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Ostmitteleuropa

"Ein Problemkomplex der besonderen Art"

- Ungarns Roma als Verlierer der Wende

Budapest, 4.12.2003, PESTER LLOYD, deutsch, Tamás Orosz

Der große Feiertag, Ungarns Aufnahme in die EU am 1. Mai 2004, naht. Ein gewaltiger Fortschritt, zweifelsohne. Doch wird dieses historische Datum nicht unbedingt eine Feier für die verschiedenen Bevölkerungsschichten bedeuten, die schon heute klare Verlierer der Wende sind und auch in der EU erst mal kaum mit entscheidenden Änderungen rechnen können. Gedanken, die unlängst auf einer Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung sowie auf einer gemeinsamen Veranstaltung des Komitees Iustitia et Pax der Katholischen Bischofskonferenz und der Konrad-Adenauer-Stiftung aufkamen.

Kinga Göncz, Staatssekretärin im Ministerium für Gesundheit und Soziales, und andere sprachen auf der Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung über den Nationalen Entwicklungsplan und weitere Pläne der linksliberalen Regierungskoalition, um – zumindest teilweise und auch unter Inanspruchnahme der EU-Fonds – Herr der Lage zu werden.

Denn es muss damit gerechnet werden, dass verschiedene Gesellschaftsschichten weiterhin in eine Randposition gedrängt werden, bei denen es besonders viele Risikofaktoren gibt. (...)

Ein Problemkomplex der besonderen Art sind die Roma, deren widersprüchliche Integration durch die Wende aufgehalten wurde und deren Sorgen sich heute durch Massenarbeitslosigkeit, ungelöste Fragen der Unterkunft, der Ausbildung und anderes mehr kumulieren. Von der größten Minderheit des Landes, deren Zahl über eine halbe Million beträgt, leben 40 Prozent unterhalb der Armutsgrenze – was für die Roma eine verstärkte Verarmung bedeutet. Ein Teil von ihnen gehört darüber hinaus auch zu der Gruppe, die über mangelnde Schulbildung verfügt. Hilfsarbeit und angelernte Arbeit sind Sparten, in denen vor der Wende viele Roma Beschäftigung fanden, die es in Ungarn heute aber nur noch selten gibt. Wenig verwunderlich, dass die meisten Verlierer aus ihren Reihen kommen werden, nicht zuletzt auch deshalb, weil für Um- und Weiterbildungsprogramme nur wenige Quellen zur Verfügung stehen. (...)

Lehrreich zur Beleuchtung der sozialen Probleme des Landes trug auch eine zweitägige Konferenz bei, die von dem Komitee Iustitia et Pax der Katholischen Bischofskonferenz und der Adenauer-Stiftung am Wochenende abgehalten wurde. In den Jahren der Wende verschwanden rund 1,5 Mio. Arbeitsplätze und erst im Jahre 1993 konnte man den momentanen Beschäftigungsgrad erreichen, der seitdem praktisch unverändert ist, war dort zu erfahren. János Ladányi, Soziologieprofessor der Wirtschaftsuniversität, meinte, dass bei der Dauerarmut von 700.-800.000 Menschen der Bildungsgrad, der Gesundheitszustand, aber auch der Wohnort eine wesentliche Rolle spielten. Dauerarmut und Ausgrenzung seien in Ungarn miteinander verknüpft, darüber hinaus sei auch die ethnische Komponente nicht zu unterschätzen.

72 Prozent der ungarischen Roma leben sozial ausgegrenzt, berichtete ein anderer bekannter Soziologe, István Kemény, der diesbezüglich schon mehrere landesweite Umfragen durchführte. Vor der Wende waren 88 Prozent der arbeitsfähigen Männer und 85 Prozent der männlichen Roma am Arbeitsmarkt aktiv. Heute betrage dieser Anteil 56 bzw. nur noch 29 Prozent. (...) (fp)

  • Datum 04.12.2003
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