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Geschichte

Buchenwald: Publikumsmagnet und Lernort

Vor 75 Jahren, im Juli 1937, wurde das Konzentrationslager Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar errichtet. Die heutige Gedenkstätte zieht Menschen aus aller Welt an. Eine Ortsbesichtigung.

Weiter Platz, im Vordergrund Stachdraht Foto: DW

Der ehemalige Appellplatz heute

Jenseits der Bäume dehnt sich ein grünes Tal, ein paar Dörfer sind sichtbar, es ist sonnig und still. Eine Sommeridylle - wäre da nicht das Torgebäude, der riesige, fast leere Platz, der Zaun, die Wachttürme. Buchenwald wurde 1937 mitten hinein gebaut in ein beliebtes Urlaubs- und Wandergebiet, auch architektonisch ausgerichtet am Vorhaben der Menschenvernichtung. Die kalte, windige Nordseite dachte man den Häftlingen zu, auf der klimatisch günstigeren Südseite des Geländes wurden die Bauten für SS und Lagerleitung errichtet.

Über die Blutstraße

"Das Lager war kein Geheimnis", sagt Historiker Ronald Hirte beim Rundgang. Jeder habe es sehen können von unten, damals, als der Wald noch nicht so dicht stand wie heute. Buchenwald, zehn Kilometer von Weimar entfernt, war ein Menetekel in der Nachbarschaft, ein Ort des Grauens - von dem man unten in der Stadt der Künste nichts wissen wollte. "Dabei haben viele Unternehmen gut von der Arbeit der Häftlinge gelebt", erzählt Hirte. Tausende Menschen aus ganz Europa wurden ab 1937 hierher deportiert, mussten zu Fuß von Weimar herauf marschieren. Später hat eine Bahnlinie die Stadt mit dem Lager verbunden, gebaut von Gefangenen, ebenso wie die Zufahrtsstraße, die heute noch "Blutstraße" heißt.

Die Blutstraße, von Häftlingen gebaut. Copyright: DW/Cornelia Rabitz 07.06.2012

Die Blutstraße hin zur Gedenkstätte Buchenwald

Auf dem Appellplatz, der sich jetzt kahl und leer auf dem Hügel ausdehnt, standen die Häftlinge morgens und abends stundenlang zum Zählappell. Im Torgebäude mit der Aufschrift "Jedem das Seine" kann man noch den Bunker besichtigen, eine Reihe von winzigen, licht- und luftlosen Räumen, in denen SS-Aufseher Gefangene quälten und ermordeten. Hier ist es stickig, beklemmend, beängstigend. Eine Gruppe Frauen drängelt sich durch den Gang, sie flüstern in Spanisch, Englisch und Polnisch. Draußen sind inzwischen zahlreiche Schulklassen angekommen.

Eine wichtige Bildungsaufgabe

Mindestens zwanzig solcher Jugendgruppen täglich sind in der Gedenkstätte Buchenwald heute die Norm. "Das Interesse wird immer größer, die Besucherzahlen steigen", berichtet Historiker Hirte. Auch die beiden Bildungshäuser vor dem Gelände sind meist belegt. Es ist die dritte oder vierte Nachkriegsgeneration, die hier Fragen stellt und lernt. Das Gedenkstättenteam hat ein umfangreiches pädagogisches Programm ausgearbeitet, stellt Arbeitsblätter zur Verfügung, organisiert Projekttage. Hier soll keine Schuld verteilt, nicht moralisiert werden, sagt Gedenkstättenleiter Volkhard Knigge: "Wir wollen Fragen von der Gegenwart an die Vergangenheit richten." Menschenrechtsverletzungen, Ausgrenzung, Rechtsextremismus und Nationalismus werden als moderne Phänomene vor dem historischen Hintergrund ausgeleuchtet. "Das ist heute eine zentrale historische, politische und ethische Bildungsaufgabe", betont Historiker Knigge.

Zwei 14-jährige Jungen knien vor einer Gedenktafel mit den Herkunftsländern der ehemaligen Häftlinge: "Wir sind mit der Schule da, unsere Lehrerin hat uns herumgeführt, jetzt müssen wir ein paar Aufgaben lösen, zum Beispiel, wo die Gefangenen her kamen, und wie viele hier gelebt haben." Ihnen und den vielen anderen jungen Leuten sieht man an, dass das hier kein Routinebesuch ist. Unten, vor den Toren des Krematoriums, wird noch ein bisschen herumgeblödelt, beim Gang vorbei an den Verbrennungsöfen und der – allerdings nachgebauten – Genickschussanlage sind alle verstummt.

Auch eine Gruppe amerikanischer Studentinnen ist gerade hier. Eine von ihnen berichtet, ihr Großvater habe als US-Soldat das Lager mit befreit, gesprochen habe er darüber aber nie. Und dann sind da noch Menschen aus Polen und Russland, die still und ernst das weitläufige, von wenigen Bauten markierte Gelände abschreiten. Nicht alle indes zollen diesem Ort des Todes den nötigen Respekt – eine Minderheit möchte nichts aus der Geschichte lernen. In einem Buch, in dem sich die Besucher eintragen können, sind auch Reaktionen wie diese dokumentiert: "Wir hatten viel Spaß hier, vielen Dank, Hitler!"

