1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Nahost

Ein Jahr nach der Hinrichtung Saddam Husseins

Nachdem US-Truppen den irakischen Ex-Diktator Saddam Hussein in einem Erdloch aufgestöbert hatten, ging alles ganz schnell. Am 30. Dezember 2006 wurde der frühere Machthaber hingerichtet. Peter Philipp blickt zurück.

default

Proteste in Tikrit gegen die Hinrichtung Saddams

Es ist der 5. November 2006. Seit elf Monaten steht der irakische Ex-Diktator in Bagdad vor Gericht. Zunächst wegen der Ermordung von 143 Einwohnern des Ortes Dujeil 1982, dann - in einem zweiten Prozess - wegen der Ermordung und Vertreibung von über 100.000 Kurden in der so genannten Anfal-Kampagne Ende der 1980er Jahre.

Saddam Hussein wird wegen seiner Verantwortung für Dujeil verurteilt. In Washington war erwartungsgemäß lautes Lob zu hören. Präsident George W. Bush etwa sprach von einem "Meilenstein bei den Bemühungen des irakischen Volkes, die Herrschaft eines Tyrannen durch die Herrschaft des Gesetzes einzutauschen".

Nicht jeder teilt diese Meinung. Weltweit gibt es Kritik an der Todesstrafe für Saddam. Nicht aus Sympathie für den gestürzten Diktator, sondern aus grundsätzlichen Überlegungen: Die Europäer haben die Todesstrafe abgeschafft und selbst der Vatikan warnt, man könne Verbrechen nicht durch Verbrechen sühnen. Bedenken, die in Washington nicht geteilt werden. Erst recht nicht in der irakischen Regierung. In Bagdad ist der Weg zur Hinrichtung längst geebnet: Als die USA im Sommer 2004 offiziell die Souveränität einer irakischen Übergangsregierung übertragen, da hat diese nichts Eiligeres zu tun als die - von den USA im Irak abgeschaffte - Todesstrafe wieder einzuführen. "We got him" Nachdem sie 2003 Bagdad erobert und das Regime des Diktators gestürzt haben, machen sich US-'Truppen auf die Suche nach Saddam Hussein: Monatelang ist die Nummer Eins auf der amerikanischen Fahndungsliste wie vom Erdboden verschwunden. Selbst ein Millionen-Kopfgeld bringt keinen Erfolg. Saddam hat offenbar noch zu viele Freunde und Anhänger, so dass er sich verstecken kann. Bis zum 15. Dezember 2003. Der damalige US-Verwalter für den Irak, Paul Bremer, macht keine langen Umschweife, als er in Bagdad vor die Presse tritt: “Ladies and Gentlemen - we got him”. Nur Stunden zuvor hatte man Saddam gefunden. Unweit seines offiziellen Geburtsortes Tikrit hatte er sich neben einem Landhaus in einem Erdloch versteckt. Bewegte Laufbahn Der einst so mächtige Mann, der von nun ab in einem Gefängnis der Besatzer außerhalb von Bagdad eine Zelle bezieht, hat eine bewegte Laufbahn hinter sich: Er stammt aus einfachsten Verhältnissen - und dennoch hat er es bis ganz oben gebracht: Saddam wächst bei einem Onkel auf, dessen Nationalismus und Bewunderung für die Nazis ebenso prägend sind wie die Gemeinheiten des Stiefvaters. Es ist nicht bekannt, dass er religiös aufgezogen worden wäre und so sind religiöse Töne, die später gelegentlich aus seinen Reden klingen, wohl reine Taktik, um bei den Massen Rückhalt zu gewinnen. In Wirklichkeit ist Saddam Hussein eher ein Liebhaber schottischen Whiskys, kubanischer Zigarren, blonder Frauen und gefälliger Lobgesänge. Und zielstrebig hat er sich an die Spitze des Staates gemordet: Seine Karriere ist gesäumt von Leichen. Von der Ermordung eines Kommunisten in Tikrit über die Liquidierung von Konkurrenten aus dem eigenen Lager, die Massenhinrichtungen von Kommunisten, Juden oder auch von Offizieren, die in Ungnade gefallen waren. Selbst Verwandte und engste Freunde waren vor Saddam nicht sicher, der jeden Zweifel beiseite schiebt mit den Worten: "Lieber einen Unschuldigen umbringen als einen Schuldigen leben lassen." In der Jugend versucht er sich vergeblich als Tyrannenmörder an einem seiner Vorgänger im Amt des Staatsoberhaupts, Flucht und Exil folgen, dann die Heimkehr und sein langsamer, aber unaufhaltsamer Aufstieg zum selbstherrlichen und sich selbst überschätzenden Präsidenten. Eine Überheblichkeit, die den Irak immer wieder ins Unglück stürzt: Im langen Krieg gegen den Iran - und dann wieder bei der Eroberung Kuwaits, die 1991 zur "Operation Wüstensturm" führte. Letztlich zum US-Angriff 2003. Allzu lange falsch eingeschätzt Von Hitler bis Stalin hat Saddam gelernt, einen totalitären Staat mit allgegenwärtiger Kontrolle der Geheimdienste und erbarmungsloser Unterdrückung auch nur der leisesten Kritik zu führen. Frankreich verhilft ihm - fast - zur Atombombe, Deutschland - wahrscheinlich - zu chemischen Waffen. Und von der amerikanischen CIA erhält er Hilfe im Krieg gegen den Iran und auch seine ersten biologischen Waffen. Diese Zusammenarbeit dauert aber nicht lange und seit dem Kuwaitkrieg herrscht offene Feindschaft zwischen Washington und Bagdad. Saddam Hussein wird allzu lange falsch eingeschätzt. Von den Irakern selbst, aber erst recht vom Ausland. Sonst hätte man ihn - in Washington, Paris, Moskau und anderswo - wohl nicht so zielstrebig unterstützt. Das Misstrauen gegenüber dem islamischen Regime in Teheran alleine kann nicht das Motiv gewesen sein. Und ohne solche Unterstützung wäre der Diktator kaum so weit gekommen. Die Welt hat ihn dazu gemacht. Saddam wird in seinem Heimatort Tikrit beigesetzt und das Grab ist fast schon zum Wallfahrtsort ehemaliger Anhänger geworden. Amnesty International beklagt unterdessen, dass der Irak seit der Wiedereinführung der Todesstrafe an vierter Stelle der weltweiten Hinrichtungsstatistik rangiert.

Die Redaktion empfiehlt