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Asien

Ein Inferno namens Bagdad

Todesschreie, Trümmer, Flammen: Nach dem schweren Anschlag in Bagdad mit fast 200 Toten will Iraks Premierminister Abadi das Sicherheitskonzept ändern. Noch ein leeres Versprechen? Birgit Svensson berichtet aus Bagdad.

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Bagdad: Verheerendster Anschlag seit Jahren

"Wo ist Karim?", schreit eine schwarz gekleidete Frau verzweifelt. "Wo ist mein Sohn?". Wie ihr erging es vielen an diesem Sonntagnachmittag in Bagdad. Verzweifelt suchten die Menschen in den Trümmern nach ihren Angehörigen. Die Sicherheitskräfte hatten Mühe, sie zurückzudrängen und die Absperrungen aufrecht zu erhalten.

"Ich habe meinen Mann seit zwölf Stunden nicht mehr gesehen", brüllt eine andere Frau ihre Verzweiflung heraus, "seit er zum Einkaufen ging, ist er verschwunden." Das war kurz nach Mitternacht am Sonntagmorgen. Es ist Ramadan, und das Leben in der islamischen Welt spielt sich im Fastenmonat zumeist nachts ab. Die Einkaufsstraße im Stadtteil Karrada war voller Menschen.

Jetzt sitzen manche still am Straßenrand in der sengenden Hitze und schauen fassungslos auf die ausgebrannten Autos, die zerstörten Gebäude und auf die Trümmerteile, die durch die Explosion auf die Fahrbahn geschleudert wurden.

Es war der schlimmste Anschlag in der irakischen Hauptstadt in diesem Jahr: Fast 200 Tote an einem Tag und nahezu 1000 Verletzte. Seit dem Ende des Bürgerkrieges in Bagdad 2008 hat Karrada keine Explosion mehr in einem derartigem Ausmaß erlebt.

Irak Bagdad Anschlag Karrada Einkaufszentrum Trauer Kerzen (Foto: picture-alliance/AP Photo/H. Mizban)

Trauer: Nach dem Anschlag auf das Einkaufszentrum zünden Angehörige Kerzen zum Gedenken an die Toten an

Menschen wie brennende Fackeln

Wie ein Inferno sei es gewesen, erzählen die umstehenden Bewohner. Links und rechts brannten Häuser. Insgesamt zehn Gebäude, die meisten fünfstöckig, eines sogar mit sieben Stockwerken. Sie wurden von der enormen Druckwelle der Explosion erfasst, fingen Feuer oder stürzten ein. Obwohl der Kühltransporter mit der tödlichen Ladung Sprengstoff auf der linken Straßenseite vor einem Restaurant geparkt hatte, als er explodierte, wurden auch die gegenüberliegenden Häuser in Mitleidenschaft gezogen.

Ein Selbstmordattentäter hätte sich vor dem Transporter in die Luft gesprengt und die Explosion ausgelöst, berichten die Anwohner. Der heiße Sommerwind habe dann dazu beigetragen, dass sich die Flammen schnell ausbreiten konnten. Stundenlang habe die Feuerwehr gebraucht, um den Brand unter Kontrolle zu bekommen.

"So muss die Hölle sein", kommentiert ein alter Mann das Geschehen. Denn nicht nur die Gebäude wurden von den Flammen erfasst, auch die Menschen. Wie brennende Fackeln versuchten einige zu fliehen, bis sie vor Schmerzen zusammenbrachen. Manche schafften es nicht mehr, aus den brennenden Gebäuden herauszurennen und wurden in den herunterstürzenden Trümmern begraben.

