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Nahost

Drehscheibe des Terrors

Einer der Attentäter von Paris wurde im Jemen ausgebildet. Das Land im Süden der arabischen Halbinsel ist für die Terrororganisation ein sicheres Rückzugsgebiet. Die dortige Zelle ist eine der aktivsten überhaupt.

Anhänger der Al-Kaida auf der arabischen Halbinsel Jemen, 24.4.2013 (Foto: EPA)

"Kein Gott außer Allah": Al-Kaida-Anhänger bei einem Gerichtsprozess in Sanaa

Die Angriffe seien ein Racheakt gewesen. Unternommen, um die Ehre des Propheten wiederherzustellen. So erklärt die Terrororganisation "Al-Kaida auf der arabischen Halbinsel" (Al-Qaida in the Arab Oeninslua, AQAP) in einem am Freitag (09.01.2015) veröffentlichten Video den Terror von Paris. Zugleich drohte sie mit neuen Attentaten. Frankreich, heißt es im Video, gehöre zu den führenden Kräften des Unglaubens. "Es beleidigt die Propheten, setzt die Religion herab und bekämpft die Gläubigen".

Am Freitag hatte Chérif Kouachi, einer der Attentäter von Paris, dem französischen Sender BFMTV erklärt, er sei von AQAP beauftragt worden, den Anschlag durchzuführen. Die Organisation habe den Angriff auch finanziert.

Digitaler Dschihad

Sowohl französische als auch amerikanische Dienste bestätigen zwar,

dass Chérif Kouachi sich in einem Terrorcamp im Jemen ausbilden ließ

. Ob der Kontakt aber wie behauptet tatsächlich bis zum letzten Moment bestand, ist derzeit noch offen.

Ein Terrorkonvoi nach einem Drohnenangriff nahe Sanaa, 12.12. 2013 (Foto: dpa)

In ihrer Wirksamkeit umstritten: Drohnenangriffe, hier auf einen Terror-Konvoi nahe Sanaa

Tatsache ist dagegen, dass sich der Name von Stéphane Charbonnier, einem der getöteten Zeichner von "Charlie Hebdo", auf einer einem amerikanischen Fahndungsplakat nachempfundenen Liste befand, die das dschihadistische Internetmagazin Inspire im März 2013 veröffentlichte. Inspire wird vermutlich von AQAP herausgegeben. Ihm und anderen "Gesuchten" wurde ein kruder Vorwurf zur Last gelegt: "Crimes against Islam".

Das grafisch attraktiv gestaltete Magazin, das auch Anleitungen zum Bombenbau veröffentlichte, geht vermutlich auf den radikalen Prediger Anwar Al-Awlaki zurück. Al-Awlaki war US-amerikanischer Staatsbürger jemenitischer Herkunft. Seine Aufgabe war es, junge Muslime für Al-Kaida zu rekrutieren. Dafür setzte er vor allem auf digitale Medien. Er hatte einen eigenen Blog, war in sozialen Netzwerken aktiv und stellte Videos ins Internet. 2004 zog der im US-Bundesstaat New Mexiko geborene Al-Awlaki mit seiner Familie in den Jemen. Im März 2010 rief er zum "Heiligen Krieg" gegen die USA auf. Im September 2011 starb er bei einem amerikanischen Drohnenangriff.

Nährboden für Terror

AQAP entstand im Jahr 2009 durch den Zusammenschluss der Al-Kaida-Ableger in Saudi-Arabien und im Jemen. Die im Jemen operierende Gruppe gilt als besonders aggressiv. Auf ihr Konto geht etwa der Sprengstoffangriff auf den im Hafen von Aden vor Anker liegenden amerikanischen Zerstörer USS Cole im Oktober 2000. Acht Jahre später griff die Gruppe die US-amerikanische Botschaft in Sanaa an - 16 Menschen starben. AQAP steht auch hinter dem misslungenen Anschlag auf den Northwest-Airlines-Flug 253 im Dezember 2009.

