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Geschichte

Eismann: Interaktiver Zugang zum Holocaust

Die Internetseite der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem ist ein Wissensportal zum Holocaust. Im DW-Interview spricht Koordinatorin Sara Eismann über das neue deutschsprachige Angebot.

Sara Eismann (Foto: Yad Vashem/Lilach Tamir)

Yad Vashem Sara Eismann

DW: Warum ist die deutschsprachige Internet-Seite der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem jetzt online gegangen?

Sara Eismann: Das Anliegen von Yad Vashem ist es, so viele Informationen wie möglich über den Holocaust zu verbreiten. Es gibt die Seite in anderen Sprachen wie Hebräisch und Englisch bereits seit einigen Jahren. In Deutschland sind viele Informationen über den Holocaust erhältlich - unter anderem von verschiedenen Gedenkstätten -, und sehr viele Deutsche gehen erst einmal über unsere englische Seite. Darum war es zunächst sinnvoller, andere Sprachen anzubieten, in denen dieser Zugang eben nicht gewährleistet ist: Entweder, weil die Menschen nicht auf eine englischsprachige Webseite gehen. Oder weil sie in Ländern leben, in denen eventuell keine umfangreichen und akkuraten Informationen erhältlich sind. Deswegen war unser jüngstes Projekt eine Internet-Seite auf Persisch. Auch Arabisch gibt es schon. Dadurch, dass die "Friede Springer Stiftung" freundlicherweise angeboten hat, uns bei der Internet-Seite auf Deutsch zu unterstützen, war das jetzt ein passender Zeitpunkt dafür.

Was findet man denn auf der neuen deutschsprachigen Webseite?

Zum einen wird ein Überblick in 40 Kapiteln geboten, der die Geschichte der Juden besonders auch in Deutschland erzählt: Vom Ende der 1920er Jahren bis zu den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir zeigen aber nicht nur die inhaltlichen Fakten, sondern wir bieten auch die Aussagen von Zeitzeugen. Zusätzlich gibt es Tagebuch-Einträge, Fotos und andere Dokumente. Zum anderen ist der Forschungsbereich wichtiger Teil der Seite. Hier ist unter anderem die zentrale Datenbank mit den Namen von insgesamt 4,2 Millionen Holocaust-Opfern zu finden. Ein weiteres besonderes Projekt ist unsere Datenbank zu den Deportationen während des Holocaust, der Shoa.

Hier kann man bislang 500 Transporte von Juden aus Gebieten des "Dritten Reichs" in Ghettos oder Vernichtungslager verfolgen. Dort wird nicht nur das genaue Datum des Transports angegeben und wie viele Menschen sich darauf befanden. Sondern man kann auch etwas über die Opfer erfahren: Wer saß in diesem Zug, welche Berufe übten diese Menschen aus? Wie war das Alter dieser Deportierten und wie endete ihr Schicksal? Eines der wichtigsten Anliegen ist es, nicht nur die historischen Daten zu nennen, sondern das persönliche Schicksal jedes einzelnen Opfers zu beleuchten.

Screenshot: Deportationen von Juden während der Nazi-Zeit sind auf der deutschen Seite von Yad Vashem nun in Details nachvollziehbar (Copyright: Yad Vashem The Holocaust Martyrs and Heroes Remembrance Authority)

Deportationen von Juden sind auf der deutschen Seite von Yad Vashem nun in Details nachvollziehbar

Welche Inhalte sind extra für die deutsche Seite erstellt worden?

In den 40 Kapiteln über die Judenverfolgung wurde ein zusätzlicher Abschnitt über die deutschen sowie deutschsprachigen Juden und ihr Schicksal eingefügt. Es gibt vier extra angelegte Online-Ausstellungen für das deutsche Publikum. In anderen Sprachen unserer Webseite haben wir schon gesehen, dass das eines der beliebtesten Angebote ist. In der Abteilung "Die Gerechten unter den Völkern" wurden Informationen über eine größere Zahl von deutschsprachigen "Gerechten" angelegt. So werden Menschen bezeichnet, die während des Nazi-Regimes Juden geholfen haben.

Es wurden 21 Vorträge von Holocaust-Historikern auf Deutsch aufgenommen, die über Themen reden, die ganz besonders für das Schicksal von deutschen Juden oder die Geschehnisse in Deutschland relevant sind. Und wir haben eine sehr große pädagogische Abteilung, die Internationale Schule für Holocaust-Studien, die auf der Webseite verschiedene pädagogische Materialien wie Lehrpläne und Online-Kurse, Stundenpläne und anderes für Lehrer zur Verfügung stellt.

Sind diese Lehrinhalte nochmals für Deutschland speziell erstellt worden oder ähneln die sich in allen Ihren Online-Sprachen?

Das Lehrmaterial wird ganz speziell von Muttersprachlern nur für den deutschen Sprachraum angelegt. Die deutschsprachige Abteilung in unserer Internationalen Schule für Holocaust-Studien stellt schon seit einigen Jahren Anleitungen für Lehrer und andere Pädagogen im Internet zur Verfügung. Hier wurde für die deutschsprachige Webseite von Yad Vashem die Arbeit nochmals ausgeweitet. Man kann unsere Online-Ausstellungen im Unterricht verwenden und bekommt gleich schon die pädagogischen Materialien dazu.

Hatte man in der Gedenkstätte Yad Vashem vielleicht auch den Eindruck, dass es Zeit für eine deutsche Seite war, weil Deutsche anfangen, den Holocaust zu vergessen und er speziell bei jungen Menschen aus dem Fokus gerät?

Man kann sagen, dass es immer Yad Vashems Anliegen ist, für die junge Generation aktuell und interessant zu sein. Und in einer Zeit, in der es immer weniger Holocaust-Überlebende gibt, ist es umso wichtiger, neue Möglichkeiten zu finden, um gerade junge Menschen an dieses Thema heranzuführen. Und die sind heutzutage im Internet. Unser Archiv hat mehr als 154 Millionen Seiten von Dokumentationen, und es ist uns wirklich wichtig, dass diese Daten in ganzem Umfang dargestellt werden.

Welche Erwartungen haben Sie an Ihre neue deutsche Webseite?

Die Seite möchte einen sehr einfachen, interaktiven Zugang zu den Informationen über den Holocaust bieten. Unsere Hoffnung ist, dass möglichst viele Menschen die Seite besuchen, lesen, hier etwas lernen, mehr herausfinden wollen - und dadurch der Opfer auch in gewisser Weise gedenken.

Sara Eismann ist Koordinatorin für die neue deutschsprachige Webseite der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, die seit dem 28. Januar 2013 online ist. "Yad Vashem" ist Hebräisch und bedeutet "Denkmal und Name". Die zentrale israelische Gedenkstätte für die sechs Millionen jüdischen Opfer des Holocaust ist zugleich das größte Archiv und Dokumentationszentrum über die Vernichtung der Juden während des deutschen Nazi-Regimes. Yad Vashem wurde 1953 in Jerusalem gegründet, die Seite yadvashem.org ging 1999 zunächst auf Hebräisch und Englisch online. Seitdem sind die Sprachen Spanisch, Russisch, Arabisch, Persisch und nun Deutsch hinzugekommen. 2012 registrierte das Portal nach eigenen Angaben zehn Millionen Nutzer aus 200 Ländern.

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