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Sport

Ein alarmierender Rekord

Gonzalo Higuain, Aushängeschild des SSC Neapel, wechselt für 90 Millionen Euro zu Juventus Turin. Dieser Rekordtransfer öffnet für viele Menschen im Land alte Wunden und stellt auch die Serie A vor Probleme.

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Transferwahnsinn im Profifußball

Der Wechsel des 28-jährigen Argentiniers Gonzalo Higuain lässt die italienische Gesellschaft in zweierlei Hinsicht aufhorchen. Einerseits sehen sich die Klubs der Serie A einem ohnehin schon präsenten und nun weiter wachsenden Ungleichgewicht zwischen "arm" und "reich" entgegen: Mit der Ablöse in Höhe von 90 Millionen Euro, stellt Juventus Turin einen neuen Liga-Rekord auf. Eine Summe, von der fast jedes Team fernab des Klubs aus Piemont nicht einmal träumen kann. Andererseits empfinden, besonders im Süden des Landes, viele Menschen diesen Wechsel als großen Verrat.

Nord- und Süditalien - ein trauriges Gefälle

"Traditore!", rufen die Fans aus Neapel mit Blick auf den Abschied Higuains. Der Begriff steht für "Verräter". Seine Trikots werden öffentlich verbrannt, sein Gesicht aus Plakaten herausgeschnitten. Dabei hätte "El Pipita" [Anm. d. Red: "Das Pfeifchen"], besonders durch seine Leistungen für den Verein, sicherlich einen schöneren Abschied verdient. Doch das Handeln der Fans ist mehr als nur Verärgerung über einen Wechsel des eigenen Spielers. Es ist der unterbewusste Ausdruck einer Frustration über eine erneute Niederlage gegen den Norden. Ein erneutes Indiz für die subjektiv empfundene, immer noch vorherrschende Ungleichbehandlung zwischen Nord- und Süditalien. Während zum Beispiel in Mailand Modemessen stattfinden und in Turin die Automobilindustrie stetig wächst, suchen in Süditalien junge Menschen nach Ausbildungsplätzen. Arbeitslosigkeit, Armut und Kriminalität herrschen im italienischen Teil südlich von Rom vor. Das stößt jenem Teil des Landes böse auf. Die Menschen dort sehen sich seit Jahrzehnten unfair vom Norden behandelt, was einen historischen Grund hat.

Wechsel mit Konfliktpotenzial

Im Jahr 1861 eroberte das Königreich Savoyen-Piemont um Guiseppe Garibaldi den Süden Italiens und erweiterte damit sein Herrschaftsgebiet. Während dieser gewaltvollen Eroberung wurde jener Teil des Landes, der vorwiegend von der Landwirtschaft lebte und den Truppen aus dem Norden folglich unterlegen war, ausgebeutet und geplündert. Bis heute sind die Folgen und eine bedrückende Spannung besonders wegen der angesprochenen Unterschiede zwischen beiden Landesteilen zu spüren. Der Fußball spielt hierbei eine entscheidende Rolle. Er genießt in ganz Italien einen hohen Stellenwert und verkörpert für viele eine Art Machtinstrument. Besonders natürlich im Hinblick auf den erwähnten Konflikt stehen sich mit Juventus Turin und dem SSC Neapel in erster Linie Nord- und Süditalien gegenüber. Es ist in der Folge für die meisten der aufgebrachten Fans ein Schlag mit doppelter Härte: Ihr bester Stürmer, das Idol Gonzalo Higuain, verlässt den Klub. Nicht irgendwohin, sondern zum großen Rivalen nach Turin, Piemont.

Die Serie A auf einem schmalen Grat

Auch in Regionen abseits des Südens, wo die angesprochene Frustration sich besonders auf emotionaler Ebene entfacht, wird der Wechsel von Gonzalo Higuain auch von anderen Vereinen in Italien kritisch beäugt. Sie fürchten einen Durchmarsch der "Alten Dame". Die Mannschaft von Juventus Turin um Trainer Massimiliano Allegri hat ohnehin deutlich mehr Geld in der Kasse als alle anderen Vereine, das vermeintlich beste Stadion und Spieler, die allein schon den Marktwert ganzer Teams in der Liga aufweisen. Juve scheint nun eine Art Monopol auf die Meisterschaft zu haben. Das deutsche Pendant zu den Italienern ist der FC Bayern, und selbst der hat keine vergleichbare Monopolstellung in Deutschland. Sollte sich die bevorstehende Zweiklassengesellschaft wirklich entwickeln, wäre das ein erneuter Tiefpunkt. Es gibt ohnehin genug Baustellen in der Serie A. Ein marodes Stadion folgt auf das nächste. Hier Fanausschreitungen, dort ein Stadionverbot. Und jetzt auch noch eine drohende Konkurrenzlosigkeit in der Liga? Der italienische Fußball bewegt sich auf einem schmalen Grat. Dieser Wechsel ist ein schlechtes, wenn nicht sogar alarmierendes Zeichen für die Liga: Juventus Turin ist auf dem besten Wege, unaufhaltsam zu werden - und das über Jahre. Die Ungleichverteilung des Geldes ist in Italien mehr zu spüren als in anderen Ländern.

Gonzalo Higuain, neuer Spieler von Juventus Turin, wird frenetisch am Flughafen empfangen.

Frenetischer Empfang für Gonzalo Higuain am Flughafen Turin

"Es ist ein Desaster"

Identifikation, Leidenschaft und Treue etwa sind Tugenden, die sich viele Fans des gesamten Sports wünschen. Heutzutage ist das jedoch meist nur noch eine Illusion. Francesco Totti, eines der großen Idole in Italien und seit fast 24 Jahren Spieler des AS Rom, ist einer der letzten jener vermissten "Spezies". Der 39-Jährige ist enttäuscht: "Es ist ein Desaster. Der Fußball hat sich sehr verändert. Der Fokus liegt heute viel mehr auf dem Geld. Es ist Business und nicht mehr Leidenschaft." Was hart klingt, ist die traurige Wahrheit. Der italienische Fußball sieht nun mehr denn je einem entscheidenden Wandel entgegen. Die Serie A, einst bekannt für Glamour, Erfolge und prachtvolle Stadien, hat mittlerweile große Probleme, einen spannenden Wettbewerb aufrecht zu erhalten. Während der "goldenen Jahre", gegen Ende der 1980er-Jahre, wurde der Moment stets gelebt. "La dolce vita" nahmen auch die Vereine wörtlich. Die dadurch fehlende Nachhaltigkeit macht sich heute bei vielen Klubs und auch in der Liga selbst bemerkbar. Mit seinem Wechsel hat Gonzalo Higuain unabsichtlich mehrere Probleme aufgedeckt.

Es ist Ende Juli, Schauplatz ist der Flughafen Flughafen Turin. Die Sonne strahlt am wolkenlosen Himmel. Vor den Terminals versammeln sich hunderte Menschen, um ihren neuen Spieler zu begrüßen. Wenige Augenblicke später erscheint er dann im Blitzlichtgewitter, Gonzalo Higuain. Er winkt in die Menge, hier ein Selfie, dort ein Händeschütteln. Sonnenbrille auf, im Casual-Look, mit einem fast schon schüchternem Lächeln. Jener Mann, der eigentlich nur ein neues, persönliches Kapitel öffnen wollte.

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