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Europa

Ein Blick hinter die Kulissen

Erst Hippie, dann Banker, dann Aussteiger: Geraint Anderson bietet Einblicke in das ausschweifende Leben im Londoner Finanzviertel.

Blick auf die Londoner City mit ein paar Baukränen (Foto: picture alliance/photoshot)

Geraint Anderson gibt Einblicke in das Leben in der Londoner City

In der Londoner City herrscht eine gedämpfte Atmosphäre. In der "Fine Line", jener Bar, in der "Cityboy" seine Interviews gibt, herrscht gähnende Leere. Nur in der Ecke sitzt ein junger Mann in Jeans und T-Shirt - und das ist tatsächlich derselbe Typ, der auf einem Musikvideo mit Melone und Nadelstreifen durchs Glastonbury-Festvial stolziert, sich pudelnackt auszieht und seine Klamotten verbrennt.

"Er ist der dreiste Idiot im Maßanzug, der dich in der U-Bahn aus dem Weg schiebt. Der egoistische Witzbold, der auf einer Dinnerparty damit prahlt, wie viel Cash er auf dem Markt gemacht hat; der gierige Wichser, der dazu beiträgt, dass sich die Welt immer schneller in einen Misthaufen verwandelt", liest er aus seinem Buch vor.

Kokain und Edelnutten in der City

Ein Börsenmakler hält die Hände vor sein Gesicht (Foto: AP)

Die Krise trifft auch die Banker hart

Geraint Anderson schreibt in seinem Enthüllungsroman über den "Cityboy": einen flotten Investmentbanker, der von Drogen, Geldgier und gnadenlosem Ehrgeiz angetrieben wird. Sein Alter Ego heißt Steve.

Ohne jede Vorbildung boxt sich "Cityboy" im "City Ranking" bald ganz nach oben. Das bedeutet: hart arbeiten, hart spielen, viel bluffen und Klienten mit Luxuspartys, Kokain und Edelnutten umwerben.

Eigentlich will er nach fünf Jahren aussteigen. Aber das sei nicht so einfach gewesen, sagt Anderson: "Jedes Jahr geben dir die bösen Bosse noch mehr Geld. Allmählich fühlte ich mich wie ein Bankräuber: Nur noch diesen letzten Job, dann höre ich ganz bestimmt auf." Das gehe den meisten Bankern so: "Sie wollen sich mit 35 absetzen, aber eines Tages sind sie 55, haben drei Ehen hinter sich und fünf Kinder. Ich möchte nicht mit 40 aufwachen und denken: 'Oh je, das war aber ein mittelmäßiges Leben'", sagt er.

Vom Analyst zum Kolumnist

Eine Doppelkrise brachte die Erlösung: ein schwerer Verkehrsunfall und eine gescheiterte Beziehung. Anderson schrieb sich seinen Frust in einer anonymen Kolumne im "Londonpaper" von der Seele. Die Gratiszeitung lesen Millionen Pendlern.

Es sind giftig-komische Storys über Insider Trading und Auftritte auf dem Börsenparkett mit so viel Koks in der Nase, dass eine kolumbianische Armee zwei Wochen am Marschieren gehalten werden kann.

Neuer Beruf: Aussteiger

Screenshot der Homepage

Geraint Andersons Internetseite: www.cityboy.biz

Zwei Jahre lang führte Geraint Anderson ein Doppelleben: Nach außen spielte er den unmoralischen Broker, während er sich mithilfe seiner Kolumnen läuterte und vom freien Hippie-Leben träumte. Bevor er kündigte, vergewisserte er sich allerdings, dass auch sein letzter Bonus sicher auf seinem Konto gelandet war: 500.000 Pfund. "Das erfuhr ich am 19. Dezember 2007 an einem Strand in Goa. Ich hatte eine Pina Colada in der einen Hand, ein Handy in der anderen", erzählt er.

Geraint Andersons Ex-Kollegen nennen ihn einen Nestbeschmutzer, weil er den "Zivilisten" ihre Geheimnisse verraten habe. Aber die meisten der so genannten 'Zivilisten' schätzen seine Kolumnen. "In der undurchsichtigen Welt der Hochfinanz spielen moralische Prinzipien nicht unbedingt die wichtigste Rolle. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen", sagt beispielsweise Richard.

Während Banker und Broker um ihre Jobs zittern, reist Geraint nach Indien und freut sich über seine Freiheit. Als Bußmaßnahme hilft er in Kenia am Aufbau einer Schule mit. Und er produziert Musikvideos, in denen er sich lächerlich macht - die Einnahmen spendet er für gute Zwecke.

Autorin: Ruth Rach

Redaktion: Julia Kuckelkorn

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