Sierens China: Karneval der Klischees | Asien | DW | 21.02.2018
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Kolumne

Sierens China: Karneval der Klischees

Ein Afrika-Sketch während der TV-Neujahrsgala hat China Vorwürfe des Rassismus und Neokolonialismus eingebracht. Das Problem ist mangelndes Einfühlungsvermögen der sonst so sensiblen Chinesen, meint Frank Sieren.

Die eben zu Ende gegangenen chinesischen Neujahrsferien ähneln in ihrem Ablauf erstaunlich den Weihnachtsfeiertagen in Deutschland: viel Zeit mit der Familie verbringen. Viel essen. Mitunter auch viel Langeweile, für die das gemeinsame Fernsehen eine beliebte Verlegenheitslösung darstellt. Das Highlight ist dabei jedes Jahr die Neujahrs-Gala des staatlichen Senders CCTV - mit 700 Millionen Zuschauern die meistgesehene Fernsehsendung der Welt. Das seit 1983 ausgestrahlte TV-Event ist ein Spiegel der chinesischen Gesellschaft, heißt es. Zerrspiegel trifft es wohl eher. Irgendwo zwischen der Lauschigkeit der früheren deutschen Samstagabend-Show "Wetten Dass" und dem Pomp des chinesischen Nationalzirkus werden vier Stunden lang unter größtmöglichem Show-Einsatz Gesangs-, Tanz-, Akrobatik- und Comedy-Einlagen abgefeuert. Für alle 1,4 Milliarden Menschen im Riesenreich soll etwas dabei sein. Popstars, Pekingopernsänger und einfache Helden aus dem Volk werden in dichter Folge aufgefahren. Auch politisches Eigenlob gehört traditionell mit zum Programm. So durften dieses Jahr Xi Jinpings Prestigeprojekt "Neue Seidenstraße" und Chinas wirtschaftliches Engagement in Afrika nicht unerwähnt bleiben. Letzteres ging jedoch ziemlich daneben.

Der Afrikaner als Affe

Eine zehnminütige Show-Einlage widmete sich der vorbildlichen Zusammenarbeit mit Kenia und der von China gebauten Eisenbahn zwischen Nairobi und Mombasa, die Ende vergangenen Jahres ihren Betrieb aufgenommen hat. Leider schoss man dabei mit einem Karneval der Klischees weit übers Ziel hinaus: Zu den Klängen von Shakiras Afrika-WM-Hymne "Waka Waka" hüpften trommelnde Buschmänner über die Bühne, aus Afrika eingeflogene Tänzer hatte man in Gazellen- und Zebrakostüme gesteckt, einem schwarzen, als Affen verkleideten Darsteller sogar eine Hauptrolle übertragen. Dem Ganzen die Krone setzte allerdings der Auftritt der schwarz geschminkten chinesischen Schauspielerin Lou Naiming auf, die mit ausgepolstertem Gesäß und einem Obstkorb auf dem Kopf als "Mama Afrika" in Dankbarkeit preisen durfte, "wie viel China bereits für Afrika getan" hat: "Ich liebe China! Ich liebe die Chinesen!"

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Der Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten. In chinesischen Social-Media-Kanälen wurde die Show als "hochgradig rassistisch" und "abstoßend" bezeichnet. Ein User verkündete, er sei beschämt über sein Land und seine Menschen. Die Aufmachung Lou Naimings rufe böse Erinnerungen an das "Blackfacing" der nordamerikanischen Minstrel-Shows des 19. Jahrhunderts wach, wo geschminkte Schauspieler schwarze Menschen stereotyp überzeichneten und damit eine rassistische Diskriminierung sanktionierten, die bis heute tief im politischen Bewusstsein der USA verwurzelt ist. Kurz darauf setzten die internationalen Medien nach: China habe öffentlich seine neokolonialistischen Tendenzen und einen tief sitzenden Rassismus entblößt.

Vor allem die Kritik aus dem Westen ließ der staatliche Medienapparat kühl abblitzen. Es sei die Kritik der ehemaligen Kolonialherren, während die Chinesen selbst als Kuli-Tagelöhner unter sklavereiähnlichen Bedingungen auf den Plantagen der Weißen geschuftet oder zum Beispiel den Panamakanal mitgebaut hätten. Da ist was dran. Dennoch zeugt der verunglückte Sketch davon, wie rückständig und wenig weltläufig China noch immer sein kann. So rückständig, dass niemand der Fernsehverantwortlichen auf die Idee gekommen ist, dass Afrikaner durchaus den Eindruck bekommen könnten, dass die Chinesen sich über sie lustig machen. Und es ist ja kein Einzelfall: In chinesischen Waschmittel-Werbespots wurden schon schwarze Männer weißgewaschen. Und kürzlich musste eine Ausstellung schließen, weil die Macher Portraits von afrikanischen Tieren und Menschen nach Ähnlichkeit ausgesucht und direkt nebeneinander gehängt hatten.

Kein Wille zu Sensibilität und Selbstreflexion

Dass die Social-Media-Kommentare junger Chinesen, die den Neujahrs-Sketch als unsensibel empfanden, von der Zensur gelöscht wurden, zeugt jedenfalls nicht von dem Willen zu mehr Sensibilität und Selbstreflexion. Was politisch korrekt ist und was nicht, bestimmt eben immer noch die Regierung. Dabei ist Peking selbst äußerst empfindlich, wenn man Chinas Ehre von anderen Ländern verletzt meint. Im Januar wurden mehrere ausländische Unternehmen abgemahnt, weil sie das von Peking als abtrünnige Provinz betrachtete Taiwan in ihren Webauftritten als eigenständiges Land aufgeführt hatten, was selbstverständlich ein Versehen und keine Absicht war. Anfang des Monats geriet der Daimler-Konzern ins Fadenkreuz, weil er auf Instagram - einer in China blockierten Foto-Plattform - den von Peking zum Staatfsfeind erklärten Dalai Lama mit einem harmlosen Sinnsprüchlein zitiert hatte: "Betrachte die Lage aus allen Richtungen, dann wirst Du offener sein." Dazu riet Mercedes, die Woche "mit einem frischen Blickwinkel des Dalai Lama" zu beginnen.

Die Antwort des Parteiorgans "Volkszeitung" kam prompt mit einem Vergleich, der sich wiederum ebenfalls verbietet: "Wie würden es die Deutschen wohl finden, wenn ein Konzern mit Hitler-Zitaten Werbung machen würde?" Mit Fug und Recht kann man nach dem Afrika-Eklat im chinesischen Fernsehen und der Reaktion auf das Dalai-Lama-Zitat nun behaupten, dass Peking mit zweierlei Maß misst. Hannah Getachew, eine 30-jährige in Peking lebende Jurastudentin aus Äthiopien, findet, dass Missgeschicke passieren können. Aber eine Entschuldigung von CCTV wäre eben dennoch angemessen gewesen. Da hat sie völlig Recht. Bis heute ist öffentlich jedoch nichts von einer solchen Entschuldigung bekannt. Weltoffen und souverän geht anders.

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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