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Wissen & Umwelt

Ein Korallenriff im Amazonas

Wissenschaftler haben ein riesiges Korallenriff in den trüben Gewässern der Amazonasmündung entdeckt. Eine Sensation: dort erwartet man solche empfindlichen Ökosysteme eigentlich nicht.

Amazonas Delta in Brasilien, Satellitenaufnahme (Foto: Imago).

Die Mündung vom Amazonas ins Meer - hier hatten Forscher kein Korallenriff erwartet

Dort, wo der Amazonas in den Atlantik mündet, entsteht eine Flusswasserfahne: Hier vermischt sich das frische Flusswasser mit dem salzigen Meer.

Bisher nahm die Wissenschaft an, dass es in diesen Flusswasserfahnen keine Korallenriffe geben kann: Riffe liegen normalerweise nicht im Mündungsgebiet von großen Flüssen, da das Wasser dort meist saurer und weniger salzig ist als das offene Meer.

Nun hat ein Team von US-amerikanischen und brasilianischen Wissenschaftlern jedoch eine kleine Sensation entdeckt: ein 1000 Kilometer langes Riffsystem, das direkt an der Mündung des Amazonas verläuft.


"Das ist das erste Mal, dass ein Riff unter solchen Bedingungen entdeckt wurde", sagt Fabiano Thompson, der an der Entdeckung beteiligt ist. Allem Anschein nach befindet sich unterhalb des Süßwasserstroms, der aus dem Amazonas fließt, ein für riffbildende Organismen geeignetes Salzwasserhabitat.

Fische und gebleichte Korallen im Great Barrier Reef (Foto: AP).

Das Amazonasriff kommt gut mit dem hohen pH-Wert des Flusswassers zurecht

Die Wissenschaftler fanden in dem Amazonasriff 61 Schwammarten - darunter drei neue Spezies - und 73 Fischarten sowie Langusten und Schlangensterne.

Chemie statt Licht

Aufgrund der schlechten Lichtverhältnisse leben dort nur wenige Korallen. Das Riff wird beherrscht von Schwämmen und Rhodolithen, einer Meeresalge, die Korallen ähnlich sieht. Diese Organismen betreiben keine Photosynthese, sondern Chemosynthese - sie verwenden also kein Licht als Energiequelle. Die Energie stammt aus der Oxidation von Mineralien.

"Ein Riff zu finden, das auf Chemosynthese basiert, ist ein Paradigmenwechsel", schwärmt Thompson gegenüber der DW und meint, dass womöglich noch weitere, ähnliche Riffe "an verschiedenen Orten in der Welt versteckt sein könnten."

Das Amazonasriff liegt am Sockel des Festlands, rund 80 Kilometer von der Küste entfernt, in einer Tiefe von bis zu 120 Metern - ungewöhnlich tief für ein Korallenriff.

Languste im Meer (Foto: picture-alliance/Arco Images/F.Schneider).

Diese Languste fühlt sich am Amazonasriff pudelwohl

Alte Aufzeichnungen

Stutzig geworden waren die Forscher, als sie in alten Aufzeichnungen von 1977 von Fischen und Schwämmen in dieser Gegend gelesen hatten, die normalerweise an Riffen leben. Außerdem wurden im Jahr 1999 Korallen am südlichen Ende der Flussmündung gefunden. Das war der ausschlaggebende Punkt. Die Forscher stießen bei ihren Nachforschungen tatsächlich auf ein "gigantisches" Riff, so Thompson, das nun erstmals offiziell bestätigt wurde.

"Es gab ein paar winzige Beweise in den alten Papieren", sagt Thompson, "aber die waren längst keine Garantie, dass es sich hierbei wirklich um ein Riff handelt - und vor allem um ein intaktes. Dieses Riff ist so lebendig! Hier leben unglaublich viele Fische und Hummer."

Riffe unter Druck

Thompson und sein Team glauben, dass die Erforschung des Riffs auch Einblicke eröffnen könnte, wie Riffökosysteme unter "suboptimalen" Bedingungen funktionieren. Dies könnte hinsichtlich der anderen Riffe auf der Welt hilfreich sein, die zunehmend mit dem Klimawandel und der Versauerung der Ozeane zurechtkommen müssen.

Erst kürzlich berichteten Wissenschaftler in Australien, dass 93 Prozent des Great Barrier Reefs - dem größten Riff der Welt - von Korallenbleiche betroffen sind.

Thompson glaubt, dass solch tiefe Riffe wie das Amazonasriff weniger anfällig gegenüber Versauerung sein könnten als tropische Korallenriffe.

Riskante Ölbohrungen

Dafür könnte das Amazonasriff aber einer anderen Bedrohung als der globalen Erderwärmung ausgesetzt sein: Ölbohrungen.

In dem Magazin "Science Advances" schreiben Wissenschaftler, dass das Aufstellen von 125 Ölfördertürmen in der Diskussion sei. 20 davon würden schon bald in unmittelbarer Nähe vom Riff damit beginnen, Öl zu fördern.

Die Forscher fordern vorher eine umfassende Untersuchung der biologischen Vielfalt.

"Industrielle Aktivitäten in einem solchen Maßstab sind eine große ökologische Herausforderung. Unternehmen sollten eine vollständige sozial-ökologische Bewertung des Systems unterstützen", schreiben die Forscher.

Bisher wurden tausend Quadratkilometer der Gegend um die Amazonasmündung kartiert. Das entspricht einem Neuntel der Gesamtgröße des Riffs.

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