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Politik

Eisschmelze in Fernost

China und Japan bemühen sich, aus dem Schatten ihrer schwierigen gemeinsamen Vergangenheit zu treten. Chinas Premier Wen Jiabao ist zu einem Besuch in Japan eingetroffen, der "das Eis schmelzen" soll.

Chinas Premier Wen Jiabao (l.) und sein japanischer Amtskollege Shinzo Abe (Quelle: AP)

Chinas Premier Wen Jiabao (l.) und sein japanischer Amtskollege Shinzo Abe in dessen Residenz in Tokio

China und Japan feiern 2007 den 35. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Zugleich jährt sich aber auch das Nanking-Massaker zum 70. Mal. Ende 1937 wurden dabei in der ostchinesischen Stadt Nanking rund 300.000 Chinesen von japanischen Soldaten niedergemetzelt.

SW-Foto von Truppen, die durch ein Tor marschieren (Quelle: AP)

Januar 1938: Japanische Truppen marschieren in ein chinesisches Regierungsgebäude in Nanking

Am Mittwoch (11.4.2007) reist nun mit Wen Jiabao zum ersten Mal seit sieben Jahren ein chinesischer Ministerpräsident ins Nachbarland Japan. Er freue sich auf eine "eisschmelzende" Reise , sagte Wen Jiabao vor seiner Abreise. Der China-Besuch des japanischen Premierministers Shinzo Abe direkt nach seinem Amtsantritt im vergangenen Oktober wurde ebenfalls als "eisbrechende Reise" bezeichnet. Der Auftauprozess soll also weitergehen. Aber wie?

Schwierige Vergangenheit

Nach seinem Amtsantritt Ende September 2006 reiste Abe sofort nach China und Südkorea. Er hat eine gemeinsame Lehrbücherkommission mit China ins Leben rufen lassen und hat bis heute den Yasukuni-Schrein, in dem auch japanische Kriegsverbrecher verehrt werden, nicht besucht. Dies ist umso bemerkenswerter als dass er als "Adler" – ein Politiker aus dem rechtskonservativen Spektrum - bekannt ist. "Daran sieht man, dass Abe ein Staatsmann mit vielen strategischen Einsichten ist." Überraschenderweise kommt das dicke Lob von einem chinesischen Japan-Experten - Huang Dahui ist Professor an der Renmin University of China.

Der ehemalige japanische Premierminister Koizumi betet am Yasukuni-Schrein (Quelle: AP)

Der ehemalige japanische Premierminister Koizumi am Yasukuni-Schrein

Vor seiner Japan-Reise sagte Wen Jiabao, er hoffe, dass ein Besuch des Schreins durch japanische Staatsführer "nie mehr passiert". In dieser Frage "wackelt" Abe noch, sagt Yin Hong, ebenfalls Professor an der Renmin University of China. Dies sei aber der entscheidende Faktor für die chinesisch-japanischen Beziehungen. Und für Abe, der im eigenen Land derzeit politisch angeschlagen sei, läge seine einzige Erfolgschance in der Verbesserung der japanisch-chinesischen Beziehungen. "So sehr er den Schrein auch besuchen möchte – er muss sich davon fern halten."

Gegenwart mit Problemen

Gasbohrplattform im Meer (Quelle: AP)

Die Öl- und Gasförderung im ostchinesischen Meer ist ein Streitpunkt

Gleichwohl steht die Vergangenheit nicht wirklich im Mittelpunkt des Staatsbesuches. "Sollten historische Probleme zentrale Diskussionsthemen sein, werden sich die Beziehungen nicht verbessern", meint Yin Hong. "Doch die chinesische Regierung legt ihr Augenmerk neben historischen Problemen auf aktuelle Probleme." Die betreffen vor allem Konflikte um Energie – besonders die Erdölerschließung im ostchinesischen Meer – und der Streit um Hoheitsgewässer und regionale Einflussbereiche.

Wachsender bilateraler Handel

Trotz aller Probleme scheint eine weitere Konsolidierung des Tauwetters wahrscheinlich. Tatsächlich sind die Effekte des besseren Verhältnisses seit der Amtsübernahme von Abe deutlich zu beobachten: Die japanischen Exporte nach China stiegen in den ersten Monaten des Jahres im Vergleich zum Vorjahr um fast die die Hälfte.

Chinesischer Polizist vor japanischer Botschaft in Peking (Quelle: AP)

Wie weit geht die Annäherung der beiden Staaten?

Doch wie bei der Vergangenheitsbewältigung warten auch hier Probleme: Seit den antijapanischen Demonstrationen in China vor zwei Jahren sind in beiden Ländern die öffentlichen Sympathiewerte für die jeweils andere Nation geradezu eingebrochen, wie Huang Dahui berichtet.

Strategische Partnerschaft für die Zukunft

Wen Jiabao wird mit seiner geplanten Rede vor dem japanischen Parlament der erste chinesische Staatsführer seit 22 Jahren sein, der auf diesem Podium spricht. Während seines dreitägigen Aufenthaltes wird er neben Premierminister Abe auch den japanischen Kaiser besuchen.

Die Einladung zum Gegenbesuch hat Abe bereits angenommen: Noch in diesem Jahr will er abermals China besuchen. Abe sagte zudem zu, dass Japan in den nächsten fünf Jahren jährlich 6000 chinesische Jugendliche einladen wird, um den Austausch zwischen den Jugendlichen beider Länder zu erweitern, "Missverständnisse zu beseitigen und ein Verständnis zu fördern, das nützlich für das zukünftige Schaffen beider Länder sein wird."

"Schulter an Schulter" in Ostasien

Antijapanische Demonstration in Peking (Quelle: AP)

Antijapanische Demonstration in Peking

Es ist aber bei weitem noch nicht alles rund. Der chinesische Staatspräsident Hu Jintao hat einen angekündigten Japan-Besuch doch abgesagt. Offenbar möchte China Distanz wahren und nicht voreilig seine Verhandlungsbasis einschränken. Trotzdem sehen chinesische Japan-Experten in Zukunft eine besondere strategische Beziehung der beiden Länder. Das "Schulter-an-Schulter-Stehen der beiden Mächte in Ostasien wird immer augenfälliger", sagt Huang Dahui. "In den chinesisch-japanischen Beziehungen laufen gerade strukturelle Modifikationen, deren Einflüsse weit reichen werden. China entwickelt sich von einer politischen zu einer wirtschaftlichen Macht, Japan von einer Wirtschaftsmacht zu einer politischen. Für die Japaner bedeutet dies, im Inland vom Nachkriegsstatus Abschied zu nehmen und international eine wichtigere Rolle zu spielen – einschließlich des Strebens nach einem ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat."

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