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Kultur

Ein Juwel aus Menschenasche

Der Tod fasziniert und ängstigt die Menschen gleichermaßen. Unternehmer haben sich dem Thema längst pragmatisch genähert: Sie hoffen sprichwörtlich auf eine glänzende Zukunft.

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Neue Form der Bestattungskultur: Erst Lebewesen, dann Diamant

"Zurzeit kann man leider noch nicht von den Aufträgen leben", klagt Veit Brimer, Mit-Geschäftsführer des Schweizer Unternehmens "Algordanza". Seit Juli 2004 rührt Brimer eifrig die Werbetrommel für seine Firma, doch die Zahl der Kunden, die sich pro Woche bei ihm melden, kann er bislang noch an einer Hand abzählen.

Möglicherweise liegt es am ungewöhnlichen Geschäftskonzept, dass die Kunden lieber morgen als heute die Dienstleistungen der Firma in Anspruch nehmen wollen. Der Grund: Algordanza stellt künstliche Diamanten her, der dafür erforderliche Kohlenstoff wird aus der Asche von Verstorbenen gewonnen. Aus fünf Gramm Kohlenstoff pressen die Schweizer einen Ein-Karat-Diamanten.

Qualitätskontrolle

Die angelieferte Asche der Verstorbenen wird gekennzeichnet, damit es nicht zu Verwechslungen kommt. Viele weitere Daten werden festgehalten, darunter Angaben zu den Angehörigen, zum Pressvorgang und zur Qualitätskontrolle.

Gräber auf einem Friedhof

Die Erdbestattung ist in Deutschland die häufigste Bestattungsform

"Mit einem physikalisch-chemischen Verfahren wird der Kohlenstoff isoliert. Häufig beträgt der Anteil nach der Einäscherung nur noch etwa zwei bis fünf Prozent", erklärt Geschäftsführer Brimer den Umwandlungsprozess. "Wir haben aber schon einmal lediglich 0,8 Prozent Kohlenstoff-Anteil in der Asche gehabt, das hat dann gerade noch ausgereicht."

Mithilfe einer hauseigenen Analyse wird die Asche untersucht. Zusätzlich greift das Unternehmen auf eine unabhängige Untersuchung durch das Eidgenössische Materialprüfungsamt zurück. Die eigentliche Pressung zum Diamanten nimmt drei bis vier Wochen in Anspruch, dabei wird das Material einem sehr hohen Druck und einer hohen Temperatur ausgesetzt.

"Symbol der Unvergänglichkeit"

Vom späteren Ergebnis der Arbeit ist Veit Brimer überzeugt. "Wir machen nicht ein Erinnerungsstück, sondern wir machen das Erinnerungsstück. Der Diamant erhält ein Echtheitszertifikat und ist ein Symbol der Unvergänglichkeit." Bislang wurde das fertige Schmuckstück auf einem Granitsockel befestigt und präsentiert. Inzwischen kann der Diamant von den Angehörigen auch in einem Leder-Samtbeutel oder in einem Holz-Leder-Kästchen in Empfang genommen werden.

"Material", "Erinnerungsstück", "Qualitätskontrolle". Vielen fällt es schwer, diese Begriffe in Zusammenhang mit Menschen zu bringen. Neben einer eher naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise ergeben sich weitere Fragen, die unter anderem von der Kirche gestellt werden.

"Unveräußerliche Würde"

"Die Bestattungsformen haben sich im Laufe der Zeit entsprechend verändert", sagt Thies Gundlach von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), "aber nicht nur die Lebenden, sondern auch die Toten haben eine unveräußerliche Würde. Für mich ist die Umwandlung eines Verstorbenen zu einem Diamanten schlichtweg geschmacklos."

Thies Gundlach sieht in dem Verfahren "eine typische Säkularisierung in der heutigen Zeit". Die Öffentlichkeit der Trauer werde zunehmend privatisiert, es fände zudem eine Verewigung im materiellen Sinne statt: "Wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir Menschen zu ewigen Steinen machen. Der Mensch soll zu Gott zurückkehren dürfen. Und als Angehöriger muss man loslassen können, nicht nur aus religiösen, sondern auch aus psychologischen Gründen", sagt der Kirchensprecher.

Persönlicher Stil

Der Psychologe und Buchautor Oskar Mittag beschäftigt sich schon seit längerer Zeit mit der Begleitung von Trauernden. Für ihn ist es unerheblich, ob jemand an einem Grab trauert oder einen Diamanten vorzieht: "Beides ist weder gefährlich für den Trauerprozess noch förderlich. Ich würde die Entscheidung für eine bestimmte Form der Trauer daher dem persönlichen Stil überlassen."

In Deutschland gibt es diese Wahlmöglichkeit ohnehin nicht. Wer trotzdem seinen Liebsten oder seine Liebste als Juwel in Erinnerung behalten will, muss einige grenzübergreifende Tricks anwenden. In Deutschland gilt, wie auch in Österreich, der so genannte Bestattungszwang. In den USA, der Schweiz oder den Niederlanden überlässt man die Entscheidung hingegen den Angehörigen.

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