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Kultur

Der Tod im Wohnzimmer

Wer lebt, stirbt auch. Das ist normal aber lästig und wird gerne verdrängt. Doch nicht alle nehmen das todernst: Manche Menschen fahren im Leichenwagen einkaufen oder stellen sich ihren Designer-Sarg ins Zimmer.

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Ende eines Tabus: Särge dürfen schön sein - und zum Schrank werden

Mit dem Tod ist durchaus zu Spaßen - das beweist die kürzlich in Deutschland angelaufene Serie "Six Feet Under". In dieser skurrilen Kult-Serie aus den USA dreht sich alles um Trauerfeiern, Leichenrekonstruktionen und Beerdigungsrituale. Ihr Untertitel: "Gestorben wird immer" - und deshalb hat der Tod auch immer Konjunktur. "Six Feet Under" beweist: Der Tod darf mittlerweile durchaus im Alltag auftauchen - da könnte manchem ein Grabstein vom Herzen fallen. Zum Beispiel denen, die privat einen Oldtimer der anderen Art fahren - ein Bestattungsfahrzeug, sprich Leichenwagen a. D. Das allerdings nicht deswegen, weil sie es besonders eilig hätten mit dem Sterben: "Man will sich so ein bisschen abheben aus der automobilen Masse", erklärt Wolfgang Moser - der Berliner handelt mit Sarg-Transportern.

Es zählt die etwas andere Eleganz

Klar, der Tod fährt mit. Irgendwie. Aber das sei für die Besitzer gar nicht so bedeutsam, sagt Moser - für die sei es eben ein seltenes, erhaltenswertes Fahrzeug "wie ein anderer Oldtimer oder ein Cabrio". Außerdem riechen die Autos für die letzte Fahrt nicht nach Leiche, sind innen meistens luxuriös holzverkleidet und naturgemäß mit einem großen Kofferraum gesegnet.

Angst muss keiner haben. Also kaufen nicht nur Gothic-Fans, "sondern alle, vom Familienpapa bis zur Lack-und-Leder-Braut. Oder auch Handwerker, die sagen, das ist genau das Richtige für meine Messebau-Firma." Nur in Kleinstädten könne es schwierig werden, "wenn das Ding ständig vor der Tür steht".

Der Schrank wird zum letzten Bett

Während die meisten über den Tod kein Sterbenswörtchen verlieren, holen ihn sich andere gleich ins Haus. Denn warum soll ich hingehen und die Schrankwand "Sylt" zusammenschrauben, wenn ich am Ende sterblich bin? Also nutzen sie den Sarg schon vor dem Ende - als schicke Bar oder Regalschrank im Wohnzimmer: Der Tod steht hier gut. Die Sargfabrik Eckhardt aus Wetter zum Beispiel baut Vielzweck-Designer-Särge nach Wunsch und liefert an Bestatter.

Lebst Du noch oder wohnst Du schon? Für Renate Knüppel von der Evangelischen Kirche in Deutschland ist dieser Trend nicht unbedingt hilfreich bei der Auseinandersetzung mit dem Tod. "Mir würde ein Sarg nicht helfen. Sich so ein Symbol für den Tod ins Wohnzimmer zu stellen, das ist bloß Lifestyle", findet sie. Auch der Bestattungswagen in der Garage falle eher in die Rubrik Individualismus. "Ich glaube, der Tod ist noch zu sehr wie ein Stachel, als dass er dadurch alltäglich würde."

Ausflug zur Einäscherung

Aber Designersärge könnten zumindest einen offeneren Umgang mit dem Tod fördern. Und die Oberkirchenrätin hat nichts dagegen, dass Menschen sich mit dem Sterben beschäftigen: "Das Thema tritt ja auch mehr in den Vordergrund. Menschen sollten sich darauf vorbereiten, dass Leben endlich ist."

Das geht beispielsweise beim Bestattungshaus Friedrich in Leverkusen: Es bietet Bustouren zum Krematorium an - nach Geleen in den Niederlanden, schon seit zehn Jahren. Ein Blick in den Ofen gehört dazu. "Wir wollen den Leuten einfach mal zeigen, wie das vonstatten geht", erklärt Inhaber Hans Joachim Friedrich. "Und die sind sehr begeistert davon. Erleichtert auch." Nicht nur Senioren fahren mit, sagt Friedrich, "auch Jüngere, die sich interessieren für die Eltern". Im niederländischen Krematorium gibt's dann sogar Kuchen.

Auch die Briten fahren "schwarz"

Grenzüberschreitend ist auch die Leichenwagen-Begeisterung. "In England ist die größte Bestattungswagen-Szene", berichtet Wolfgang Moser. "In Amerika gibt es auch eine, im europäischen Ausland eher nicht." Dabei sei an den Autos gar nichts auszusetzen: "Da ist doch noch keiner drin gestorben!"

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