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Politik

Einwanderung ist Streitthema beim EU-Brasilien-Gipfel

Jahrhundertelang zog die Hoffnung auf Reichtum Portugiesen nach Brasilien, doch inzwischen hat sich die Richtung der Migration gedreht. Der erste EU-Brasilien-Gipfel will sich deshalb auch dem Thema Einwanderung widmen.

Illegale Einwanderer stehen in Lissabon an, um Aufenthaltsgenehmigungen zu beantragen (Archivbild), Quelle: AP

Illegale Einwanderer stehen in Lissabon an, um Aufenthaltsgenehmigungen zu beantragen (Archivbild)

Der Espaço da Amarelinha, eine Strandbar im Lissabonner Nobel-Vorort Cascais, ist Treffpunkt zahlreicher Exil-Brasilianer. Unter den Gästen ist das Ehepaar Rodrigues. Seit 16 Jahren leben beide in Portugal, ganz legal und inzwischen mit der doppelten Staatsbürgerschaft. "Das war nicht leicht, aber wir haben es geschafft", erzählt Frau Rodrigues. "Ich fühle mich als wäre ich in Brasilien."

Sonne und Strand gibt es reichlich in Portugal. Aber auch eine wirtschaftliche Perspektive, sagt ihr Ehemann, dem eine Baufirma gehört. "Wir werden hier bleiben, weil ich meine Firma schon seit langem hier registriert habe. Gott sei Dank, haben wir Arbeit, was wichtig ist. Gott sei Dank, läuft alles gut."

Angst vor der Konkurrenz

In Cascais gibt es viele Brasilianer. So ist die Wahrscheinlichkeit hoch, im Einkaufszentrum Cascais Villa um die Ecke von einem brasilianischen Angestellten bedient zu werden. Nicht nur in Cascais, auch in anderen Städten Portugals sind die Brasilianer gesuchte Arbeitskräfte für Restaurants, Bars und Hotels. Sie sprechen die Landessprache Portugiesisch und gelten als fleißig und zuverlässig.

Beliebter Einwanderer: Der Nationalspieler Deco, Quelle: AP

Beliebter Einwanderer: Der Nationalspieler Deco

Insgesamt leben in Portugal auf legale Weise knapp 80.000 Brasilianer. Sie stellen damit vor den Ukrainern, Kapverdern und Angolanern die größte Ausländergruppe in Portugal. Dazu kommen noch etwa zwanzigtausend illegal im Land lebende Brasilianer und mehrere zehntausende Brasilianer, die eine doppelte Staatsbürgerschaft haben und als Portugiesen in der Statistik geführt werden.

Zu Beginn der Einwanderungsbewegung aus Brasilien in den 1990-er Jahren waren es vor allem Zahnärzte, die nach Portugal kamen - zum Entsetzen der portugiesischen Mediziner, die sich gar nicht über die neue Konkurrenz freuten. Beliebter waren dagegen die brasilianischen Fußballspieler, mit denen sich portugiesische Clubs verstärkten. Oft schnell eingebürgert, um die Ausländerquote nicht zu belasten. Prominentestes Beispiel ist Deco, inzwischen sogar Spielmacher der portugiesischen Nationalmannschaft.

Bürokratische Hindernisse

Viele Brasilianer sind in den letzten Jahren aber auch illegal nach Portugal gekommen, was die Beziehungen zwischen beiden Ländern belastete. So warfen die Brasilianer den Portugiesen vor, ihr Land nicht stark genug den Einwanderern zu öffnen. Dagegen habe den Portugiesen Brasilien immer offen gestanden. Außerdem gestehe man den in Brasilien lebenden portugiesischen Staatsbürgern weitergehende Rechte bis zum Wahlrecht zu.

Der Palacio Sao Bento, Sitz des Parlaments, in Lissabon, Quelle: AP

Der Palacio Sao Bento, Sitz des Parlaments, in Lissabon (Archivbild)

2003 schlossen beide Regierungen bei einem Staatsbesuch des brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio "Lula" da Silva den so genannten "Acordo Lula". Nach dem Abkommen sollen innerhalb fünf Jahren etwa 30.000 illegal in Portugal lebende Brasilianer legalisiert werden. Wer einen gültigen Arbeitsvertrag vorweisen kann, bekommt eine Aufenthaltsgenehmigung.