Gedenktafel für ermordete Frauen und Mädchen mit eingelassen Steinen. Copyright: DW/Cornelia Rabitz 07.06.2012

Ein Gedenkstein zur Erinnerung an ermordete Frauen und Mädchen

Historischer Ort als Vorbild

Die Frage, was heute gezeigt, wie der Ort kommentiert werden muss, was authentisch ist, was unglaubwürdig, beschäftigt die Teams in Buchenwald immer wieder aufs Neue. Man verzichtet hier auf Effekte, auf billigen Nachbau von Baracken zum Beispiel. "Wir wollen keine wohlfeilen Bilder bedienen", sagt Ronald Hirte: "Wie eng und laut es da drin war, wie es gestunken hat, das kann man heute sowieso niemandem mehr vermitteln".

Die neu gestaltete Gedenkstätte Buchenwald – ein Ort kritischer historischer Selbstreflexion, wie Leiter Knigge sagt – ist für andere Länder zum Modell geworden. In einem partnerschaftlichen, nicht überheblichen Sinn. "Überall auf der Welt, in Südamerika, Ruanda, Südafrika, in Ungarn, im ehemaligen Jugoslawien gibt es Menschen, die sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzen. Wir unterstützen und ermutigen sie bei der Suche nach einer eigenen Erinnerungskultur, einer Kultur, die den Opfern Anerkennung und Respekt verschafft, die die Verbrechen nicht verschleiert, sondern beim Namen nennt." In Deutschland sei die historische Aufarbeitung der NS-Vergangenheit zu einem staatstragenden Projekt geworden und trotz vieler Widerstände in der Mitte der Gesellschaft angekommen. "Es ist eine Erfolgsgeschichte – aber nicht so, dass man sich jetzt auf den Lorbeeren ausruht und sagt: Erinnerungskultur brauchen wir nur noch, um zu zeigen, wie weit wir es gebracht haben."

Fundstücke vom Lagergelände. Copyright: DW/Cornelia Rabitz 07.06.2012

Restaurierte Fundstücke in der Werkstatt

Die Frage nach dem Warum

In einer Werkstatt türmen sich rostige Blechtöpfe, alte Stiefel, verbogene Teller: Fundstücke vom Gelände, Hinterlassenschaften der Häftlinge, die hier von jungen Leuten unter Anleitung gesäubert und restauriert werden. Adrian und Fabian, die einen Freiwilligendienst leisten, sind gerade beschäftigt, Rost von einer Schale zu klopfen. Sie betreuen auch Jugendgruppen und machen Führungen. „Manchmal ist es einfach Arbeit, Alltag“, sagen sie. "Aber es gibt auch Momente, in denen es schwer ist." Und auf die Frage, was ihn dazu gebracht hat, in der Gedenkstätte zu arbeiten, antwortet Fabian: "Schwer zu sagen. Aber es war wohl das Warum, das mich am meisten bewegt hat".

Gräberfeld I des Speziallagers Nr. 2. Unmittelbar hinter dem ehemaligen Lagerzaun am Nordhang des Ettersbergs beginnt das zu einem Waldfriedhof umgestaltete Gräberfeld. Es umfasst etwa 800 größere und kleinere Massengräber. Sie sind durch Edelstahl-Stelen in Menschengröße markiert.. Sammlung Gedenkstätte Buchenwald. Foto: Peter Hansen

Gräberfeld des sowjetischen Speziallagers

Vom KZ zum Speziallager

Am Ende des Krieges ist Buchenwald das größte Konzentrationslager auf dem Territorium des einstigen Deutschen Reiches. Menschen aus ganz Europa werden dorthin verschleppt - insgesamt 250.000 Menschen. An Folter, medizinische Experimente und Auszehrung sterben 56.000 Menschen einen qualvollen Tod. Besondere Bedeutung hat das KZ unweit der Klassikerstadt Weimar durch das berüchtigte Lager Mittelbau Dora. Dieses ist zum Synonym geworden für das menschenverachtende System der NS-Zwangsarbeit. 60.000 Menschen aus ganz Europa, vornehmlich aus der Sowjetunion, Polen und Frankreich waren dort gezwungen, für die deutsche Rüstungsindustrie zu arbeiten und so unfreiwillig den Krieg zu verlängern - unter Bedingungen, die ein Drittel nicht überlebten.

Heute wird inzwischen nicht mehr nur der jüdischen Opfer, der politisch Verfolgten aus aller Welt, der sowjetischen Kriegsgefangenen, der Sinti und Roma gedacht. Auf dem Gelände sind seit wenigen Jahren auch Gedenksteine für die lange vergessenen Opfergruppen abgelegt: Wehrmachts-Deserteure, Homosexuelle, Zeugen Jehovas. In der Nähe unter Bäumen und Buschwerk gelegen ist das Denkmal, das an das "Kleine Lager" erinnert. Ein Quarantänelager, das zum Sterbeort für Tausende wurde, die 1944 aus den Lagern im Osten Europas hierher deportiert und unter unvorstellbaren Bedingungen eingepfercht wurden.

In mehreren Ausstellungen kann man Wissen vertiefen – auch über das sowjetische Speziallager, zu dem das ehemalige KZ kurz nach dem Krieg umfunktioniert wurde. Von diesem Lager sind nur noch wenige Spuren übriggeblieben. Man sperrte dort Menschen einen, denen man Unterstützung des NS-Regimes vorwarf - ein Verdacht, der sich nicht in allen Fällen erhärten ließ. Was aber für die sowjetischen Behörden keine Rolle spielte: Schon der Verdacht reichte für eine mehrjährige Haftstrafe aus - ein zu DDR-Zeiten tabuisiertes Kapitel. Tausende Menschen, die zwischen 1945 und 1950 an Hunger und Krankheiten zugrunde gingen, liegen in Massengräbern, die man inzwischen zu Friedhöfen umgestaltet hat. Buchenwald ist ein Ort doppelten Gedenkens geworden.

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