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Deutschlandtour

Eine Auszeit auf der Alm

Fernab von Großstadthektik und digitaler Reizüberflutung zu sich selbst finden. Das wollte unsere Reporterin Elisabeth Jahn ausprobieren. Auf einer Alm im Alpenvorland erlebte sie dabei Überraschendes.

Ein letztes Mal kontrolliere ich den Inhalt meines Rucksacks: Bergschuhe, regenfeste Kleidung, ein wenig Waschzeug, eine Stirnlampe mit frischen Batterien. Deutlich länger ist die Liste an Dingen, die ich zu Hause lasse: Schminkzeug, gute Klamotten, Laptop, Handy, Ladekabel, Föhn - alles überflüssig auf einer Alm ohne Strom. Für ein Wochenende möchte ich das einfache Leben in der Natur erleben und habe eine Alm gefunden, die gestressten Großstädtern genau das verspricht.

Das Loslassen, so begreife ich, beginnt schon vor der Reise. Aber kann ich das überhaupt noch? Die Verbindung zur Außenwelt ganz kappen und alles um mich herum einfach mal sein lassen? Ich merke, dass es mir gut tut, als ich meinen Kollegen im Büro beim Abschied sage: "Sorry, aber ich werde auf der Alm wirklich überhaupt nicht erreichbar sein!"

Ein Regenguss zur Begrüßung

Als ich am Bahnhof in Oberaudorf an der deutsch-österreichischen Grenze aussteige, ist das Bergpanorama des Kaisergebirges wolkenverhangen und es regnet wie aus Kübeln. Nicht gerade eine freundliche Begrüßung. Aber immerhin bleibt mir so der anderthalbstündige Fußmarsch zur Alm erspart. Ausnahmsweise wird nicht nur mein Rucksack, sondern auch ich werde im Auto nach oben gefahren.

Eine Auszeit auf der Alm

Mehr als 200 Jahre lang diente die Baumoos Alm allein dem Viehtrieb

Dort steht Alois Sonnenhuber in Lederhosen vor einer Holzhütte und begrüßt mich mit einem warmen Handschlag. "Willkommen auf der Baumoos Alm", sagt er in starkem bayerischem Dialekt. "Morgen soll das Wetter schon besser werden." Inzwischen sind auch noch andere Gäste eingetroffen. Seit 2013 bieten Sonnenhuber und sein Team inmitten dieser Bergidylle Auszeiten an. Ob allein oder in der Gruppe, ob mit oder ohne Programm, das ist jedem Teilnehmer selbst überlassen.

Die Energie des Ortes nutzen

"Ich kenne die Gegend schon seit meiner Kindheit", erzählt uns unser Gastgeber drinnen bei Kaffee und Kuchen. "Hier oben war schon immer eine sehr gute Energie." Im Ofen knackt ein Feuer, Tische und Bänke sind aus massivem Holz gefertigt, an den Wänden hängen Tierfelle. Urig und stilvoll zugleich, denn Alois Sonnenhuber führt hier keinen almtypischen Viehbetrieb. Der studierte Informatiker wohnt unten im Dorf. Auf die Alm kommt er nur für seine Seminare und hat die Alm daran angepasst.

Eine Auszeit auf der Alm

Alois Sonnenhuber hat den ehemaligen Kuhstall eigenhändig umgebaut

Fast 20 Jahre lang arbeitete Sonnenhuber für eine IT-Firma, war sogar Abteilungsleiter, bis er eine Veränderung brauchte. Heute verkauft er keine IT-Lösungen mehr, sondern das Versprechen, unterbewusste seelische Konflikte zu lösen. Dazu ließ sich Alois Sonnenhuber zum Lebensspiegelanwender ausbilden. Die Spiegelgesetzmethode, erklärt er uns, helfe Menschen, sich von falschen Glaubensmustern in ihrem Unterbewusstsein zu befreien - oft schon nach nur einer Sitzung.