Doch bürokratische Hindernisse führten dazu, dass bisher nur zwei Drittel der vorgesehenen 30.000 Einwanderer legalisiert wurden. Viele leben weiter illegal im Land. Darunter auch Geralda, die vor acht Jahren nach Portugal kam. "Ich fände es wirklich toll, wenn Lula bei seinem Besuch hier über eine Lösung des Problems sprechen würde", sagt sie.

Sprungbrett nach Lateinamerika

Brasiliens Präsident Luiz Inacio Lula da Silva, Quelle: AP

Brasiliens Präsident Luiz Inacio Lula da Silva

Das Thema der illegalen Einwanderer wird am Mittwochnachmittag (4.7.) neben den Wirtschaftsbeziehungen sicher auf der Agenda des EU-Brasilien-Gipfels in Lissabon stehen. Die portugiesische Regierung möchte sich allerdings beim Gipfel vor allem als Sprungbrett Europas nach Lateinamerika profilieren. "Europa hat bereits jährliche Gipfel mit China, mit Indien und mit Russland. Es wird nun auch ab jetzt jährliche Gipfel mit Brasilien geben", sagt kündigte der sozialistische Ministerpräsident José Sócrates an. "Damit trägt Portugal dazu bei, dass die Außenpolitik Europas mit einer für beide Seiten vorteilhaften formellen und institutionellen Beziehung zwischen Brasilien und Europa bereichert wird."

Viele portugiesische Unternehmen haben bereits in den vergangenen beiden Jahrzehnten stark in Brasilien investiert, dort Hotels eröffnet, Einkaufszentren gebaut oder Mobilfunkfirmen erworben. Dabei kommt den Portugiesen zu gute, dass in Brasilien als größtem lateinamerikanischen Land nicht Spanisch, sondern Portugiesisch gesprochen wird.

Ergebnislose Verhandlungen

Ministerpräsident José Sócrates, Quelle: AP

Ministerpräsident José Sócrates

Mit ihrer Beteiligung am größten brasilianischen Mobilfunkbetreiber Vivo gehört die Telekommunikationsfirma Portugal Telecom zu den bedeutendsten ausländischen Investoren in Brasilien. Und für Portugal Telecom ist Brasilien inzwischen einer der bedeutendsten Märkte: Die Firma macht dort mehr als ein Dritt el ihres Gewinns. João Pedro Batista ist bei der Portugal Telecom für die Internationalen Investments verantwortlich. "Auf der einen Seite wollen wir unsere Investitionsperspektiven in Brasilien fortsetzen, auf der anderen Seite wollen wir eine Tür für brasilianische Investitionen sein, die über Portugal nach Europa kommen könnten", sagt er.

Für brasilianische Investitionen in Europa und für europäische Investitionen in Brasilien gibt es schon lange nur noch wenige Hindernisse. Weniger gut ist es um den Handel bestellt. Seit 1995 verhandelt die EU mit dem Mercosur, dem südamerikanischen Binnenmarkt, über ein Freihandelsabkommen. Bisher ohne greifbare Ergebnisse. Innerhalb der EU blockiert vor allem die Agrarlobby, die brasilianische Importe von Zucker, Rindfleisch und Hähnchen fürchtet.

Das hat aber die Brasilianer nicht daran gehindert, in den vergangenen Jahren Portugal als Auswanderungsziel zu entdecken. Und für viele Einwanderer, wie für den Brasilianer André, ist klar, dass sie gar nicht wieder zurück wollen. "Ich möchte meinen Kindern hier in Portugal eine gute Bildung ermöglichen - ohne Gewalt", sagt er. "In Brasilien ist die Kriminalität so sehr gestiegen, dass an jeder Ecke ein Dealer Drogen verkauft. Ich weiß das, weil ich mich regelmäßig mit meinem Vater unterhalte."

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