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Kultur

"Ein Stadion ist immer auch eine Botschaft"

Volkwin Marg und sein Architektenbüro gmp haben weltweit Sportstadien gebaut - auch für die UEFA EURO 2012. Die Inszenierung der Masse ist dabei wichtig. Ihn verblüfft dabei die arglose Freude der Zuschauer.

Das neue Olympiastadion im ukrainischen Kiew von innen

Das neue Olympiastadion im ukrainischen Kiew von innen

Deutsche Welle: Ein Sportstadion ist groß, es ist laut und voll: Was zieht die Menschen dort hin?

Volkwin Marg: Der Mensch ist nicht nur ein Individuum, das sich permanent selbst schützt und von anderen abgrenzt, sondern auch ein soziales Wesen, das unter ganz bestimmten Bedingungen mit den anderen verschmelzen will. Diese Ambivalenz des menschlichen Wesens führt immer zu einem unterdrückten Trieb, sich in die Gesellschaft einzufügen und am liebsten in ihr aufzulösen. Diese Sehnsucht nach einem Aufgehen in der Masse setzt immer eine Gleichrichtung der Bewegung voraus. Das Stadion als gewissermaßen ringförmige Vereinigung von Masse fokussiert alle Interessen in dieser Masse auf ein Ereignis im Zentrum, während man sich nach außen abgrenzt. Das ist das physische Massenbedürfnis. Akustisch verstärkt durch die Totalüberdachung der Tribüne, die jetzt auch als Schallreflektor wirkt. Wodurch die akustische Selbstinszenierung der Masse eine viel gewaltigere ist als früher: Das gemeinsame Aufstöhnen, der Protest oder die Ritualgesänge.

Gehen Sie gerne ins Sportstadion?

Volkwin Marg, im Hingergrund eine Darstellung der sanierten Langemarckhalle im Berliner Olympiastadion

Volkwin Marg, im Hingergrund eine Darstellung der sanierten Langemarckhalle im Berliner Olympiastadion

Ich bin als Kind in der Nazizeit aufgewachsen, mit rhythmischen Sprechchören und Gleichschritt. Ich bin dann in der DDR in die Schule gegangen mit Demonstrationen - ebenfalls im Gleichschritt - und der Erfahrung eines organisierten Rhythmusklatschens. Durch meine Massenerinnerungen bin ich sehr skeptisch geworden. Ich habe eine Negativprägung von Massen erlebt, und bin jedes Mal vollkommen verblüfft, dass auch Fröhlichkeit zur Massengemeinschaft führen kann - zum Beispiel im Rhythmus zu klatschen. Ich bin kein leidenschaftlicher Stadiongänger, aber meine Enkel bringen mich immer wieder dazu, mit ihnen dorthin zu gehen. Wenn es darauf ankommt, erklären sie mir auch immer wieder, was eine versteckte Abseitsfalle im Fußball ist. Ich bin jedes Mal gerührt über ihre arglose Begeisterung in der Masse.

Welche Funktionen muss ein Sportstadion heute erfüllen?

Ein Stadion ist der größte öffentliche Versammlungsort. Es ist gleichzeitig der Ort an dem die sensationellsten Events der Gegenwart stattfinden. Und darüber hinaus ist es immer auch eine Botschaft: entweder des Vereins, sehr viel häufiger die Botschaft eines Standortes - einer Stadt oder sogar eines Landes. Es ist also hochpolitisch.

Und in Bezug auf die Zuschauer?

Ein Stadion für 30.000 bis 80.000 Zuschauer bedeutet immer Führung der Massen. Auf dem Weg zum Stadion, ins Stadion, die Verteilung im Stadion, die Pause, das Verlassen des Stadions. Und diese Führung bedeutet gleichzeitig auch eine Choreografie der Massen, soweit sie die Zuschauer betreffen. Darüber hinaus gibt es die Choreografie der Veranstaltung selbst. Das ist ja nicht nur das Fußballspiel. Und weil Massen ja nicht nur choreografiert werden, sondern sich auch selbst in Szene setzen, und zwar ganz spontan - man denke nur an das gemeinsame Singen oder die La-Ola-Welle - muss ein Stadion auch die Chance bieten für diese Selbstinszenierung der Massen: Akustisch, optisch und auch beleuchtungstechnisch.

