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Kultur

Einschalten um abzuschalten - Der Beginn des Privatfernsehens

Bunter, lockerer und vielfältiger als die öffentlich-rechtlichen Sender: So will das Privatfernsehen 1984 sein. Dieses Konzept hat Auswirkungen auf das Mediensystem - und auf das Verhalten der Zuschauer.

Satellitenschüsseln der Kirch Media Gruppe auf dem Hauptquartier des TV-Senders SAT 1 in Berlin.

Satellitenschüssel-Meer: Die Anzahl der Privatsender wächst und wächst und wächst

Mit einem Konzert von Georg Friedrich Händel beginnt in einem kleinen Ludwigshafener Fernsehstudio das duale Fernsehzeitalter. Die Kulissen wackeln, Ansagerin Irene Joest trägt ein geliehenes Kleid und nur wenige Hundert Zuschauer schalten ein. Am 1. Januar 1984 nimmt die "Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk", aus der später Sat.1 entsteht, ihren Sendebetrieb auf. Einen Tag später folgt RTL. Der Anfang ist schwer: kleiner Etat, geringe Verbreitung und trotzdem acht Stunden Tagesprogramm. "Ich hatte eine Truppe von knapp über 20 Leuten, von denen vom Fernsehen vielleicht die Hälfte eine Ahnung hatte“, erinnert sich Geschäftsführer Jürgen Doetz.

Helmut Thoma, ehemaliger Geschäftsführer von RTL, steht neben einer Kamera.

Mr. Privatfernsehen: Der ehemalige Geschäftsführer von RTL, Helmut Thoma

Was damals niemand ahnt: Privatfernsehen markiert einen Wendepunkt in der deutschen Mediengeschichte. Es entstehen neue Sendeformate, neue Begriffe wie Zappen und das Zielgruppenfernsehen, das sich selbst vor allem für die konsumfreudig geltende Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen interessiert. Reality-Shows, Casting-Sendungen und "Wer wird Millionär" verändern die Sehgewohnheiten nachhaltig. Privatfernsehen war und ist die Entdeckung des Privaten. Die Grenze zwischen Zuschauer und TV-Star, zwischen Fernsehen und Realität verschwindet. Für die Kulturkritik ist das alles ein Gräuel.

Werbung makes the world go round

Bundeskanzler Helmut Kohl hat den gesetzlichen Weg für private Fernsehprogramme geebnet. Er will damit ein Gegengewicht zu der aus seiner Sicht eher SPD-freundlichen Berichterstattung bei ARD und ZDF schaffen. Doch statt der erhofften konservativen Berichterstattung zeigen Sat.1 und RTL vor allem billige, in den USA produzierte Serien. Die kommerziellen Fernsehsender bringen keine politisch-geistige Wende, sondern befriedigen vor allem den Massengeschmack.

Die Fernsehmoderatoren, von links, Oli P., Ruth Moschner und Jochen Bendel posieren am Eingang des Big Brother-Dorfes bei einer Pressevorbesichtigung am Mittwoch, 23. Feb. 2005, in Koeln-Ossendorf.

Reality-TV: Für Kritiker geht es mit der Qualität des Fernsehens stetig bergab

Neu ist auch, dass die Werbung jede Dauerhaftigkeit unterbricht, die bis 1984 selbstverständlich ist. Für die werbetreibende Wirtschaft bedeutet das Privatfernsehen vor allem ein expandierender Markt. Dabei entwickeln sich die Einnahmen der Privatsender zunächst nur schleppend. Das ändert sich erst, als RTL und Sat.1 mit Eigenproduktionen starten. Die Trash-Erotik-Show "Tutti Frutti" mit Striptease-Ansager Hugo Egon Balder bietet zwar niederes Unterhaltungsniveau, erntet aber Rekord-Einschaltquoten, genauso wie Gewinnsendungen oder Krawall- und Brüllshows wie der "Heiße Stuhl". Der ständige Tabubruch im Privatfernsehen ist einkalkuliert. Solche Sendungen werden vor allem für RTL zum Markenzeichen. Kritiker sagen, RTL stehe für "Rammeln, Töten, Lallen". Ex-RTL-Chef Helmut Thoma entgegnet zum Vorwurf des "Tittenfernsehens": "Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler".

Information als Spaßhappen

1991 überholt RTL erstmals im Umsatz die öffentlich-rechtliche Konkurrenz. Mit Zunahme der Antennenfrequenzen und Kabelplätze werden die Programme immer bekannter. Weitere Kanäle gehen in rascher Folge auf Sendung: Tele 5, DSF, ProSieben, Eurosport, Premiere, Kabel 1, n-tv, Viva. Mit den privaten Fernsehprogrammen wandelt sich auch der Journalismus: Man spricht nunmehr von Konsumenten, Einschaltquoten, Nachrichtenmarkt und Exklusivrechten. Das Medium wird zu einer Ware im Bazar des internationalen Dienstleistungsgewerbes.

Der Publikumserfolg der kommerziellen Sender zwingt die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten dazu, sich den Sendeformen anzupassen. Sie haben RTL und Sat.1 imitiert, sagen Kritiker. Das Privatfernsehen habe Bewegung in den deutschen Fernsehmarkt gebracht, halten die Befürworter dagegen. Man mag das bedauern oder bejubeln: Comedy, Sport, Service- und Beratungssendungen sind heute aus dem Tagesprogramm nicht mehr wegzudenken. Der Gegensatz von Unterhaltung und Politik sind im Infotainment aufgegangen. Heute gibt es in der Bundesrepublik mehr frei empfangbare Programme als sonst wo in Europa. Aber ist Quantität auch gleich Qualität?

Autor: Michael Marek

Redaktion: Ramon Garcia-Ziemsen

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