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Deutschland

Ein "Adventskalender" für den Ramadan

Der Adventskalender macht Schule: Mit dem sogenannten "Iftarlender" können sich nun auch Muslime auf einen ihrer höchsten Feiertage vorbereiten, dem Fest des Fastenbrechens. Nach 30 Türchen ist es soweit.

"Ich dachte immer: 'Wow, wie alle das schaffen, zu fasten ohne schlechte Laune zu haben'", sagt Nadia Doukali. Die 44-jährige Frankfurterin ist die Erfinderin des sogenannten Iftarlenders, der Muslime durch den Ramadan zum Fest des Fastenbrechens führt. In diesem Jahr findet der Ramadan vom 06. Juni bis zum 04. Juli statt.

Sie selbst hatte immer große Schwierigkeiten, die Fastenzeit, in der Muslime von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang nichts essen und trinken, durchzuhalten. "Gerade am Anfang habe ich mich immer damit beschäftigt, die Stunden zu überwinden und den Bezug zu Gott nicht so einfach gefunden", sagt Nadia Doukali. "Ich wollte einen Anker haben, der mich den ganzen Monat begleitet."

Aus dieser Not heraus erwuchs die Idee für den "Iftarlender". Inspirationsquelle für ihre Erfindung war der deutsche Adventskalender. Doukali übertrug die Vorbereitung auf das wichtigste christliche Fest auf die muslimische Fastenzeit Ramadan.

Nadia Doukali (Foto: Nicola Rehbein)

Ihre Freunde vergleichen Nadia Doukali mit Daniel Düsentrieb, dem Erfinder aus Entenhausen.

So wird im Ramadan jeden Tag nach Sonnenuntergang zum Fastenbrechen, dem Iftar, eines der 30 Türchen des Kalenders, geöffnet. Auf jedem Türchen ist ein Wort auf Arabisch gedruckt. Dahinter verbirgt sich eine Tafel Schokolade mit Dattelstückchen. Dies erinnert an das Gebot, das Fasten mit einer Dattel und - zumindest in arabischen Ländern - einem Glas Milch zu brechen.

Anreiz zur Besinnung

"Viele Muslime fasten, wissen aber gar nicht ganz genau, warum," erklärt Doukali. Sie vergleicht das mit der christlichen Bevölkerung: "Sie wissen auch nicht alle, was Ostern oder Pfingsten bedeuten." Es gehe beim Ramadan nicht nur um die körperliche Entbehrung, sondern auch darum, sich mit dem Islam auseinanderzusetzen. Da möchte sie ansetzen.

Doukali findet, dass die auf arabisch gedruckten Worte auf den Türchen nicht nur für Muslime wichtig sind, sondern auch für Anhänger anderer Religionen und in jedem ethischen Gedankengut eine Rolle spielen. "Das Wort dient zum Gespräch mit mir selbst, mit Gott, mit meinen Kindern, meinem Partner, mit meinen Arbeitskollegen, aber auch mit meinen nicht- oder andersgläubigen Freunden."

Das Wort, das den vierten Tag begleitet, ist "kalam", was grob übersetzt "Wort" bedeutet. "Ich möchte mich damit auseinandersetzen, in schönen Worten zu sprechen", so Doukali. "Was bedeutet mir das Wort? Wie kommt es bei anderen an? Wie kommunizieren wir eigentlich heutzutage miteinander, und wie sollten wir miteinander kommunizieren?", beschreibt Doukali die Leitfragen des Tages. Die 30 Worte habe sie instinktiv ausgewählt.

Abseits von Schema F

Nadia Doukali lässt sich nicht eine Schublade stecken. Geboren wurde sie 1971 in Marrakesch, Marokko. Als Fünf- bis Sechsjährige kam sie nach Deutschland. Ursprünglich ist die dreifache, alleinerziehende Mutter gelernte Sekretärin. Heute schreibt sie Kinderbücher, organisiert Events und erfindet Dinge. "Bei mir geht es immer um Kommunikation und Kreation", beschreibt sie ihre Arbeitswelt.

Vor zwei Jahren kam ihr die Idee zum "Iftarlender". Doch es brauchte Zeit - nicht für die Produktion, sondern um Abnehmer zu finden. "Ich hatte ihn zwei großen Schokoladenherstellern angeboten, doch sie lehnten ab, weil es zu der Zeit mit der Islamophobie in Deutschland sehr schlimm war. Mittlerweile hat man sich da gerührt und Stellung bezogen, auch pro Flüchtlinge."

Iftarlenders Kalender für Ramadan

Türchen für Türchen zum Fest des Fastenbrechens - ein muslimischer Fastenkalender made in Germany

Restlos ausverkauft

Geholfen bei der Umsetzung ihrer Idee hat ihr langjähriger, guter Freund Sebastian Weigelt. Er ist Produktdesigner und Grafiker und ihre linke Gehirnhälfte, wie Doukali sagt. 1000 Stück haben sie produzieren lassen. Ein Fünf-Sterne-Hotel, in dem viele Muslime zu Gast sind, kaufte eine hohe Stückzahl ab, auch einige Supermärkte in Frankfurt nahmen den "Iftarlender" in ihr Sortiment auf.

"Die Neugierde ist da, aber es ist ein Nischenprodukt, und es ist etwas, dass sie noch nicht so greifen können. Man weiß nicht ganz genau, was der Muslim eigentlich haben will", sagt Doukali. Den Rest hat sie online verkauft, jeden Kalender einzeln verpackt und in alle Ecken Deutschlands, aber auch in Nachbarstaaten verschickt. Und alle sind weg.

Bei den Käufern kommt die Idee gut an. Noch immer erreichen sie täglich dutzende Anfragen, ob es noch Kalender gebe. Auch Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats für Muslime in Deutschland mag den "Iftarlender": "Es ist eine sehr liebevolle und gute Idee, die wir als eine sinnvolle Dreingabe für Muslime im Ramadan ansehen," sagt er der DW. So hätten auch Kinder und Jugendliche noch mehr vom Fastenmonat.

Raus aus der Nische

Doch ausgerechnet ihre ursprüngliche Idee, dass sie der Kalender den ganzen Ramadan über begleiten würde, hat sich am Ende zerschlagen. "Es wird mir kein Mensch glauben, aber ich habe keinen Kalender", sagt Doukali lachend. Das letzte Exemplar hat sie einer Frau verkauft, die sie sehr berührt hatte.

Schlimm findet sie das nicht. Sie wisse, wie der Kalender schmeckt und funktioniert. Und wenn in einer knappen Woche der Ramadan beginnt , will sie sich auf ihrer

Facebookseite

sowieso täglich virtuell mit dem Ankerwort auseinandersetzen. Außerdem plant sie für den nächsten Ramadan schon eine Neuauflage - Inshallah, so Gott will.

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