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Fokus Südosteuropa

"El Balkaneros" und rheinischer Wein

Hüpfende Menschenmassen, Kirchengesang und rhythmische Trompeten, alle unter einem Dach. So sieht es aus, wenn der Musiker Goran Bregovic ein Stück Balkankultur nach Bonn in einen Konzertsaal bringt.

Goran Bregovic (Foto: Chiponda Chimbelu)

Goran Bregovic in Bonn

Im Rahmen des jährlichen Beethovenfestes wurde vor drei Jahren das "Junge Beethovenfest" gegründet. Die Idee dahinter: Schülern die Möglichkeit zu geben, wie Erwachsene ein Projekt zu entwickeln und in den Alltag der Berufswelt einzuführen. Dieses Jahr stand der Balkankünstler Goran Bregovic auf dem Programm. Der Musiker tourt mit seinem "Orchester für Hochzeiten und Begräbnisse" durch die Welt und ist vor allem durch die Mischung von Gypsy-Brass-Klängen des Blasmusikorchesters mit den Stimmen eines Männerchors der orthodoxen Kirche und Rock-Musik bekannt. Nicht zuletzt wegen seiner Kompositionen für Filme wie "Arizona Dream" mit Hollywood- Star Johnny Depp oder dem in Cannes ausgezeichneten Film "Underground" von Emir Kusturica hat Bregovic sich international einen Namen gemacht.

Goran Bregovic mit der Autorin Tanja Spanovic vor dem Konzert (Foto: Tanja Spanovic)

Goran Bregovic mit der Autorin Tanja Spanovic vor dem Konzert

Ein echter Jugoslawe schlechthin

Geboren wurde der Musiker 1950 in Sarajewo, sein Vater ist Kroate, seine Mutter Serbin und er selbst ist mit einer Bosniakin verheiratet. Angefangen hat der Musiker in einem Striptease-Klub. "Man kann sein Leben super in einem Striptease-Klub verbringen. Das Geld ist gut und die Mädchen sind nett", sagt er. In den siebziger Jahren wurde er dann durch seinen Erfolg mit der Rockgruppe "Bijelo Dugme" (Weißer Knopf) im gesamten Balkangebiet bekannt. Der Rockband gehörten Kroaten, Serben und Bosniaken an. Wie Bregovics Wurzeln, so war auch seine Band multiethnisch zusammengesetzt. Und auch ihre Musik ist dementsprechend jugoslawisch: Sie trägt Elemente der bosnischen, der kroatischen und auch der serbischen Volksmusik. Diese Verbindung von Rockmusik und Folklore schien das Geheimrezept ihres Erfolges zu sein. Im Jahr 1989 ging die Gruppe allerdings auseinander und bald darauf zerfiel auch der Vielvölkerstaat.

Kurz vor Ausbruch des Krieges verließ Bregovic seine Geburtsstadt Sarajewo und ging nach Paris. Hier knüpfte er an seine bereits in Sarajewo entstandene Leidenschaft, Filmmusik zu komponieren, an. "Ohne den Krieg wäre ich jetzt bloß ein pensionierter Rock-n-Roll-Star aus der Provinz", kommentiert er seine Karrierelaufbahn.

Bulgarische Frauenstimmen Daniela Radkova-Aleksandrova und Ludmila Radkova-Traikova (Foto: Chiponda Chimbelu)

Auch Bulgarische Frauenstimmen gehören zu der Gruppe Bilder: Die Schwestern Daniela Radkova-Aleksandrova und Ludmila Radkova-Traikova

Roma-Blasmusik und Streichorchester

Seine Musik ist geprägt von Klängen des Streichorchesters und dem Gesang des orthodoxen Männerchors, sie schmückte unter anderem Filme des ebenfalls aus Bosnien stammenden Regisseurs Emir Kusturica. Parallel zu der Filmmusik ließ sich Bregovic auch auf ein anderes Musikgenre ein. Seine einst erfolgreiche Rock-n-Roll-Musik schrieb er um und ergänzte sie durch Gypsy-Brass. Er nahm also eigene schon vorhandene Musik und recycelte sie, änderte sie so um, dass eine neue Form der Balkanmusik entstand. Traditionelle Blasmusik, die im Balkan üblicherweise auf Familienfesten oder Hochzeiten zu hören ist, wurde durch Bregovic zu einem international bekannten Musikgenre.

