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Wirtschaft

Emden und der Schatten des VW-Skandals

Wo immer der VW-Konzern seine Werke hat, die Stimmung ist derzeit angespannt. Denn keiner weiß, wie der Autobauer die Abgaskrise überstehen wird. Godehard Weyerer berichtet aus Emden an der deutschen Nordseeküste.

An der Kesselschleuse, wo sich der historische Stadtgraben und der Ems-Jade-Kanal kreuzen, hat der Rollschuhclub Emden sein Vereinsgelände. Der Vorsitzende Helmut Gerdes begrüßt Hans-Georg Wehmhörner, den Vorsitzenden des Sportbundes. Beide gehen in das Vereinsheim. Wehmhörner kommt auf den Kunstrasen zu sprechen. 570.000 Euro hätte es gekostet, ihn auf dem Platz des benachbarten Fußballvereins zu verlegen. Die Stadt sagte zu, die Kosten zu übernehmen. Dann brach die Abgas-Affäre über Emden herein. Der Sportbund sprach bei der Stadt vor und machte ihr den Vorschlag, auf den Kunstrasen erst einmal zu verzichten. "Dann haben wir ein Pfund, mit dem wir wuchern können und ihr lasst die Vereine zumindest dieses Jahr in Ruhe." Die Stadt habe dem zugestimmt. "Aber ob die Kürzungen dann 2017 kommen, das wissen wir noch nicht."

Autos Export Emden

Vom Hafen Emden aus werden Hunderttausende Auto jährlich in alle Welt verschifft.

Wie hoch werden die Steuerausfälle sein?

Die VW-Krise trifft Emden, gelegen ganz im Nordwesten Deutschlands, hart. Der Autobauer war der größte Steuerzahler der Stadt. Ein Drittel der 70 Millionen Euro, die jährlich an Gewerbesteuern in den Stadthaushalt flossen, kam von VW. Ende Januar legte die Stadtverwaltung eine erste Streichliste vor. Und geht davon aus, dass sich VW wieder rasch erholt. Bernd Renken hätte mit weitaus höheren Defiziten und geringeren Gewerbesteuereinnahmen gerechnet. Er sitzt im Rat der Stadt Emden und ist dort Mitglied des Finanzausschusses. "Selbst 2016 geht die Stadtverwaltung nach wie vor von 50 Millionen Euro Gewerbesteuern aus." Erst in den darauf folgenden Jahren sollen es dann 20 Prozent weniger werden. Renken blickt auf die Finanzkrise 2009 zurück. "Drei Jahre später hatten wir dann die höchsten Gewerbesteuereinnahmen in unserer Geschichte." Die Situation heute lasse sich seiner Überzeugung nach aber nicht mit einer konjunkturellen Delle vergleichen. "Wir haben es mit einer Unternehmenskrise und einem ganz groß angelegten Betrugsmanöver zu tun."

Schlechte Stimmung in der Stadt

Die Abgas-Krise begann in den USA. Die amerikanischen Behörden werfen dem VW-Konzern Tricksereien und Täuschung vor. Auch bei der Aufarbeitung des Skandals läuft es beim VW-Konzern nicht rund. Das wird hier in Emden sehr genau registriert. Beispielsweise im Taxi-Unternehmen Elmenhorst. Junior-Chef Simon Schlötel kommt von einer Kundenfahrt zurück auf den Betriebshof. Taxifahrer kennen die Stimmung in der Stadt. "Ja, sie hat sich gewandelt", sagt er. Die, die bei VW oder in den Zuliefererfirmen arbeiten, seien in erster Linie enttäuscht und verunsichert, wie es nun weitergeht. Bei denen, die nicht bei Volkswagen tätig sind, herrsche Frust und Wut vor. "Da stehen jetzt Kürzungen und Streichungen an, die der kleine Mann nicht zu vertreten hat, aber jetzt ausbaden muss."

VW Passat GTE 2015

Der VW-Mittelklassewagen Passat, gebaut in Emden.

Was kommt auf die Stadt zu?

Zurück zu den Sportanlagen. Helmut Gerdes, der Vorsitzende des Rollschuhclubs, verabschiedet sich von Hans-Georg Wehmhörner vom Stadtsportbund und sperrt das Vereinsheim zu. Der Flachbau stammt aus den 1970er Jahren. Vieles ist mittlerweile renovierungsbedürftig. Die Fenster, das Dach, die Toiletten und Duschen. Helmut Gerdes nimmt es gelassen. "Das ist ja genauso wie zu Hause. Wenn man das Geld nicht zusammen hat, dann muss man zurückstecken." Gerdes sagt, es sei immer riskant, wenn sich eine Stadt von einem Arbeitgeber abhängig macht, und erinnert an die Nordsee-Werke mit einst 4000 Beschäftigten. "Das konnte sich auch nie jemand vorstellen, dass es eines Tages die Nordsee-Werke nicht mehr geben würde."

9000 Menschen arbeiten heute im Emdener VW-Werk, 2000 sind es in den Zulieferer-Betrieben. Niemand kann sagen, wie sich der VW-Skandal langfristig auswirken wird auf den Absatz, auf die Mitarbeiter, auf die Menschen, die Emden leben. Der Mittelklassewagen vom Typ Passat läuft hier vom Band und wird direkt vom Emdener Hafen in alle Welt verschifft. 11 Millionen Fahrzeuge des gesamten VW-Konzerns sind von der Abgas-Manipulation betroffen. Sie umzurüsten kostet eine Stange Geld. Nicht zu vergessen die Strafen, die das Unternehmen wird zahlen müssen. Eine zweistellige Milliarden-Summe steht im Raum. Wenn es VW finanziell an die Gurgel geht, dann sieht die Zukunft für Emden düster aus.

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