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Gastkommentar zur Bundestagswahl

Ece Temelkuran: Ein Wahlkampf, der nicht nur aus infantilen Phrasen besteht

In Deutschland haben Wörter und Ideen eine hohe Bedeutung. Deswegen ist selbst der Wahlkampf hier eine Wohltat gegenüber vielen anderen Ländern, meint die türkische Schriftstellerin und Journalistin.

Der Klang der deutschen Sprache ist nicht wirklich zum Verlieben schön. Mit ihren verteufelten Artikeln schreckt sie den Fremden. Wenn man jedoch anfängt, die Großen aus Politik und Literatur zu entdecken, die über Jahrhunderte in ihrer deutschen Sprache die Welt geprägt haben, dann kann man die Vorzüge dieses Idioms begreifen. Es scheint den Verstand in die Lage zu versetzen, das menschliche Befinden zu formen. Als würde die Lego-artige Bausteinlogik die Schranken der Semantik aufheben und dem menschlichen Hirn unendlichen Raum verschaffen.

Vielleicht erklärt das, warum im deutschen Wahlkampf Wörter und Ideen immer noch Bedeutung haben - im Gegensatz zu den Wahlkämpfen, wie wir sie in anderen westlichen Ländern und der Türkei erlebt haben. In der Türkei liegen diese Zeiten schon lange zurück, uns bleibt nur die süße Erinnerung.

Aufschauen zu einem freien Wahlkampf

Als Angela Merkel von der CDU und ihr SPD-Herausforderer Martin Schulz vor einigen Wochen ihr TV-Duell bestritten, kommentierten viele gebildete Türken dieses Ereignis auf Twitter. Leider ist dies der letzte freie Marktplatz der Meinungen, der den Türkischsprachigen geblieben ist. Jedenfalls schwelgte man gemeinsam in Erinnerung an die Zeit, als auf türkischen Kanälen der faire Austausch politischer Ansichten noch gang und gäbe war.

Ich vermute, dass nicht nur die Türkei aufschaut zur Art und Weise, wie in Deutschland Wahlkampf gemacht wird. Schließlich leben wir in einer Welt, in der der Anführer der des mächtigsten Landes über einen Wortschatz von etwa 70 Begriffen verfügt.

Die Weltpolitik wird heute von einem schizophrenen Diskurs verunstaltet, der den Türken schon seit einem Jahrzehnt bekannt ist. Die politische Sprache wird dabei degradiert auf das Vokabular der Massen. Es bleibt immer weniger Raum für den gesunden Menschenverstand. 

Intellektuelle in infantilen Dialogen

Die Intellektuellen dieser Welt finden sich, Zeitgeist und Social Media sei Dank, immer stärker in einer Masse von wortarmen Gladiatoren in der Kampfarena wieder. Sie sind nicht länger "coole" Denker und Redner. Sie stehen mit den weniger Gebildeten auf einer Stufe und sind deshalb gezwungen, die falschen Fragen der Massen zu beantworten. 140 Zeichen sind die Pfeile, die auf sie geschossen werden. Ideen und Fakten sollen nur Aufmerksamkeit erzeugen in einem sozialen Raum, in dem sich jeder selbst per Selfie betrachtet.

In dieser Welt, in der die Intellektuellen sich dazu herablassen, am semantischen Straßenkampf teilzunehmen, sind alle einem politischen Denken unterworfen, das man wohl getrost als kindisch bezeichnen kann. Schließlich haben Millionen dafür gestimmt Großbritannien und Amerika wieder "großartig" zu machen. Politiker können die Massen anscheinend allein mit dem Wort "großartig" begeistern.

Auch die deutsche Politik ist dem Druck dieser Infantilisierung ausgesetzt. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan versucht immer wieder, Wahlen von außen zu beeinflussen. In Deutschland hat er seine Anhänger aufgefordert, nicht für die "Feinde der Türkei" zu stimmen. Ein unverhohlener Aufruf, für die Partei der Erdogan-Unterstützer ADD zu stimmen. So gut wie sonst nirgends weiß man in Deutschland, dass Freund-Feind-Denken dem menschlichen Geist schadet und dass diese Primitivität die politische Sphäre verkleinert.

Wahlkampf mit Erdogan in Westeuropa

Im Gegenzug wurden wir bei den Wahlen in Frankreich und den Niederlanden Zeuge, wie die späteren Regierungschefs dank Erdogans Hilfe im Wahlkampf punkten konnten. Emmanuel Macron und Mark Rutte sind nicht zuletzt auch deswegen gewählt worden, weil sie Erdogan zum Thema ihres Wahlkampfes gemacht haben. Doch haben Siege dieser Art ihren Preis.

Unglücklicherweise wurde diese Art des politischen Diskurses einst begrüßt und deswegen ist nun nicht leicht, sie wieder zu verdrängen. Deswegen ist es die wichtigste und schwerste Aufgabe für den Wahlsieger - ob es nun Angela Merkel oder Martin Schulz sein mag - die deutsche Sprache und Politik vor diesem infantilen Trend zu schützen.

Und diese Aufgabe verlangt weitaus mehr, als nur den Eindruck zu erwecken, man habe keine Angst vor Putins Hund oder ein irritiertes Gesicht in Erdogans verschwenderischem Palast zu machen, wie Angela Merkel es getan hat.

Große Denker und widersprüchliche Politik

Viel wichtiger ist: Weil ich weiß, dass einige der größten Denker der Menschheit in deutscher Sprache gedacht haben, darf ich weiter annehmen, dass die deutsche Regierung besseres leisten könnte, als in der Türkei Menschenrechtsverletzungen anzuprangern, während sie gleichzeitig Waffengeschäfte mit dem Land abschließt.

Ich bin bei meinen Lesereisen immer begeistert, wie still das deutsche Publikum ist und wie aufmerksam es über 30 lange Minuten zuhört. Unter all den Ländern, in denen meine Bücher veröffentlicht werden, ist es Deutschland, wo ich das Gefühl habe, dass jedes meiner Worte gehört und verstanden wird. Diese wunderbare Stille ist nicht meinem Talent geschuldet, sondern es ist die einzigartige Fähigkeit der deutschen Leser, Worte zu wertschätzen. Während die Welt und die Politik immer "wortloser" werden, der politische Lärm immer weniger wirkliche Ideen enthält, ist Deutschland eine der letzten Festungen, in der man sich auf Worte und damit die menschliche Fähigkeit zu denken, verlassen kann. Wäre unsere Welt die Insel in William Goldings "Herr der Fliegen", dann wären deutsche Politiker die Ralphs im Kampf gegen die Jacks unserer Zeit.

 

Ece Temelkuran, Jahrgang 1973, ist eine türkische Juristin, Journalistin und Schriftstellerin. Für ihre journalistische Arbeit erhielt sie schon zahlreiche internationale Preise. Seit Ende 2016 lebt sie im Exil in Kroatien, um Repressionen in der Türkei zu entgehen.

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