Das fällt mir, ehrlich gesagt, schwer zu glauben. Warum gehen dann Menschen jahrelang zur Psychoanalyse, wenn es eine so einfache Methode gibt, sich von altem Ballast zu befreien? Und was ist mit der Nachbetreuung, wenn die Teilnehmer wieder zu Hause sind und die Dinge in ihnen arbeiten? Dass die Natur und die Ruhe auf der Alm Menschen helfen, sich neu zu sortieren und den Blick wieder frei zu bekommen für das Wesentliche, das leuchtet mir dagegen ein. Außerdem ist so eine Einzelsitzung ja nur ein Angebot, kein Muss.

Brotzeit bei Zithermusik und Kerzenschein

Eine Auszeit auf der Alm

Am bollernden Ofen werden Kindheitserinnerungen wach

Inzwischen ist es Abend geworden, draußen hat endlich der Regen aufgehört und in der Küche gibt es ein Buffet mit deftigen Spezialitäten wie Bergkäse, Obatzter und Leberkäse. Am Tisch neben dem Ofen sitzen alle bei Kerzenschein zusammen und führen die unterschiedlichsten Gespräche. Ein Freund von der Nachbaralm ist dazu gekommen und spielt leise Melodien auf seiner Zither. Alle sind entspannt. Es wäre ein Abend, der ewig so weitergehen könnte.

Doch wir haben uns vorgenommen, den Sonnenaufgang am Brünnstein-Gipfel in 1619 Metern Höhe zu erleben. Um rechtzeitig oben zu sein, müssen wir um zwei Uhr morgens aufstehen. Oben im "Schlafstuberl" versuche ich also noch etwas Schlaf zu bekommen. Ich habe das Gefühl, gerade erst weggeschlummert zu sein, als Alois mit der Kuhglocke die Treppe hochsteigt. Das Wecksignal.

Mit Achtsamkeit zum Gipfel

Eine Auszeit auf der Alm

Naturschauspiel: Blick über Wendelstein und Kaisergebirge

Nach einer Katzenwäsche und einem Schluck heißen Tee laufen wir los. Die Nacht ist stockfinster, nicht mal der Mond ist zu sehen. Und der Regen hat die Wiese stark aufgeweicht, über die wir nun im Gänsemarsch einen Schritt vor den anderen setzen. Ohne unsere Stirnlampen wären wir verloren. Von Weitem ergeben wir wohl ein lustiges Bild, wie in gerader Reihe tanzende Glühwürmchen.

Auch wenn die Strecke nicht besonders schwierig ist, muss ich doch genau schauen, wo ich hintrete. In der unebenen Wiese knickt schnell mal ein Fuß oder ein Bein um. Ich konzentriere mich nur noch auf meine Atmung und auf das Stück zwischen meinen Füßen und denen meines Vorgängers. Alles andere blende ich aus. Das hat etwas Meditatives.

Oben auf dem Gipfel ziehen kurz vor dem magischen Moment, in dem der rote Sonnenball den Horizont kreuzen soll, Wolken auf. Dennoch ist es ein erhabenes Gefühl, über die noch schlafende Landschaft zu schauen und dabei die Durchblutung in Armen und Beinen zu spüren.

Buttern statt twittern

Eine Auszeit auf der Alm

Kuhglockengeläut als Untermalung: Unsere Autorin (Mitte) beim Alm-Qigong

Den Rest des Tages verbringen wir auf der Alm; lernen, wie wir unsere eigene Butter herstellen können. Ich bin überrascht, dass man für ein Kilogramm ganze 20 Liter Milch benötigt. Viele ziehen sich noch einmal in den Schlafraum zurück, andere gehen Wiesenkräuter sammeln. Ich lasse mir von der Ernährungsberaterin Mythen der Nahrungsmittelindustrie erklären und schließe mich später der Qigong-Gruppe an. So etwas hätte ich auf einer normalen Alm nicht gefunden.

Es ist tatsächlich verblüffend, wie schnell hier oben alles andere verblasst: die Arbeit, der Alltag, der Stress. Und obwohl ich kaum geschlafen habe, fühle ich mich viel fitter als sonst. Das muss an der guten Luft liegen und daran, dass mein Körper nicht ständig so viele Reize abwehren muss wie in der Stadt. Meine ganze Energie kann ich darauf lenken, in mich zu horchen. Schön zu wissen, dass ich das noch kann, denke ich abends am Lagerfeuer und nehme mir vor, solche Auszeiten in Zukunft öfter zu nehmen.

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