1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Aktuell Nahost

Mehr als 200 Tote in Bagdad

Die Zahl der Toten und Verletzten nach den Anschlägen in Iraks Hauptstadt steigt weiter. Die jüngsten Bombenattentate waren die blutigsten Attacken der IS-Terrormiliz in Bagdad diesem Jahr. Im Irak herrscht Staatstrauer.

Die Zahl der Todesopfer des Terroranschlags auf ein beliebtes Einkaufsviertel in Bagdad ist auf mindestens 213 gestiegen. Mehr als 300 Menschen seien zudem verletzt worden, einige davon schwer, hieß es aus dem irakischen Gesundheitsministerium. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) bekannte sich in einer Erklärung zu dem Attentat.

Im Stadtteil Karada war am Sonntagmorgen ein mit Sprengstoff beladener Wagen detoniert. Weil viele Iraker während des Fastenmonats Ramadan zum Essen ausgingen und spät Einkäufe erledigten, waren in der Innenstadt von Bagdad noch viele Menschen unterwegs. Mehrere Gebäude wurden schwer beschädigt, stürzten teilweise ein und brannten aus, darunter auch das Einkaufszentrum. Die Zahl der Opfer erhöhte sich mehrfach, weil Helfer weitere Leichen unter den Trümmern bargen und weil Schwerverletzte im Krankenhaus starben.

IS bombt gegen Schiiten

Der IS erklärte, der Anschlag habe sich gegen Angehörige der schiitischen Bevölkerungsmehrheit gerichtet. Die sunnitische IS-Miliz verübt immer wieder Anschläge auf Schiiten. Sie betrachtet diese als Abtrünnige und will die Spannungen zwischen den beiden großen Strömungen des Islams im Irak weiter verschärfen. Schon in der Vergangenheit hatte sich die Miliz zu zahlreichen Attentaten im Irak bekannt. So starben im Mai bei einer Anschlagserie in Bagdad mindestens 86 Menschen.

Helfer bergen einen Toten nach dem Anschlag in einem Einkaufszentrum in Bagdad (Foto: AFP)

Helfer bergen einen Toten: Der Sprengstoffanschlag war der blutigste in Bagdad in diesem Jahr

Ein weiterer Sprengsatz war am Sonntag laut Polizeikreisen auf einem Markt im Schiiten-Viertel Al-Shaab im Norden der Stadt explodiert. Dort habe es mindestens zwei Tote gegeben.

Ministerpräsident ordnet neues Sicherheitskonzept an

Ministerpräsident Haider al-Abadi besuchte die Anschlagsorte und ordnete eine dreitägige Staatstrauer an. Sein Konvoi wurde von wütenden Menschen mit Steinen und Flaschen beworfen. Abadi hatte nach der Rückeroberung der IS-Hochburg Falludscha mehr Sicherheit versprochen, allerdings ist bislang kein Rückgang der Anschläge zu beobachten.

Das zerstörte Einkaufszentrum in Bagdad (Foto: Reuters)

Bild der Zerstörung: Die Wucht der Detonation brachte mehrere Gebäude zum Einsturz

Nun ordnete der Regierungschef neue Sicherheitsmaßnahmen an. So befahl er dem Innenministerium, Fahrzeuge bei der Einfahrt in die Hauptstadt schärfer zu kontrollieren. Außerdem ordnete der den Einsatz neuer Sprengstoffdetektoren an. Die Detektoren, die derzeit von den Sicherheitskräften verwendetet werden, sollen vielfach völlig nutzlos sein. Ein britischer Geschäftsmann hatte sie vor mehreren Jahren an den Irak verkauft. Ferner soll das Sicherheitspersonal an den Kontrollstellen künftig während der Arbeit keine Mobiltelefone mehr benutzen dürfen. Die Aufklärung aus der Luft soll verstärkt werden, die Koordination zwischen Sicherheitskräften in der Hauptstadt verbessert und Kontrollposten neu organisiert werden.

IS-Schläferzellen im Land

Ob das neue Sicherheitskonzept Verbesserungen bringen wird, bleibt abzuwarten. Wegen der vielen Fahrzeuge, die täglich die Stadtgrenzen von Bagdad passieren, dürften solche Anschläge wie der von Sonntag nur schwer völlig vermieden werden können.

Iraks Ministerpräsident Haider al-Abadi (Foto: dpa)

Steht in der Kritik: Der irakische Ministerpräsident Haider al-Abadi

Tatsache ist, dass die Terrormiliz IS nun auch ihre Taktik zu verändern scheint. Der IS versuche, die demütigende Niederlage in Falludscha mit weiteren Attentaten zu vergelten, sagte ein ehemaliger Armee-Offizier in Bagdad. Die Annahme der Regierung, die Anschläge seien bislang nur aus einer Gegend gesteuert gewesen, sei ein Fehler. Es gebe Schläferzellen im Land, die ganz unabhängig voneinander agierten. Nach der Einnahme von Falludscha bringt sich die irakische Armee für den Sturm auf die IS-Hochburg Mossul in Stellung. Mossul gilt als faktische Hauptstadt des IS im Irak.

"Terroristen Einhalt gebieten"

Bundeskanzlerin Angela Merkel verurteilte die Anschläge von Bagdad wie auch den IS-Überfall auf ein Restaurant in Bangladesch, bei dem 28 Menschen getötet wurden. Es gebe keinerlei Rechtfertigung für diese barbarischen, menschenverachtenden Taten. Die internationale Zusammenarbeit müsse weiter intensiviert werden, um den Terroristen Einhalt zu gebieten, erklärte die Kanzlerin. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte, es zeige sich einmal mehr, dass die Terroristen des sogenannten IS nicht davor zurückschreckten, unschuldige Kinder, Mütter und Väter im Namen ihrer hasserfüllten Ideologie zu ermorden.

Das US-Außenministerium sprach von einem "Massenmord" an Unschuldigen, der die Menschenverachtung des IS belege. Die USA setzten weiter alles daran, "die Welt im Kampf gegen das Böse vereinen", den Terroristen die Zufluchtsorte in Syrien und im Irak zu nehmen und ihre globalen Netzwerke zu zerstören, sagte Ministeriumssprecher John Kirby. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini sprach den Angehörigen der Opfer Beileid aus und sagte, der Irak habe die EU im Kampf gegen die sunnitischen Extremisten an seiner Seite.

cw/jj (dpa, afp, rtr)