Deutschland Irakische Ministerpräsident Haider al-Abadi in Berlin (Foto: picture-alliance/dpa/R. Jensen)

Unbeliebt: Der irakische Ministerpräsident Haider al-Abadi genießt wenig Vertrauen bei der Bevölkerung

Die Todesschreie werde er nie vergessen, sagt der Alte, der seit seiner Geburt in Karrada wohnt und das Viertel auch in den schlimmsten Zeiten nicht verlassen wollte. Schon in den drei Bürgerkriegsjahren 2006/07 und 2008, als Sunniten und Schiiten sich gegenseitig umbrachten, erlebte Karrada und seine bekannte Einkaufsstraße "Dakhel" einen Bombenanschlag nach dem anderen. "Aber diese Sprengkraft gab es noch nie", sagen zwei Männer, die mit Schaufeln und Hacken die Betonteile auf der Straße zerkleinern, um sie wegtransportieren zu können. Den ganzen Sonntag über blieb die Einkaufsstraße in Karrada gesperrt, auch am Montag war die Straße für den Verkehr noch nicht frei gegeben.

Politiker pausieren im Ramadan

Als Iraks Premierminister Haidar al-Abadi am Anschlagsort eintraf, um sich ein Bild von der Situation zu machen, flogen Steine auf den Politiker. "Verbrecher!", schrien die Leute ihren Regierungschef an, "alles Verbrecher!". Anstatt sie zu schützen, würde sich die Regierung in Machtkämpfen zerfleischen und in ihre Taschen wirtschaften, ist die einhellige Meinung der aufgebrachten Menge in Karrada.

Tatsächlich ist die angekündigte Umbildung des Kabinetts zur Korruptionsbekämpfung noch immer nicht erfolgt und im Parlament heftig umstritten. Die Regierungskrise schwelt weiter. Während des Ramadan haben sich die meisten Politiker in den Urlaub verabschiedet. Die Ankündigung Abadis, er werde das Sicherheitskonzept für die Hauptstadt ändern, besänftigt daher niemanden.

Seit Monaten ist bekannt, dass die Sprengstoffdetektoren an den Kontrollpunkten wirkungslos sind. "Für die Korruption um diese Dinger wurde bisher kein Iraker zur Rechenschaft gezogen", weiß ein Gemüsehändler, der täglich aus dem Schiitenviertel Sadr City nach Karrada kommt, um seine Waren zu verkaufen und diverse Checkpoints passieren muss. Nach wie vor werden die Geräte dort eingesetzt, schreiten Herren in Uniform angehaltene Autos damit ab, um angeblich Sprengstoff zu entdecken.

Irak Bagdad Anschlag Karrada Einkaufszentrum (Foto: Getty Images/AFP/S. Arar)

In Schutt und Asche: Nach dem Anschlag bergen Feuerwehrleute die Trümmer und suchen nach Überlebenden

Falsche Detektoren

Der Detektor gleicht einer Pistole, deren Lauf eine dicke, metallene Nadel ist. Schon seit 2009 weiß man, dass er völlig wirkungslos ist und alles andere als Sprengstoff aufspürt. Als Golfball-Detektor aus den USA für weniger als 20 US-Dollar (16 Euro) pro Stück erworben, verkaufte sie der britische Geschäftsmann James McCormick für bis zu 40.000 Dollar Stückpreis als Bombendetektoren in Krisenländer weiter. Mehr als 7000 lieferte er an das irakische Innenministerium.

Zwar wurde der Brite im Mai 2013 wegen Betrugs zu zehn Jahren Haft verurteilt, doch eine Untersuchung der Schmiergeldzahlungen an das irakische Innenministerium blieb lediglich ein Lippenbekenntnis. "Die verschaukeln uns", sagt der Gemüsehändler zornig. Auch am Montag sind die falschen Detektoren noch immer im Einsatz.

Am Sonntagabend versammeln sich die Menschen nach dem Fastenbrechen wieder in Karrada Dakhel, bringen Kerzen mit und gedenken der Opfer des Anschlags. Auch die Mutter von Karim ist gekommen. Noch immer werden Leichen geborgen, noch immer herrscht Ungewissheit über den Verbleib vieler Angehörigen, noch immer steigen die Opferzahlen.

Inzwischen hat sich die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) zu dem Anschlag bekannt. "Das war doch klar", sagt ein Mann Mitte dreißig. "Wenn die ihren Staat verlieren, rächen sie sich an uns." Vor zwei Wochen erklärte die irakische Regierung die Rückeroberung der IS-Hochburg Falludscha, nur 50 Kilometer westlich von Bagdad.

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