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Kunst

"Incognito": Tomi Ungerer mal ganz anders

Wenn der Name Tomi Ungerer fällt, denken viele zuerst an seine berühmten Bücher und Illustrationen. Zuletzt hat er sich jedoch anderen Kunstformen zugewandt. Das Museum Folkwang zeigt zahlreiche unveröffentlichte Werke.

Tomi Ungerer ist ein künstlerisches Multitalent mit schier unbegrenzter Kreativität und gesellschaftskritischem Blick. Seine Arbeiten als Illustrator, Werbezeichner und Karikaturist haben ihn weltberühmt gemacht. Vor allem ist er für seine Bücher bekannt, wie beispielsweise das Kinderbuch "Die drei Räuber" oder die weit verbreitete Volksliedersammlung "Das große Liederbuch", zu der Ungerer fantasievolle Illustrationen beisteuerte.

Auch seine kritischen Werke für Erwachsene haben ihm ein großes Leserpublikum beschert und für Aufsehen gesorgt: "Fornicorn" von 1969 legt auf satirische Art und Weise Potenzwahn und die Mechanisierung von Sexualität bloß. Die Debatte um das Buch endete damit, dass zeitweise alle Kinderbücher Ungerers aus öffentlichen Bibliotheken in den USA und später auch in England entfernt wurden. Ungeres weiterem Schaffen tat diesen keinen Abbruch: Bis heute hat er mehr als 140 Bücher veröffentlicht.

Dieses Jahr feiert der französische Künstler aus dem Elsass seinen 85. Geburtstag. Altersmüde ist er aber bei weitem nicht, sondern immer noch voller Schaffensfreude. Das Museum Folkwang präsentiert Tomi Ungerer jetzt von einer eher unbekannten Seite: Unter dem Titel "Incognito" stellt das Museum viele bislang unveröffentlichte Arbeiten aus. Vor allem Collagen und kleine Plastiken, die Ungerer in den letzten 15 Jahren geschaffen hat, sind ab dem 18. März in der von Tobias Burg kuratierten Ausstellung zu sehen. Mit den Werken, mit denen Ungerer bekannt geworden ist, haben die ausgestellten Arbeiten nur bedingt etwas gemeinsam.

Tomi Ungerer präsentiert bei einer Pressekonferenz in Straßburg im Jahr 2011ein neues Buch. Foto: Rolf Haid dpa/lsw

Tomi Ungerer 2011 bei einer Pressekonferenz in Straßburg

Bildnerischer Fantasiereichtum

Weil Collagen aus zusammengefügten Einzelteilen bestehen, ist es schwierig, Ungerers künstlerische Handschrift im Vergleich zu seinen Illustrationen erkennen zu können. Was die Collagen jedoch mit seinen Zeichnungen gemein haben, ist Ungerers bildnerische Fantasie, erklärt Kurator Tobias Bürger im Gespräch mit der DW: "Wenn man durch die Ausstellung läuft, dann gibt es verschiedene Themengruppen. Ernste und auch weniger ernste Themen. Man merkt an der Auseinandersetzung mit diesem Medium, was Ungerer für eine visuelle Fanatasie hat. Das verbindet seine Collagen auch mit seinen Zeichnungen."

Eine Kombination aus Collage und Illustrationen zeigen ausgestellte Bilder, die zu Ungerers Buch "Schnipp Schnapp" aus den 1980ern entstanden sind, die es jedoch nicht ins Buch geschafft haben. Bei diesen Bildern hat Ungerer einzelne Ausschnitte, zum Beispiel aus Zeitschriften, auf Papier geklebt und mit Tusche weitergeführt: Ein Fernglas wird so beispielsweise zu den Augen eines springenden Frosches; Gingkoblätter zu den Ohren eines Elefanten.

Plastiken von Ungerer wie diese unbetitelte Arbeit aus Holz sind bislang eher unbekannt. © picture-alliance/dpa/A. Anex

Plastiken von Ungerer wie diese unbetitelte Arbeit aus Holz sind bislang eher unbekannt

Gesellschaftskritische Motive, für die Ungerer bekannt ist, gibt es in der Ausstellung nur vereinzelt. Die Werkgruppe mit dem Titel "Warten auf Godot" aus den Jahren 2009 bis 2011 verhandelt auf unterschiedliche Art und Weise das Thema Einsamkeit. Politische Anspielungen werden in Arbeiten wie dem Bild "Gun Lobby" abstrakt umgesetzt: Auf der linke Seite ist eine Person mit zerschundenem Rücken zu sehen, rechts sitzen ein Jugendlicher und ein Kind, die freudig mit einem Luftgewehr herumspielen.

In der Tradition von John Heartfield und Max Ernst

Kurator Tobias Bürger findet vor allem spannend, wie Tomi Ungerer die Tradition der Collage, die Anfang des 20. Jahrhunderts Einzug in die Kunst fand, in die Jetztzeit transformiert: "Es gibt Blätter, die an die Bissigkeit von John Heartfield oder an die wunderbaren Collagen von Max Ernst aus den 1930er Jahren erinnern." So zeigt eine Arbeit Hitler mit seinem Schäferhund, der einen Menschenknochen im Maul hat. Beide sind sitzend auf eine Schwarzweißkopie montiert, die einen großen Berg aus Menschenknochen zeigt.

Neben Collagen sind für Bürger die kleinen Plastiken Ungerers ein Highlight: "Auf seinem Bauernhof in Irland, wo Tomi Ungerer auch lebt, hat er einen riesen Fundus an kleinen Objekten, Materialien und Schrott, den er gesammelt hat. Und in diese Sammlung greift er, wenn er diese kleinen Plastiken macht." Das Prinzip ist ähnlich wie das der Collage: Die Kombination aus zwei simplen Dingen, ergeben etwas Neues mit einer vollkommen anderen Bedeutung. So wird aus einem rostigen Gepäckträger und einem alten Kinderfahrradsattel ein kleines Hündchen.

Zeichenwelten voller Abgründe

Museum Folkwang in Essen - Pressebilder Ausstellung Tomi Ungerer INCOGNITO (Tomi Ungerer)

Apokalytische Szenerie: Zeichnung "Journey´s Last Leg" (2005) aus der aktuellen Folkwang-Ausstellung

Die Idee zu der Ausstellung entstand schon vor einigen Jahren in Zürich: Der Diogenes Verlag und das Kunsthaus Zürich, mit denen Ungerer eng verbunden ist, wussten von den der Öffentlichkeit unbekannten Arbeiten. Teile davon waren vor einigen Jahren bereits in einer Ausstellung in Würth zu sehen. Dann entstand der Plan, das Ganze in einem größeren Rahmen zu präsentieren. Erstmals fand die "Incognito"-Ausstellung im Kunsthaus Zürich statt.

Die Arbeiten, die jetzt auch in Essen zu sehen sind, wurden größtenteils von Ungerer selbst mit ausgesucht und bereit gestellt. Weitere Werke stammen unter anderem aus der Sammlung in Würth und dem Tomi Ungerer Museum in Straßburg, seiner Heimatstadt.

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