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Wirtschaft

Dreh an der Zinsschraube

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Leitzins zwar gesenkt, jedoch geringfügiger als von vielen Investoren in Europa erwartet worden war. Deshalb schickten sie die Aktienkurse abwärts.

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EZB-Präsident Duisenberg handelt

Vor dem Hintergrund der schwachen Konjunkturlage und der Unsicherheit wegen des Irak-Konflikts hat die EZB ihre Leitzinsen zum zweiten Mal innerhalb von drei Monaten gesenkt. Wie die Notenbank am Donnerstag (6.3.2003)
in Frankfurt am Main mitteilte, verminderte sie den maßgeblichen Zinssatz um 0,25 Prozentpunkte auf 2,5 Prozent.

Die Signale des Präsidenten der Europäischen Zentralbank(EZB) Wim Duisenberg für eine Senkung des Zinssatzes waren in den vergangenen Wochen bereits immer deutlicher geworden. Wiederholt betonte er, dass eine Erholung der Konjunktur nicht in Sicht sei. "Wann es genau eine Wende zum Besseren gibt, ist derzeit schwer zu bestimmen", so Duisenberg kürzlich. Die EZB rechnet zwar weiterhin mit einer Belebung des Wachstums, ihre offizielle Erwartung von 1,1 bis 2,1 Prozent Wachstum für 2003 will sie aber nach unten korrigieren.

Enttäuschung

Die Mehrheit der Volkswirte zweifelte deshalb nicht daran, dass die EZB auf ihrer turnusmäßigen Sitzung am Donnerstag (6.3.2003) die Zinsen senken würde. Die Frage war nur, um wie viel. Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters im Vorfeld der EZB-Sitzung hatten 23 Experten eine Senkung um 50 Basispunkte prognostiziert, 14 hatten mit einer Reduzierung um 25 gerechnet.

Die Zinssenkung fiel somit geringer aus als von vielen Experten erwartet. Dementsprechend enttäuscht zeigten sich die Investoren an Europas Börsen. Der Euro Stoxx 50 Index für die 50 größten Aktiengesellschaften der Eurozone sank bis zum Nachmittag um eineinhalb Prozent auf 2047 Zähler. Vormittags hatte der Index noch in den schwarzen Zahlen gelegen. Auch der Deutsche Aktienindex DAX knickte nach der Entscheidung der EZB ein und verringerte sich um knapp zwei Prozent auf 2448 Punkte.

Optimismus durch Zinssenkung

Europäische Zentralbank

EZB-Zentral in Frankfurt am Main

Die Lage in der Eurozone ist ernst: Angesichts eines drohenden Irak-Kriegs ist das Stimmung in der Wirtschaft auf einem Tiefpunkt. Mit der Zinssenkung will die EZB Verbraucher und Investoren dazu animieren, wieder mit mehr Zuversicht in die Zukunft zu schauen.

Mancher Experte zweifelt allerdings, ob die Zinssenkung nicht zu früh kommt. Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim sagte im Gespräch mit DW-WORLD, die EZB hätte ihr Pulver bis zu einem Kriegsausbruch trocken halten sollen. Erst dann sei es angebracht, dieses Instrument einzusetzen. Dann wäre sogar eine vorübergehende drastische Senkung um bis zu einen Prozentpunkt angemessen, unter der Voraussetzung, dass diese nach dem Ende eines Waffengangs wieder zurückgenommen wird, sagte Heinemann.

Zeitpunkt umstritten

Auch für Boris Hofmann, Volkswirt im Zentrum für Europäische Integrationsforschung (ZEI) in Bonn, kommt die Senkung zu früh: "Der positive Effekt könnte verpuffen." Eine Zinssenkung sei nur bei einem Waffengang mit dem Irak erforderlich, sagte Hofmann zu DW-WORLD.

Nach den Maßstäben, die sich die EZB selbst gesteckt hat, sei eine Zinssenkung derzeit nicht geboten, so Hofmann. Mit 2,3 Prozent liege nämlich die Inflationsrate in der Eurozone über der Stabilitätsgrenze von zwei Prozent. Diese Furcht teilt die EZB jedoch nicht. Ihr liegt die Konjunktur derzeit mehr am Herzen als die Geldstabilität. Der Inflationsdruck sei ohnehin gering, heißt es aus der EZB. Sie geht davon aus, dass die Inflationsrate in diesem Jahr noch unter zwei Prozent fallen wird. Dieser Prozess wird momentan allerdings durch den hohen Ölpreis behindert.

Schwacher Dollar, starker Euro Die Wirkung einer Zinssenkung darf nicht überschätzt werden, mahnen Experten. So wurde die letzte Senkung im Dezember 2002 von der Kreditwirtschaft wegen der Bankenkrise nur mit langer Verzögerung an die Privatkunden weitergegeben. Auch ob die Senkung des Leitzinses die jüngste Aufwertung des Euros gegenüber dem Dollar bremsen kann, ist umstritten. Der Euro erreichte Donnerstag mit 1,10 Dollar den höchsten Stand seit vier Jahren. Geschürt wird diese Entwicklung auch durch das hohe Defizit in der Leistungsbilanz der USA. Das bedeutet, dass die Amerikaner mehr verbrauchen, als sie selbst erwirtschaften. Dadurch wird der Dollar zusätzlich geschwächt, der Euro steigt.

Noch ist der Euro-Stand keine ernste Gefahr für die Volkswirtschaften der Eurozone. Auf eine weitere Aufwertung sind sie nach Ansicht Heinemanns allerdings nicht vorbereitet. "Die hohen Tarifabschlüsse, Steuern und Sozialabgaben führen zu einem enormen Kostendruck im Innern", meint der Experte im Hinblick auf Deutschland. Deshalb könne sich der starke Euro über kurz oder lang negativ auf Exporte auswirken. Heinemann fordert darum grundlegende Reformen, wie die Deregulierung des Arbeitsmarktes. Dies würde sich viel positiver auf die Wirtschaft auswirken als der Dreh an der Zinsschraube.

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  • Datum 06.03.2003
  • Autorin/Autor Steffen Leidel
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