Wie haben sich die Anforderungen an ein Stadion über die Jahre bzw.  Jahrhunderte gewandelt?

Ganz am Anfang waren Stadien, zum Beispiel im antiken Olympia, Orte, an denen die Öffentlichkeit drum herum stand, um zu sehen, wie sich im paramilitärischen Wettkampf die Stadtstaaten untereinander maßen. Weil der Kampf immer auch von den Göttern mit entschieden wurde, waren das damals aber auch kultische Spiele. Der nächste Schritt war das Imperium Romanum. Da verwandelte sich das Stadion in eine riesige steinerne Anlage. Nicht nur für den paramilitärischen Wettkampf, sondern für riesige Spektakel. Es gab damals die großen Amphitheater, in denen Massenevents stattfanden, mit Tierhatzen und Gladiatorenkämpfen, sogar mit Seeschlachten, weil man einige Stadien fluten konnte. Außerdem entwickelten sich riesenhaften Anlagen für Pferderennen wie der Circus Maximus für über 250.000 Menschen. Diese Veranstaltungen gingen manchmal über eine Woche lang und hatten den Zweck die Bürger ruhig zu halten, das einfache Volk zu kontrollieren.

Wie änderten sich die Spiele und Stadien in der Neuzeit?

Das Olympiastadion in Berlin 1936

Das Olympiastadion in Berlin 1936

Als die Kolonialmächte und Nationalstaaten im internationalen Wettkampf um den Globus standen, kam Endes des 19. Jahrhunderts auch die Idee der Olympischen Spiele als nationalistische Wettkämpfe neu auf - noch eine Renaissance des Stadionbaus. Die olympische Idee ist im 20. Jahrhundert sehr schnell hoch politisiert worden: Im faschistischen Italien, im nationalsozialistischen Deutschland, aber auch in allen anderen Staaten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die Olympischen Spiele zum zweiten Mal nach Deutschland, 1972 in München. Diesmal aber mit einer völlig anderen gesellschaftlichen Vision inszeniert.

Wie unterscheiden sich die Stadien der Olympischen Spiele im nationalsozialistischen Berlin 1936 und im demokratischen München 1972?

Transparente Anlage: Das Münchner Olympiastadion

Transparente Anlage: Das Münchner Olympiastadion

Die Olympischen Spiele 1936 waren noch von der Weimarer Republik 1929 beantragt worden und sollten dort stattfinden, wo sie 1916 wegen des Ersten Weltkriegs ausfallen mussten: in Berlin. Das eigens gebaute Stadion wollte man nur umbauen. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, sahen sie darin eine Chance zur Selbstinszenierung. So wurde das Reichssportfeld geschaffen, eine stadtlandschaftliche Monumentalkomposition: in der Mitte das Stadion, das zum so genannten Maifeld geöffnet war, einem Versammlungsplatz für 250.000 Menschen. Sogar das war Hitler damals noch viel zu klein.

Die Maifeldtribünen hießen Westwall - wie die Verteidigungsanlagen des Ersten Weltkrieges. Mitten darin stand die Langemarkhalle: Angeblich gebaut auf herantransportierter, Blut getränkter Erde von Langemarck, wo 50.000 deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg den angeblichen Heldentod gestorben waren. Auf dem Olympiaturm in der Langemarckhalle hing eine Glocke mit der Aufschrift "Ich rufe die Jugend der Welt". Doch in diesem nekrophilen Umfeld rief die Glocke eigentlich die Jugend der Welt zum Heldentod. Die gesamte pathetisch-monumentale Anlage war inszeniert für Aufmärsche in geschlossener Form, für eine gleichgeschaltete Gesellschaft im Marschtritt.

Das absolute Gegenteil war die Münchner Inszenierung 1972 des Architektenbüros Behnisch & Partner. Eine frei geformte Hügellandschaft mit See. Darin eingefügt eine Zeltlandschaft, deren Bedachung von Stadien und Schwimmbecken auch noch lichtdurchlässig war. Die Wege, die dorthin führten, die Choreografie der Massen, waren frei geformt, wie in einem englischen Park. So dass man sagen konnte, hier wurde im Walzertakt choreografiert. Eine ganz andere Vision für die Spiele der Jugend der Welt in einer freien demokratischen Gesellschaft.

