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Kultur

Ein Schiff wird kommen

Marokko soll demnächst Teil der europäischen Freihandelszone werden. Das Verhältnis zum Nachbarland Spanien aber ist gespannt. Grund ist der florierende Menschenschmuggel.

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Der südlichste Punkt Eldorados: Der Felsen von Gibraltar

"Nach Spanien willst Du also!" Der Mann mit dem Vollbart und der grünen Hippiemütze blickt misstrauisch. Er nennt sich Mohamed. Das ist ein ehrbarer Name und zugleich ein so weit verbreiteter, dass er Anonymität garantiert. Normaleweise fragen ihn europäisch aussehende Personen im Flüsterton nach Haschisch oder Bordellen.

Der Ort, an dem Gespräche dieser Art geführt werden, ist der "Zocco Chico", ein Platz in der Altstadt von Tanger. Hier tranken schon Schriftsteller wie Bowles und Burroughs ihren Kaffee – und hier rauchten sie auch ihr Rauschgift. Nachbarn treffen sich im Café Central, um gemeinsam Fußball zu schauen oder um Kommentare über die Touristen abzulassen. Kinder stürmen lärmend aus kleinen Gassen hervor, fliegende Händler bieten Zigaretten, Kichererbsen und Uhren feil. Halbstarke auf Motorrollern preschen zwischen den Passanten hindurch, umkurven eine Schwarzafrikanerin, die einen Säugling auf ihrem Rücken trägt.

Baby als Reisepass

Alle farbigen Frauen, die man in Tanger sieht, tragen ein Kleinkind. "In Europa ist das ihr Pass", erklärt Mohamed. "Wenn sie ein Kind haben, dürfen sie nicht abgeschoben werden. Erst bekommen sie ein Kind, dann warten sie auf das Boot."

"Patera" nennen sie die starken Außenborder hier, Marke "Zodiak". "Mit dem Zodiak bist du schnell und sicher drüben." Mohamed bietet die Überfahrt für 10.000 Dirham an, das sind 1000 Euro; die Anzahlung liegt bei 2500 Dirham. Wenn 20 Passagiere zusammen sind, geht es los. "Bis dahin musst du jeden Abend hier sitzen, bis dich jemand abholt", sagt Mohammed. "Am Boot bezahlst du den Rest. Du musst noch ein zweites Set Kleidung mitnehmen. Das ziehst du an, wenn ihr die spanische Küste erreicht habt. Oberhalb des Strandes verläuft die Straße. Du fährst per Anhalter in die nächste Stadt und von da mit dem Bus nach Madrid, Barcelona."

Mit Aufpreis einen "Luxusplatz" im Container

Mohamed bietet noch eine weitere Möglichkeit an. "Für 20.000 schmuggeln wir dich in einem Container auf eine Fähre. Das ist sicherer. Wenn du einen Pass hast, besorgen wir dir ein Visum. Alles eine Frage des Geldes."

Wieder illegale Einwanderer vor Spanien aufgegriffen

Eine Gruppe von illegalen Immigranten, die von der Guardia Civil in drei Booten mit 160 Menschen verhaftet worden sind, versucht sich am 29.9.2003 in Tarifa auszuruhen. Die Boote waren vor Tarifa in der Straße von Gibraltar gesichtet worden, einer der Hauptzugangswege von der marokkanischen Küste nach Spanien. Den meisten illegalen Immigranten droht die sofortige Abschiebung. Die Überfahrten sind lebensgefährlich.


Der Menschenschmuggel in Marokko blüht und ist mittlerweile lukrativer als der Drogenhandel. Bis zu 5000 Menschen sollen seit dem Schengener Abkommen beim Versuch, die spanische Küste illegal zu erreichen, ertrunken sein. Allein im Jahre 2002 wurden 13.500 "Boatpeople" von der spanischen Küstenwache festgenommen. 6000 Minderjährige sollen es nach Spanien geschafft haben. 300.000 Marokkaner leben angeblich bereits dort.

Jede Nacht brechen mehrere hundert Menschen in kleinen Booten Richtung Spanien auf. Zum Teil brauchen sie zwei Tage, bis sie das unberechenbare Meer überquert haben. Ausgangspunkte sind Orte entlang der Küste. 3000 Durchreisende beherbergt allein die Stadt Maghnia täglich, die dort auf jemanden warten, der ihnen den Weg zu einem Boot weist.

Vom Lockruf Europas

Vor allem Jugendliche verlassen scharenweise ihre Heimat. Und das, obwohl in Marokko die jüngsten Wirtschaftsdaten positiver sind, als in Ägypten, Tunesien oder Jordanien. Europa gilt als das verlockende Eldorado. Viele kennen märchenhafte Erfolgsgeschichten von Freunden oder Angehörigen, die den Schritt gewagt haben.

Marokkanische Medien schildern dagegen täglich tödliche Flüchtlingsdramen. Über die Ursachen des Exodus schweigt man sich aus. Dabei ist offensichtlich: Vielen Jugendlichen wird ihr Land zu eng. Hohe Arbeitslosigkeit, keine lukrative Perspektive, Leben auf engstem Raum mit der Familie. Die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit wird unterdrückt: Im letzten Frühjahr wurden 14 Jugendliche wegen "praktiziertem Satanismus" zu Gefängnisstrafen verurteilt, weil sie der Hardrock-Musik gefrönt hatten.

Flüchtlingsboot kentert in der Straße von Gibraltar

Mit dem Fernglas blickt ein spanischer Polizist auf die Straße von Gibraltar.

Die verführerische Aussicht, sich man sich auf der anderen Seite des Meeres, in Spanien, als einfacher Kellner über Wasser halten kann, scheint vielen die gefährliche Überfahrt wert. "Man kann mich nicht davon überzeugen, dass illegale Emigration ein Weg in den Tod ist. Auswanderung ist auch ein Weg der Selbstachtung", schildert ein arbeitsloser Akademiker die Stimmung.

Gebt uns Geld oder wir geben euch Flüchtlinge!

Marokko soll demnächst Teil der europäischen Freihandelszone werden. Ein Tunnel nach Spanien soll den Warenaustausch erleichtern. Doch das Verhältnis zwischen Madrid und Rabat ist gespannt. Zwar kooperieren ihre Sicherheitsapparate bereits bei der Überwachung der Meerenge von Gibraltar und Marokkos König Mohamed VI kündigte ein verstärktes Vorgehen gegen den organisierten Menschenschmuggel an. Gleichzeitig fordert er aber mehr finanzielle und logistische Unterstützung bei der Grenzsicherung. Spanien fühlt sich erpresst.


Mohamed vom Zocco Chico indessen will sein Land hingegen nicht verlassen. "Ich habe mittlerweile ein kleines Haus in den Bergen", erzählt er. "Was soll ich in Europa?" Auf die Frage, was wohl passiert, wenn der Tunnel zwischen Spanien und Marokko gebaut sein wird, antwortet Mohamed mit einem schelmischen Grinsen. "Du kannst ja warten, bis der Tunnel fertig ist. In der Zwischenzeit wirst du aber noch viel Geld für Tee ausgeben!"

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