Anschlag auf eine Huthie-Versammlung in Sanaa, 05.01.2015 (Foto: Reuters)

Nahe dem Bürgerkrieg: Anschlag auf eine Huthie-Versammlung in Sanaa

Der Jemen ist eines der ärmsten arabischen Länder. Das Land leidet unter großer Wasserknappheit. Gut 40 Prozent der rund 23 Millionen Jemeniten gelten als unterernährt. Die Korruption ist epidemisch. Die Spaltung zwischen dem Norden und Süden des Landes ist auch ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung von 1990 nicht restlos aufgehoben. Besonders die Bewohner des Südens leiden unter Armut.

Zugleich ist der Staat schwach. Insbesondere seit dem Rücktritt der Regierung Salih im Februar 2012 kann er seine Autorität nicht mehr im gesamten Staatsgebiet durchsetzen. Im schwer zugängigen Hinterland hat AQAP darum ein sicheres Rückzugsgebiet.

Drohnenangriffe von fraglichem Nutzen

Mit Unterstützung der USA versucht die jemenitische Regierung Al-Kaida zurückzudrängen. Die USA setzen dabei vor allem auf Drohnen. Das "Bureau of Investigative Journalism" zählt für die Jahre 2002 - 2014 rund 80 bestätigte Drohnenangriffe. Dabei kamen zwischen bis zu 541 Personen ums Leben, darunter bis zu 83 Zivilisten, davon sieben Kinder. Bei weiteren, unbestätigten Angriffen könnten noch einmal bis zu 900 Menschen gestorben sein - unter ihnen bis zu 100 Zivilisten.

Die Drohnenangriffe konnten AQAP bislang nicht allzu viel anhaben. Womöglich, fürchten Kritiker, wirken sie darum kontraproduktiv: Der Tod so vieler Zivilisten könnte der Terrororganisation leicht weitere Anhänger in die Arme treiben.

In die Hände spielt AQAP auch der Umstand, dass sich viele sunnitische Jemeniten durch den Aufstand der schiitischen Huthies bedroht fühlen. Diese rücken aus ihren angestammten Gebieten im Norden des Landes immer weiter in Richtung Süden vor. Dort stoßen sie mit Al Kaida-Kämpfern zusammen. Im Oktober 2014 zündete ein Selbstmordattentäter inmitten einer Huthie-Versammlung eine Bombe. Rund 50 Menschen starben.

Kämpfer der Al-Shabab-Miliz, 1.1. 2010 (Foto: dpa)

Unterstützer aus Somalia: Kämpfer der "Al-Shabab"-Miliz

Der Vormarsch der Huthies

zwingt immer mehr Menschen zur Flucht. Derzeit geht das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen von rund 365.000 Binnenflüchtlingen aus. Auch aus ihrem Heer könnten sich Al Kaida rekrutieren. Ebenso könnten ihr die engen Verbindungen zur somalischen Al-Shabab-Miliz neue Anhänger bescheren. So wird der Jemen zur Drehscheibe des Terrors.

Neue Strategie

Längst hat sich auch die Taktik von Al-Kaida geändert. Ihren Anhängern empfiehlt sie anstatt größerer, schwer zu realisierender Anschläge Attentate des kleineren Maßstabs. "Die Verbrechen der westlichen Staaten - unter ihnen Amerika, Großbritannien und Frankreich - werden tief auf ihr eigenes Terrain zurückwirken", heißt es in der jüngsten Ausgabe von Inspire. Inspire ermutigt zu Angriffen auf westliche Ziele. Möglichst in Amerika. Ansonsten Großbritannien oder Frankreich. Dort schlugen Attentäter diese Woche zu. Für Al-Kaida,

die sich zuletzt immer größerer Konkurrenz durch den "Islamischen Staat" ausgesetzt sah

, ist das Attentat nicht zuletzt ein propagandistischer Coup.

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