Sie bzw. Ihr Architektenbüro haben bereits einige Sportstadien gebaut: in Südafrika, Brasilien, Polen und in der Ukraine. Welche Einflüsse haben dabei politische Rahmenbedingungen - oder ist das Budget letztlich am wichtigsten?

Beides. Aber wenn es darum geht, sich selbst zu inszenieren, als Stadt oder als Nation, sind die politischen Rahmenbedingungen entscheidend, auch für die Finanzierung. Bei nationalen Stadien wird das Budget in der Regel nach der psychologischen Rendite ausgerichtet. Aber der politische Einfluss geht noch viel weiter: Mit einem Stadion soll natürlich auch ein Zeichen gesetzt werden. Man denke nur an die jüngsten Olympischen Spiele in China, wo man sich darauf verständigt hat, als symbolisches Zeichen für die chinesische Zukunft die Chiffre eines Vogelnestes zu kreieren.

Was ist die Symbolik der Stadien in Warschau und Kiew, wo die Fußball-Europameisterschaft 2012 ausgetragen wird? 

Beleuchtetes Juwel: Warschaus neues Nationalstadion

Beleuchtetes Juwel: Warschaus neues Nationalstadion

Das Nationalstadion in Warschau hat für die Polen eine ungeheure Bedeutung. Das Vorgängerstadion ist gegenüber der Altstadt nach dem Krieg aus den Trümmern errichtet worden, die die Deutschen bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes durch die Bombardierung der Stadt produziert haben. Es war also ein Monument zur Erinnerung an die Zerstörung, ein gewaltiges Erdwallstadion. Dieses Stadion lag außerdem an der Stelle, an der die russische Armee auf ihrem Marsch nach Warschau halt machte, um die Niederschlagung des Warschauer Aufstandes abzuwarten und dann über die Weichsel zu schreiten und die Stadt zu besetzen.

Genau an der Stelle des alten Stadions war nun das neue zu bauen, mit der Prämisse, das alte Bauwerk nicht anzurühren. Unser Architekturbüro hat dann den Wettbewerb gewonnen, indem wir das neue Stadion wie eine Krone auf das alte draufgesetzt haben. Wir haben das Arenarund so ausgebildet, dass man an einen geflochtenen Korb denken muss. In den polnischen Nationalfarben rot und weiß. Jetzt ist das Stadion abends illuminiert und - wenn man so will - wie ein Juwel auf der anderen Flussseite. Es ist auf der Basis der Historie emporgehoben eine Stadtkrone geworden.

Das Stadion in Kiew hat eine hundertjährige Geschichte und lag von Anfang an mitten in der historischen Stadt. Es wurde seit der zaristischen Zeit mehrmals umgebaut und umbenannt. Es fasste zuletzt 100.000 Zuschauer, allerdings auf Sitzbänken, nicht auf Einzelsitzen. Das Stadion wurde nun für die Ansprüche des kommerziellen Fußballs hergerichtet. In der Substanz sollte es als Baudenkmal der ukrainischen Geschichte aber erhalten bleiben.

Volkwin Marg (75) ist Gründungspartner des Architektenbüros gmp, das er zusammen mit dem Architekten Meinhard von Gerkan gegründet hat. Das Büro von Gerkan, Marg & Partner hat Sportstadien weltweit gebaut. Unter anderem das Nelson Mandela Bay Stadion und das Moses Mabhida Stadion in Südafrika für die Fußball-Weltmeisterschaft 2010, das Nationalstadion in der polnischen Hauptstadt Warschau sowie das Olympiastadion in der ukrainischen Hauptstadt Kiew (beide für die Fußball-Europameisterschaft 2012). Aber auch in China, Brasilien oder Indien stehen Sportbauten nach Entwürfen des Hamburger Büros. Das Olympiastadion in Berlin wurde nach einem Entwurf von Volkwin Marg und Hubert Nienhoff umgebaut, saniert und überdacht.

Vom 6. Juni bis 12. August 2012 zeigt die Akademie der Künste in Berlin die Ausstellung "Choreographie der Massen - Im Sport. Im Stadion. Im Rausch". Marg ist Mitglied der Akademie der Künste und Kurator der Ausstellung, die in Kooperation mit gmp und dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien entstanden ist.

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