max Hollein vor Noldes Gemäldezyklus "Das Leben Christi" im Städel

Felix Krämer, der die Nolde-Schau in Frankfurt zusammengestellt hat, pflichtet dem bei. Dass die große Kunstschau jetzt derart in den Fokus einer historischen und auch moralischen Debatte gerät, stört ihn nicht. "Ich finde es wichtig, dass darüber gesprochen wird. Dass es, wenn man 2014 eine Ausstellung zu Emil Nolde macht, ganz selbstverständlich ist, wenn man in aller Offenheit auch die historischen Fakten auf den Tisch legt und darüber spricht."

Nolde im Kanzleramt

Allerdings plädiert der Kurator für einen differenzierten Umgang mit Nolde. Es sei "ein komplexes Thema", dass sich nicht für die "schnelle Schlagzeile" eignet. Eine solche könnte ja auch heißen: "Nazi-Kunst im Bundeskanzleramt". Im Kanzleramt hängen an prominenter Stelle Nolde-Gemälde. Jüngere offizielle Fotos aus dem Machtzentrum der Berliner Republik zeigen Merkel im Gespräch vertieft mit US-Außenminister Kerry, im Hintergrund: Emil Noldes Gemälde "Die Welle". Auch der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt war ein Nolde-Fan und zeigte sich gern vor Bildern des Malers.

Bildergalerie Emil Nolde Felix Krämer

Kurator Felix Krämer vor Noldes "Grablegung"

Muss Nolde nun abgehängt werden? Wohl kaum. Krämer weist auf die "andere Geschichte" des Emil Nolde hin: Es gebe "keinen anderen Künstler, dessen Werk in Deutschland so massiv beschlagnahmt wurde, wie Nolde in den deutschen Museen." Das "Großverbot, das über ihn verhängt wurde, war ausgesprochen drastisch." Das sei auch menschlich ein Drama gewesen, fügt Krämer hinzu: "1937 war der Künstler bereits 70 Jahre alt. Für die damalige Lebenserwartung ein Greis."

Kein Held - aber auch ein Opfer

Der Künstler Emil Nolde tauge "nicht als ungefilterter Held, wie das mitunter in der Bundesrepublik der Nachkriegsgeschichte geschehen ist", sagt Krämer. Man müsse den Fall in seiner Komplexität wahrnehmen. Es sei nicht leicht zu "unterscheiden" zwischen der ideologischen Einstellung Noldes, die man nicht wegdiskutieren könne und der künstlerischen Verdammung durch die Nazis.

Emil Nolde-Schautafel in der Städel-Ausstellung in Frankfurt (Foto: Jochen Kürten)

Gut dokumentiert in der Städel-Ausstellung: Nolde und das NS-Regime

Der Schlüssel zur Aufklärung liegt darin begründet: Noldes Werk entsprach zu großen Teilen überhaupt nicht den ideologischen Kunst-Vorstellungen der braunen Machthaber. Anders als dem Nationalsozialismus offen nahestehende Künstler wie Filmregisseurin Leni Riefenstahl, der Bildhauer Arnold Breker oder mancher Blut-und Boden-Dichter, schuf Nolde ein Werk, dass auch die böse Fratze der Menschheit abbildete. Trotzdem malte und zeichnete er auch Landschaften und Blumenwiesen, die mancher Nazi als reine "deutsche Kunst" klassifizierte. Doch seine Gemälde und Aquarelle, die in Themen aus Religion und Gesellschaft eintauchten, mussten einfach ideologisch verbrämte Nationalsozialisten in ihrer Radikalität und

Moderne

vor den Kopf stoßen und die NS-Machthaber provozieren.

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