1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

Edward Snowden: Vergessen in Russland

Seit einem Jahr lebt der ehemalige NSA-Mitarbeiter Edward Snowden in Russland. Inzwischen ist der US-Whistleblower von einem Helden zum einfachen politischen Flüchtling geworden, über den kaum noch gesprochen wird.

In Russland wurde Snowden anfangs empfangen wie ein Held. Und nachdem sich herausgestellt hatte, dass eine Weiterreise vom Moskauer Flughafen und ein Asyl in einem anderen Staat bis auf weiteres keine realistische Option war, akzeptierte der Whistleblower das russische Angebot: Er erhielt eine befristete Aufenthaltsgenehmigung, die nun am 31. Juli ausläuft. Eine Entscheidung über eine

Verlängerung

ist noch offen, Snowdens Anwalt zufolge ist sie beantragt worden.

In den russischen Medien wurde anfangs ausgiebig über den Ex-Agenten berichtet. Snowden wurde gelobt für seinen Mut, die US-Geheimdienste herauszufordern. Am 31. Oktober 2013 traf sich der Whistleblower in Moskau mit dem deutschen Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele. Ihm übergab er einen Brief an die deutsche Bundesregierung, das Parlament und die Generalstaatsanwaltschaft. Snowden erklärte sich bereit, Deutschland in Sachen

NSA-Ausspähaffäre

zu helfen.

Hans-Christian Ströbele präsentierte Snowdens Brief in Berlin (Foto: REUTERS/Tobias Schwarz)

Hans-Christian Ströbele präsentierte Snowdens Brief in Berlin

Als die britische Zeitung "The Guardian" und danach auch die Zuschauer des TV-Senders "Euronews" Snowden im Dezember zur "Person des Jahres 2013" kürten, sorgte das in Russland kaum mehr für Schlagzeilen. Zu dieser Zeit war das Thema Ukraine in den Vordergrund gerückt und Snowden stand von da an im Schatten anderer Ereignisse.

Im Frühjahr 2014 erinnerte man sich wieder an ihn. Am 17. April durfte Snowden in einer Live-Sendung dem russischen Präsidenten Wladimir Putin eine Frage stellen. Er wollte wissen, ob es wahr sei, dass auch in Russland persönliche Mails und Gespräche von Millionen von Bürgern abgefangen und analysiert würden und ob solche Eingriffe in das Leben der Menschen überhaupt gerechtfertigt seien. Putin erwiderte, die russischen Geheimdienste würden die Bürger des Landes nicht so massenhaft und unkontrolliert überwachen wie in den USA; und dazu bestünden auch gar nicht die technischen Mittel. Snowden habe sich mit dem Medienauftritt vom Kreml instrumentieren lassen, hieß es damals in kritischen Kommentaren aus dem westlichen Ausland.

Nachlassendes Interesse

Natalia Sorkaja vom russischen Lewada-Forschungszentrum (Foto: DW)

Natalia Sorkaja: Das Interesse der Russen an Snowden ist gering

Inzwischen ist das Interesse an Snowden in der russischen Gesellschaft wiederum nur noch sehr gering. Natalia Sorkaja vom russischen Lewada-Forschungszentrum sagte im Gespräch mit der Deutschen Welle, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit sei seit Monaten so sehr auf die Ereignisse im Osten der Ukraine konzentriert, dass sich an Snowden "wahrscheinlich niemand mehr erinnert".

Auch der Leiter des Moskauer Büros der internationalen Menschenrechtsorganisation Amnesty International, Sergej Nikitin, meint, die russische Gesellschaft stehe Snowden gleichgültig gegenüber. Die russische Staatsmacht habe Snowdens Enthüllungen vor allem für eigene Ziele ausgenutzt. Sogar neue Gesetze, die die Aktivitäten von Internet-Nutzern in Russland einschränkten, seien unter Hinweis auf Snowden gerechtfertigt worden: Die Behörden hätten argumentiert, eine bessere staatliche Kontrolle über das Internet trage auch dazu bei, dass ausländische Nachrichtendienste weniger Informationen gewinnen könnten.

Nur ein einfacher politischer Flüchtling

Dem Direktor des Sacharow-Zentrums Sergej Lukaschewski zufolge habe Russland Snowden vor allem Asyl gewährt, um ihn als "Faustpfand" in der Konfrontation mit den USA zu nutzen. Russland habe sich gegenüber den USA als Anwalt der Menschenrechte positionieren wollen. Das persönliche Schicksal Snowdens habe im Kalkül des Kremls aber nie eine Rolle gespielt, so die Einschätzung von Lukaschewski. Snowden sei in Russland inzwischen kein Held mehr, sondern nur noch ein "einfacher politischer Flüchtling" - und das in einem Land, dessen Führung sein Verständnis von einem freien Internet gar nicht teile.

Die Redaktion empfiehlt