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Europa

Ein Leben auf dem Fluss

Die Frachtschiffer auf der Themse kennen jede Flussbiegung und jeden Flussabschnitt mit Namen. Der traditionelle Beruf ist auch bei jungen Auszubildenden gefragt.

Blick vom London Eye-Riesenrad über die Themse (Foto: dpa)

"Wichtigste Straße Londons": die Themse

Bleischwer liegt der Himmel über London, unruhig schlängelt sich der Fluss durch die Hafengegend. Die Themse bei Woolwich in Südostlondon macht einen unwirtlichen Eindruck. In der Nähe befindet sich eine gigantische Flutsperre, am Ufer ragen rostige Ladekräne in den nebeligen Himmel. Hier steht die Werftanlage von "Cory Environmental", sie ist über 100 Jahre alt.

Abfall statt Koks und Kohle

Londoner Tower Bridge (Foto: dpa)

Früher wohnten die Schiffer in unmittelbarer Nähe zur Tower Bridge

"Als ich vor dreißig Jahren anfing, gab es 2500 Frachtkapitäne. Heute sind es gerade noch 72", erzählt Frachtschiffer Tim Keech. Der Beruf der Frachtschiffer, der "Lightermen", geht bis ins frühe 16. Jahrhundert zurück. Damals wurde ein Großteil des Verkehrs auf der Themse abgewickelt. Ihre Zunft war hochangesehen, ihre traditionelle Wohngegend Rotherithe lag direkt an der Themse bei der Tower Bridge. Aber die enge Gemeinschaft der Docker zerbrach in den 1960er-Jahren, als viele ihre Jobs verloren und wegzogen und die Lagerhallen in Luxuswohnungen umgebaut wurden.

Früher transportierte das Unternehmen "Cory Environmental" Koks und Kohle, heute haben die mastlosen Kähne, auch Barken genannt, nur noch Abfall geladen. Jede Barke ist mindestens 20 Meter lang. Ray, der Kapitän, weist zwei Lehrlinge an, gleich drei Barken zu vertäuen. Schon als kleiner Junge sei er während der Ferien immer mit seinem Vater auf dem Schlepper mitgefahren, erzählt er. "Ich wollte nichts anderes werden als Kapitän - wie meine Vorfahren. Auch in der Familie meiner Mutter haben alle in den Docks gearbeitet", sagt Ray. "Unser ganzes Leben dreht sich um den Fluss. Das ist bei uns im Blut."

Seit Generationen "Lightermen"

Der Schlepper tuckert die Themse hinauf in Richtung Innenstadt und zieht die lange Reihe vertäuter Barken hinter sich her - ein gigantischer Slalom, bei dem jeder Zentimeter zählt. Die Lehrlinge sprinten von Kahn zu Kahn, straffen und lockern Taue. Wie Akrobaten balancieren sie auf den Barken. Jede Bewegung sitzt.

"Weil die Brücken so eng aufeinanderfolgen, musst du erst auf die eine Seite zu-, und dann gleich wieder gegensteuern, damit dir die Barken auch folgen. Sonst knallen sie direkt gegen einen Pfeiler", erklärt Thomas, einer der beiden Lehrlinge, in einer ruhigen Minute. Thomas ist 23 Jahre alt. Er trägt einen Stachelhaarschnitt, einen Diamantohrring, Boots. Seine Familie arbeitet schon seit Generationen auf der Themse.

Thomas werde noch nach dem alten System ausgebildet, wie der zweite Lehrling John erläutert: "Die Lehre geht fünf oder sechs Jahre. Nach zwei Jahren musst du aufs College in Gravesend. Du lernst Seemannskunst, Kartenarbeit, Navigation. Dann wirst du geprüft: 'Riverknowledge' – Flusswissen.” Jede Krümmung, jeder Flussabschnitt habe seinen Namen, erzählt Thomas. "Diese Kurve hier heißt zum Beispiel "Cuckhold's Point". Wir müssen alle Namen kennen - genau so wie die Londoner Taxifahrer die Straßennamen."

EU reglementiert Ausbildung

Flutschutzwehr 'Thames Barrier' in einem Vorort Londons (Foto: picture alliance)

Wechselnde Wasserstände: "Thames Barrier" ist das größte bewegliche Flutschutzwehr der Welt

Der 19-jährige John will Schlepperkapitän werden, wie schon sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater vor ihm. Aber ihn beunruhigt die neue EU-Regelung, die den Ausbildungsweg der Lightermen auf zweieinhalb Jahre verkürzt. Die Themse sei ein Tidefluss, der unter dem Einfluss der Gezeiten Ebbe und Flut wechselnde Wasserstände habe. So komme es auch zu komplexen Strömungen, die man in- und auswendig kennen müsse, das dauere viele Jahre, meint er.

Um seine Zukunft macht sich John aber kaum Sorgen. Der Frachtverkehr werde zunehmend aufs Wasser zurückverlagert, sagt er. Auch Ray, der Kapitän, findet, er habe den besten Job der Welt. Themseschiffer schieben lange Schichten, je nach Wetter, Tide und Jahrezeit. Dafür haben sie jeden zweiten Tag frei. Und außerdem sei die Themse die schönste Straße Londons, meint Ray: "Wenn wir zur Stoßzeit unter den Brücken dahingleiten und oben das ganze Chaos sehen, wird es uns immer ganz warm ums Herz."

Autorin: Ruth Rach
Redaktion: Mareike Röwekamp

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