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Deutschland

Ein "deutscher" Islam?

Die Diskussion über den schwierigen Umgang mit der Türkei ist nun auch auf die Religion übergesprungen. Was lehren ausländische Imame in deutschen Moscheegemeinden? Mit dem deutschen Alltag sind sie nicht vertraut.

Knapp zwei Tage dauerte die Diskussion, dann schaltete sich der türkische Staatspräsident Erdogan ein. Die Türkei, erklärte er, halte zu allen Religionen die gleiche Distanz. "Das ist Säkularismus", sagte Erdogan und positionierte sich damit in der Debatte, die der türkische Parlamentspräsident Ismail Kahraman am Wochenende ausgelöst hatte. Die Türkei sei ein islamisches Land, für das man eine "religiöse Verfassung" schaffen müsse, so sein Befund. Dem erteilte Erdogan nun eine Absage.

Kahramans Wort von der "religiösen Verfassung" fiel zusammen mit einer in Deutschland erneut ausgebrochenen Debatte um die Rolle türkischer Imame an deutschen Moscheegemeinden. Vermittelt über die Ditib - die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. - tun in Deutschland rund 970 solcher Imame in islamischen Gemeinden ihren Dienst.

Losgetreten durch einen Bericht der Tageszeitung "Welt am Sonntag" steht im Mittelpunkt der deutschen Diskussion die Frage, inwieweit der türkische Staat und die regierende AKP auf dem Umweg über die Ditib und die von ihr entsandten Imame politischen Einfluss in Deutschland zu erlangen versuchen.

Eine erprobte Praxis

Hamideh Mohagheghi wissenschaftliche Mitarbeiterin Universität Paderborn (Foto: privat)

"Eine moderne Koran-Interpretation wird kommen": Theologin Hamideh Mohagheghi

Die Ditib sei "nichts anderes als der verlängerte Arm des türkischen Staates. Statt zu einer echten Religionsgemeinschaft zu werden, macht die türkische Regierung die Ditib immer mehr zu einer politischen Vorfeldorganisation der AKP in Deutschland", zitiert die Welt am Sonntag den Grünen-Politiker Cem Özdemir. "Die Türkei", fordert Özdemir, "muss die Muslime endlich freigeben." Missbraucht der türkische Staat also die deutschen Moscheegemeinden?

In der Praxis hätten Moscheegemeinden gar keine andere Möglichkeit, als Imame aus dem Ausland zu holen, sagt die an der Universität Paderborn lehrende Theologin und Religionswissenschaftlerin Hamideh Mohagheghi: "Bislang hat man ja in Deutschland keine Imame ausbilden können. Die Zentren, die jetzt Imame ausbilden, sind sehr jungen Datums. Darum gibt es noch keine Absolventen."

Der rechtliche Rahmen

Auch der rechtliche Rahmen macht es fast unmöglich, die derzeitige Situation zu ändern. Das Grundgesetz garantiert den Religionsgemeinschaften hohe organisatorische Selbstständigkeit. "Jede Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbständig innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes", heißt es im Grundgesetzartikel 137. Das gilt auch für den Islam. Ihn aus politischen Gründen von dieser Regelung auszunehmen, wäre eine rechtliche Diskriminierung.

Umso bedeutender sind die bisherigen Erfahrungen mit ausländischen und speziell türkischen Imamen. Er selbst, sagt Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster, habe mit ihnen bislang keine politisch alarmierenden Erfahrungen gemacht: "Ich sehe gerade bei den Ditib-Imamen keine Hinweise, die darauf deuten, dass ihre Aussagen nicht den Vorgaben der Verfassung entsprechen."

Imame ohne Kontakt zur deutschen Lebenswirklichkeit

Er habe vielmehr eine andere Sorge: "Die meisten dieser Imame sprechen weder Deutsch noch kennen sie die Lebenswirklichkeit der jungen Menschen in Deutschland. Sie sind nicht mit dem Kontext in Deutschland vertraut, in dem viele junge Muslime aufwachsen. Sie sind darum für diese jungen Menschen keine Ansprechpartner."

Er höre oft von jungen Muslimen, dass sie sich in der Moschee nicht zuhause fühlten, da die Imame aus einem völlig anderen Kontext heraus predigten, sagt Khorchide. "Darum bin ich dafür, hier Imame auszubilden, die den hiesigen Kontext kennen und die für eine Theologie stehen, die junge Menschen nicht vor die Wahl stellt, sich zwischen einer Identität als frommer Muslim oder deutscher Staatsbürger zu entscheiden. Sondern die sie dazu ermutigt, beide Identitäten zu leben."

Unaufhaltsamer Wandel

In diese Richtung werde sich der Islam in Deutschland auch entwickeln, sagt die Islamwissenschaftlerin Hamideh Mohagheghi. Ihr Argument: Jede Religion steht in einem kulturellen und lebenswirklichen Kontext. Dessen Einfluss sei erheblich. "Das führt dazu, dass in Deutschland lebende Muslime ihre Glaubensgrundsätze im hiesigen Kontext deuten und entfalten. Das ist unvermeidbar und auch gut so. Denn es zeigt, dass eine Religion dynamisch ist. Sie muss auch dynamisch sein, sonst überlebt sie nicht."

Mouhanad Khorchide (Foto: Marie Coße)

Imame müssen Lebenswirklichkeit deutscher Muslime kennen: Mouhanad Khorchide

Allerdings stünde man noch ganz am Anfang. Der Islam sei erst seit relativ kurzer Zeit in Deutschland - ein knappes halbes Jahrhundert sei für Entwicklungen solcher Art eine relativ kurze Zeit. "Aber es wird eine konstruktive Anpassung geben ohne dass man dafür den Glauben aufgeben muss. Das lässt sich gar nicht aufhalten."

Die Entwicklung gehe allerdings langsam voran, sagt Mohagheghi. Eine ganze Reihe von Muslimen hätten Angst, in diesem Prozess die Tradition und den Glauben zu verlieren. Darum seien sie nicht offen für eine dynamische Theologie, die auch die Lebensrealität der Menschen berücksichtigt.

Darum mühten sich die islamischen Theologen, für moderne Ansätze zu werben. "Wir müssen uns fragen, wie wir diesen lebendigen Zugang zum Koran mit modernen Methoden fruchtbar machen können." Das sei für Theologen eine große Herausforderung. Ansätze für eine kritische Weierführung der islamischen Tradition seien bereits vorhanden, stellt Mohagheghi fest: "Ich hoffe aber, dass sich noch mehr Muslime dieser Richtung anschließen."

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