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Filme

Ehrenoscar für Agnès Varda

Dass die Oscar-Akademie ausgerechnet Agnès Varda einen Ehrenoscar verliehen hat, war eine Überraschung. Grund genug, auf das Lebenswerk der Regisseurin zurückzublicken, die sich stets dem Kommerz verweigert hat.

Als Anfang September bekannt wurde, wer in diesem Jahr mit dem Ehrenoscar bedacht wird, stockte manchem der Atem. Die Regisseurin Agnès Varda und die goldene Statuette, die wie kaum ein anderer Preis für Hollywoods Glanz und Glamour steht - wie passt das zusammen? Eigentlich gar nicht. Varda ist Künstlerin und konsequente Autorenfilmerin, die sich stets allen Kinokonventionen verweigert hat. Der Oscar geht zwar auch immer wieder an große Filmkünstler, doch ist der amerikanische Filmpreis in erster Linie eine Ehrung für die englischsprachige Filmwelt, für die großen Stars aus Hollywood, meist auch für kommerziellen Erfolg. Dafür steht Varda nun wahrlich nicht.

Autodidaktin hinter der Kamera

Agnès Varda ist Tochter eines Griechen und einer Französin. Geboren wurde sie in Brüssel. Aufgewachsen ist sie an der südfranzösischen Küste. Sie ist kein Kind des Kinos, sondern der Literatur, der Fotografie und der bildenden Kunst. Sie kam zum Kino mit nur wenig Erfahrung. Als sie 1955 ihren ersten Film "La Pointe Courte" auf die Leinwand brachte, soll sie zuvor erst zehn Filme im Kino gesehen haben. Eher interessierte sie sich für die großen Schriftsteller, Künstler und Fotografen. "Die Fotografie hört nicht auf, mir beizubringen, wie man Filme macht", hat sie später einmal gesagt.

Agnes Varda 1986 (AFP/Getty Images)

Sie war die einzige Frau im Umfeld der Nouvelle Vague: Agnès Varda, hier im Jahre 1986

Und doch: Agnès Varda wurde zu einer Frau des Kinos. Eigentlich wie keine andere in Frankreich, dem Geburtsland des Kinos. Doch sie stand lange im Schatten ihrer männlichen Kollegen, Jean-Luc Godard und François Truffaut, Claude Chabrol, Jacques Rivette und Eric Rohmer. Sie galten als die Revolutionäre des Kinos, als Begründer der berühmten Nouvelle Vague, die zu Beginn der 1960er Jahre für eine Wiedergeburt des französischen Films gesorgt hatte. Von Varda war in diesem Zusammenhang weniger die Rede. Was auch daran lag, dass die 1928 geborene Filmemacherin nicht im Umkreis von Truffaut und Godard verkehrte, die über das Schreiben von Kinokritiken zum Film gekommen waren.

Eine experimentierfreudige Regisseurin

Dabei hätte die Filmgeschichtsschreibung allen Grund gehabt Agnès Varda schon früh zu beachten, schließlich nahm ihr Filmdebüt 1955 vieles vorweg, was ihre männlichen Kollegen ein paar Jahre später in heute berühmten Werken wie "Außer Atem" oder "Sie küssten und sie schlugen ihn" ausarbeiteten: eine unkonventionelle Dramaturgie, filmische Experimente mit Kamera, Schnitt und Montage, ein Zusammenspiel von Spiel- und Dokumentarfilmelementen. "All das Neue, womit die Nouvelle Vague die 'Tradition der Qualität' herausfordern wird, (ist) bereits in Vardas Erstling vorhanden: produktionstechnisch, in der Geisteshaltung und ästhetisch", skizzierten die Kritiker Miriam Fuchs und Norbert Grob später den Werdegang der Regisseurin.

Internationale Filmfestspiele von Cannes - Roter Teppich Visages Villages (picture-alliance/Visual Press Agency/P. Farjon)

In letzter Zeit war Varda oft auf roten Teppichen zu sehen, so auch in Cannes 2017

Und in späteren Jahren wurde Agnès Varda dann auch dazugezählt, wenn von den großen französischen Kinoerneuerern die Rede war - stets mit dem Zusatz: die einzige Frau der Nouvelle Vague. Vielleicht lag es auch daran, dass Varda lange nicht so wahrgenommen wurde: Weil sie eben eine Frau war. Das Schreiben über das Kino war ja auch eher eine Männersache. Das hat sich inzwischen ein wenig geändert. Und so ist auch Varda in den letzten Jahren vielfach ausgezeichnet, geehrt und gefeiert worden.

Ein Oscar für die einzige Frau der Nouvelle Vague

Einen Oscar haben weder Chabrol noch Alain Resnais, weder Rohmer noch Rivette oder die anderen Heroen der Nouvelle Vague erhalten. Einzig Truffaut bekam 1974 einen für seine "Amerikanische Nacht". Jean-Luc Godard wurde 2010 ein Ehrenoscar angetragen. Der bärbeißige Regisseur machte sich allerdings nichts aus der Auszeichnung, reiste nicht nach Los Angeles um sich die Statuette abzuholen: "Eine so lange Reise für ein Stück Metall?" Die damalige Reaktion des Regisseurs ist legendär.

Agnes Varda 2008 (AFP/Getty Images)

Ganz entspannt blickt Varda im Film "Die Strände von Agnès" auf ihr Leben zurück

Wie wohl Varda über den Ehrenoscar denkt? Bekannt ist zumindest, dass sich die Regisseurin in den 1960er Jahren, als sie mit ihrem Mann, dem Regisseur Jacques Demy, einige Jahre in den USA lebte und Filme drehte, beharrlich weigerte kommerzielle Angebote der großen Filmstudios anzunehmen. Varda legte stets allergrößten Wert auf ihre künstlerische Unabhängigkeit. Hollywood wollte ihr das damals nicht gewähren.

Dass nun also die Oscar-Akademie Varda auszeichnet, kann man auch als Zeichen eines Wandels interpretieren. Die Akademie, die alljährlich die goldenen Statuetten verleiht, hat sich in jüngster Zeit nach einigen harschen Vorwürfen, sie sei nicht offen genug für Frauen und schwarze Filmemacher, behutsam verändert. Verdient hat Agnès Varda die Auszeichnung auf jeden Fall.

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