Durch seine Musik schimmern Bregovics balkanische Wurzeln durch: Bulgarische Sängerinnen in traditionellen Trachten, kirchlicher Männergesang, Zigeunerische Blasmusik. Bregovic selbst trägt in gewisser Weise Jugoslawien in sich. Er sagt, dass er sich nicht mehr definieren könnte. Denn sein Heimatland gibt es nicht mehr – sowohl das Land als auch die Sprache haben sich verändert. Für ihn ist Heimatland nichts Politisches oder Geographisches. Er findet, es ist etwas "emotionales, mit all den Orten und den Freunden, die Erinnerungen wecken. Heimat ist der Ort, an dem sich dein Herz gut fühlt". Auf die Frage, ob er sich selbst als Kroate, Serbe oder Bosnier sieht, antwortet er: "Ich weiß nicht, wer ich bin. Ich bin so vermasselt. Mein Vater ist ein katholischer Kroate, meine Mutter eine orthodoxe Serbien, meine Frau Muslimin und meine armen Kinder. An Ramadan sind sie Muslime, an Ostern sind sie Orthodoxe und wenn sie Lust haben, sind sie auch noch Katholiken."

Kirchlicher Männerchor als Teil der Gruppe Weddings and Funeral Orchestra (Foto: Chiponda Chimbelu )

Bregovic mischt verschiedene musikalische Traditionen und Stile - auch kirchlicher Männerchor ist dabei

Super Stimmung, Blasen an den Füßen und durch geschwitzte Kleider

Für die Schüler war diese Art von Musik allerdings absolutes Neuland. "Anfangs waren wir noch ein bisschen skeptisch, aber man muss sich einfach auf die Musik einlassen und dann ist es total toll", sagt Lena, die Marketing-Expertin des Events. Mit dem Lied des Eurovision Song Contests 2010 "El Balkaneros", das Bregovic komponierte, eröffnete er sein Konzert. Blitzartig fing der Saal an zu beben. Die Hände gingen hoch, Menschenmassen fingen an zu hüpfen und die Zuschauer auf den begehrten Sitzplätzen wippten allesamt synchron und im Takt ihre Beine.

Mitten in der hüpfenden Masse fanden sich auch einige, die im Kreis Hand in Hand das auf dem ganzen Balkan übliche "Kolo" tanzten. Anfangs saßen noch einige, nun standen sie und stiegen sogar auf die Stühle und tanzten von dort oben fröhlich weiter. Die Schülerin Lena musste ihre Schuhe ausziehen, sie erzählt warum: "Ich habe mir Blasen getanzt. Wir standen ja in der ersten Reihe und haben mitgetanzt, bei der tollen Stimmung ging das ja auch nicht anders!". Ein Konzert also, das alle zum Hüpfen und Schwitzen brachte. Das Publikum, sichtlich begeistert von der Musik, hat sogar die Erwartungen der Schüler übertroffen. Die Schülerin Vivienne wusste zwar, dass "das Konzert ausverkauft ist, aber dass so eine Stimmung herrscht und alle Menschen mittanzen", hätte sie nicht gedacht.

Goran Bregovic und sein Weddings and Funeral Orchestra (Foto: Chiponda Chimbelu )

Konzert in Bonn: Goran Bregovic und sein "Weddings and Funeral Orchestra"

Balkan kommt in Bonn an

Rhythmische Blasmusik aus dem Balkan, Streichorchester aus Osteuropa, orthodoxer Männerchor aus Belgrad und ein internationales Publikum – eine multikulturelle Mischung. Bregovic hat es geschafft durch seine Musik, den Menschen den Balkan und seine Kultur etwas näher zu bringen. Mit einer bayerischen Brezel in der linken und einem Glas rheinischen Riesling in der rechten Hand singt und hüpft eine Besucherin sogar nach dem Konzert fröhlich weiter. "Es war einfach genial! Ich kann zwar noch nicht meine Schultern so schnell hin und her bewegen, wie Bregovics Landsleute hier während des Konzertes. Das muss ich mir noch beibringen lassen. Aber bis zum nächsten Konzert schaff ich das schon. Da bin ich auf jeden Fall noch einmal mit dabei!"

Autorin: Tanja Spanovic

Redaktion: Zoran Arbutina