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Kunst

Ein unbequemer Freigeist ist 85: Tomi Ungerer

Sein Werk ist vielschichtig: witzig, aber auch voller Abgründe. Erotische Phantasien und apokalyptische Szenen tauchen ebenso auf wie friedliche Kinderwelten. Auch mit 85 stellt Tomi Ungerer noch philosophische Fragen.

Er selbst sagt von sich, er habe fünf Leben gelebt. Arbeit ist sein Leben, das Zeichnen und Einfangen zwischenmenschlicher Momentaufnahmen seine Leidenschaft. Der Zeichenstrich des Künstlers Tomi Ungerer, der am 28.11.2016 85 Jahre alt wurde, ist äußerst präzise und auch unterhaltsam. Aber sein subversiver Humor ist nicht jedermanns Sache.

Seine Passion ist es - außer dem unermüdlichen, präzise gedachten  Zeichnen -, Weltbürger zu sein. Seine Heimat ist das französische Elsass, aber er ist viel in der Welt herumgekommen, trampte zum Nordkap, arbeitet als Kameltreiber in der Sahara und heuerte auf einem isländischen Fischkutter an.

Er lernt die Welt auch von ganz unten kennen, was später in seine Zeichenwelt einfließt. Für sein umstrittenes Skizzenbuch "Schutzengel der Hölle" (1986) quartiert er sich wochenlang bei einer bekannten Hamburger Domina ein, um die gängigen sadomasochistischen Praktiken zu studieren.

Umtriebiger Weltbürger

Ungerer verfasst auch gern Kinderbücher. Kurz vor seinem 85. Geburtstag erschien sein neuestes: "Warum bin ich nicht du?" heißt es. Tiefgründig beantwortet er mit seinen Karikaturen große philosophische Fragen, die auch Kinder oft beschäftigen. Ungerer gehört zu den wenigen Künstlern, die Kinder wie Erwachsene gleichermaßen begeistern. Zeit seines Lebens bleibt er ein aufmerksamer politischer Beobachter des Weltgeschehens.

Sein künstlerisches Hauptwerk, an dem er mehr als fünf Jahre hart und intensiv gearbeitet hat, ist "Das große Liederbuch": eine Sammlung deutscher Volks- und Kinderlieder für Kinder ab 3 Jahren, begleitet von seinen Zeichnungen. Es ist seine Utopie einer noch heilen Kinderwelt, deren Motive er in seiner elsässischen Heimat gefunden hat.

Abenteuerliche Lehr- und Wanderjahre

Geboren wird der berühmte Zeichner am 28. November 1931 im elsässischen Straßburg – als Jean Thomas Ungerer. Sein Vater, Uhrenfabrikant, Künstler und Historiker, stirbt früh. Der Junge ist viel allein, wird von seiner ängstlichen Mutter von allen Spielkameraden ferngehalten – und beginnt zu zeichnen. Als Jugendlicher tingelt er viel durch die Welt, schmeißt die Schule kurz vor dem Abitur, jobbt als Schaufensterdekorateur, und unternimmt abenteuerliche Reisen. Er sei auf der Suche gewesen, erzählt er später, aber er hätte nicht gewusst wonach.

1956 kommt "Tomi" Ungerer, wie er sich jetzt nennt, zum ersten Mal nach New York, mit nur 60 Dollar in der Tasche. Er arbeitet als Werbeillustrator und politischer Karikaturist für diverse Magazine und wird in der "New York Times", im "Esquire" und in Life" abgedruckt. Ein große Auszeichnung für einen bis dahin unbekannten jungen Künstler aus Europa. Auch sein erstes Kinderbuch "The Mellops Go Flying" erscheint 1957 in den USA.

Steile Karriere als Zeichner

Im gleichen Jahr lernt er den Schweizer Verleger Daniel Keel kennen, der ihn bei seinem Diogenes-Verlag unter Vertrag nimmt. Eine steile und sehr erfolgreiche Karriere beginnt für den Buchautor und Zeichner Tomi Ungerer. Bücher, Ausstellungen, Preise, die Ehrungen häufen sich. 1995 wird ihm der Große Nationalpreis Frankreichs verliehen, 2007 ein eigenes Museum nur für seine Kunst eröffnet, das "Musée Tomi Ungerer" in Straßburg.

Flash-Galerie EVENTS DEZEMBER SPANISCH (picture-alliance/dpa)

Der Zeichner und sein umstrittenes Werk: Ungerer 2011 bei einer Pressekonferenz in Straßburg zu seinem 80. Geburtstag

Aber der Ruhm ist ihm nicht angenehm, er zieht sich zunehmend in eine selbstgewählte Einsamkeit zurück. Ungerer meidet die großen Metropolen, lebt lange in der Provinz in Kanada und seit 1976 in ländlicher Umgebung in Irland. Aber er gehört nicht zu den weltfremden Künstlern, im Gegenteil. Aus seiner Wahlheimat nimmt er immer wieder Stellung zu politischen Ereignissen, zu sozialen Missständen in der globalisierten Welt. Eine Zeichnung zeigt zum Beispiel einen toten US-Soldaten, darunter die Frage: "What Now?"

Lebensmotto: "Die Gedanken sind frei…"

Auch sein soziales Engagement ist enorm: Ungerer unterstützt Initiativen im Kampf gegen Aids, für weltweiten Tierschutz und das Rote Kreuz. Als überzeugtem Pazifisten liegen ihm Friedensaktivitäten sehr am Herzen, die Brutalität des Militärdienstes hat er als Fremdenlegionär in den 1950er Jahren am eigenen Leib miterlebt.

Tomi Ungerer ist ein unverbesserlicher Optimist geblieben, er möchte die Welt aufrütteln, immer noch zum Guten verändern. In seiner Autobiografie "Die Gedanken sind frei – Meine Kindheit im Elsass" (1993) erzählt er von seinem Leben im Elsass unter deutscher Nazi-Besatzung und von der schwierigen Nachkriegszeit, die ihn sehr geprägt hat.

"Heute hier, morgen fort.." singt eine seine Figuren. Das geht ihm heute noch so. "Ich habe meine Wurzeln im Elsass, und mein Laub und meine Äste nehme ich mit", sagt er vergnügt - mit dem Hut eines verstorbenen Freundes auf dem weißen Haar, gestützt auf einen ramponierten Stock und einen hellrosa Schal verwegen über die Schulter geworfen. Drei Herzinfarkte und eine Krebserkrankung hat Tomi Ungerer überstanden, aber sein Blick ist schelmisch wie eh und je.

 

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