Einstein in China: Rassismus eines Genies? | Asien | DW | 14.06.2018
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Tagebücher

Einstein in China: Rassismus eines Genies?

Albert Einsteins abfällige Äußerungen über Chinesen in seinen Reisetagebüchern sind ins Englische übersetzt und auch in China zur Kenntnis genommen worden. Die Leser zeigen teilweise Verständnis.

War Albert Einstein ein Rassist? Derselbe Einstein, der sich im amerikanischen Exil gegen die Diskriminierung der schwarzen Amerikaner aussprach und den Rassismus als "Krankheit der Weißen" bezeichnete? Das lassen Einsteins Tagebucheintragungen von seinen Chinareisen im Winter 1922/23 vermuten, die jetzt erstmals auf Englisch als "Travel Diaries of Albert Einstein: The Far East, Palestine, and Spain, 1922 - 1923" erschienen sind. So schreibt der britische Guardian: "Die Veröffentlichung der privaten Tagebücher, in denen Albert Einstein seine Eindrücke und Erlebnisse seiner Asienreise in den 1920er Jahren beschreibt, offenbart die rassistischen Einstellungen … des als Vorbild humanitärer Gesinnung bekannten (Physikers). Diese Einstellungen zeigte er insbesondere gegenüber den Chinesen." Die Reisetagebücher erschienen vor wenigen Tagen als Einzelband im Rahmen der "Collected Papers" von Albert Einstein, die von der Princeton University Press herausgegeben werden.

Einstein zeichnet in den Tagebüchern in hemmungslos subjektiver Manier auf, wie er das Alltagsleben der Chinesen in Hongkong und Shanghai wahrnimmt - oft wenig schmeichelhaft, aber nicht ohne Empathie und Verständnis für die wirtschaftlichen Gegebenheiten und Ungerechtigkeiten. So schreibt er von einem Spaziergang in Shanghai im November 1922, er habe den "Eindruck von grässlichem Existenzkampf sanft und meist stumpf aussehender meist vernachlässigter Menschen." Auf der Straße sehe er "lauter offene Werkstätten und Läden", es herrsche "großes Geräusch, aber nirgends Streit". Und weiter: "Sogar die zu Pferdarbeit Degradierten machen nie den Eindruck bewussten Schmerzes. Merkwürdiges Herdenvolk, oft respektable Bäuchlein, immer gute Nerven, oft mehr Automaten als Menschen ähnelnd."  Bei der Begegnung mit Chinesen auf der Straße konstatiert er "drolliges gegenseitiges Anglotzen."

Hongkong: Streik der Dockarbeiter (Reuters)

Einstein vermerkte schon in den 20er Jahren erstaunt, wie sich chinesische Arbeiter zur Wehr setzten

"Merkmale rassistischer Ideologie"

Einstein hatte also Sinn für das beiderseitige Unverständnis der Kulturen und Völker, mit dem sie einander begegnen, sich "anglotzen." Aber er machte keine Anstalten, seinen europäischen Blickwinkel zu überwinden. Besonders krass tritt dieses Unvermögen zutage, wenn Einstein der "geringe Unterschied zwischen Männern und Weibern" auffällt und er fortfährt: "Ich begreife nicht, was für eine Art Reiz der Chinesinnen die zugehörigen Männer so fatal begeistert, dass sie sich gegen den formidabeln Kindersegen so schlecht zu wehren vermögen."

Überhaupt dieser Kindersegen, der ihn bei einem Besuch auf der Festlandseite Hongkongs zu folgendem Gedanken anregt: "Es wäre doch schade, wenn diese Chinesen alle andern Rassen verdrängten. Für unsereinen ist schon der Gedanke daran unsäglich langweilig." Dazu sagt der Herausgeber des Bandes, Ze'ev Rosencranz, gegenüber dem Guardian: "Hier sieht Einstein eine fremde 'Rasse' als Bedrohung, was ein Merkmal einer rassistischen Ideologie ist." 

In den staatlichen Medien Chinas wurde die Guardian-Meldung über den Rassismus in Einsteins-Reisetagebüchern kommentarlos übernommen. Allerdings gab es eine Vielzahl von Leserkommentaren, die durchaus unterschiedlich ausfallen. Einige Beispiele: "Einstein war ein bedeutender Naturwissenschaftler. Aber  wenn es um Respekt gegenüber anderen Völkern geht, disqualifizierte er sich. Ich denke, dass einige seiner Bemerkungen sehr beschämend und extrem sind." Ähnlich dieser Kommentar: "Seine Argumente sind in der Tat rassistisch. Ich glaube, er hätte sowas nach dem Zweiten Weltkrieg nicht geschrieben. Auch deswegen beharrte er darauf, diese Tagebücher nicht zu veröffentlichen." Ein anderer merkt selbstkritisch an: "Chinesen mögen es nicht, diskriminiert zu werden. Aber warum diskriminieren viele Chinesen die Schwarzen und denken, dass Schwarze minderwertig wären? 'Was du nicht willst, dass man dir tut, das füge auch keinem anderen zu.' Wie viele Chinesen verstehen dieses Sprichwort?"

Screenshot Chinesischer Werbespot (Youtube/KINGBANG)

Rassismus auch im eigenen Land: Chinesischer Werbespot, in dem ein Mann zum Chinesen "gewaschen" wird

"Einstein sprach über die reale damalige Lage Chinas"

Wieder ein anderer gibt zu bedenken, dass man die Äußerungen Einsteins im Zeitkontext sehen müsse: "Die Menschen wollen immer die Dinge, die in der Vergangenheit geschahen, mit heutigen Standards messen. Und das Ergebnis ist natürlich 'schockierend'." Auch Herausgeber Rosencranz sagt im Guardian-Interview, dass Einsteins Einstellungen in seiner Zeit zwar gängig waren, aber nicht allgemein anerkannt, es habe auch tolerantere Ansichten gegeben.

Ein chinesischer Leser nimmt, nicht als einziger, Einstein in Schutz: "Ich glaube nicht, dass er ein Rassist war. Er sprach über die reale Situation der chinesischen Gesellschaft und der Chinesen in jener Zeit.  So war einfach das Bild, das man damals von China hatte."  Einstein beschrieb zwar die "reale Situation der chinesischen Gesellschaft und der Chinesen in jener Zeit" an der Oberfläche recht genau, aber ohne tieferes Verständnis, worauf dieser Leser hinweist: "Wenn du von Armut, Hunger, Krankheit, Naturkatastrophen und vom Krieg zerrissen wurdest, zerlumpt bist, abgemagert, vertrieben, mittellos und hoffnungslos, dann kann man nicht von dir erwarten, elegant und höflich zu bleiben, voll von Idealen und Hoffnung! Einstein war nicht unbedingt ein Rassist, aber er war definitiv ein riesiges Baby, er wusste nichts von der Realität, er lebte in seiner eigenen Welt!"

Auch dieser Leser geht auf Chinas damalige Realität ein und vergleicht sie mit dem China von heute, das sich in der Ära seines Wiedererstarkens und nationalen Aufstiegs sieht: "Es war eine der dunkelsten und unwissendsten Zeiten in der chinesischen Geschichte, Einstein hatte Recht. Wir haben jetzt Selbstvertrauen. Wir haben keine Angst, uns zu jener hässlichen Geschichte zu bekennen, denn sie repräsentiert nicht die Gegenwart."

Mitarbeit: Miao Tian und Li Shitao

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