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Kunst

"Dom wie ein Fels in der Brandung": Philipp Geist über seine Kölner Silvester-Installation

Mit seinen Installationen aus Video, Nebel und Musik ließ Philipp Geist berühmte Museen, Kirchen und Denkmäler in aller Welt in neuem Licht erstrahlen. Zu Silvester ist die Kölner Domplatte dran - keine leichte Aufgabe.

DW: Herr Geist, die Kölner Domplatte ist seit den Vorfällen in der Silvesternacht im letzten Jahr ziemlich in Verruf geraten. Welchen Stellenwert schreiben Sie Ihrer Installation auf der Domplatte und den umliegenden Plätzen vor diesem Hintergrund zu?  

Philipp Geist: Das ist sicherlich eine große Herausforderung, aber ich denke, auch die richtige Antwort, mit einem Kunstprojekt auf die schrecklichen Ereignisse vom letzten Jahr zu reagieren. Die begehbare Projektion lädt Menschen dazu ein, Teil zu werden. Derzeit senden mir die Leute ihre Wörter zu, die ich dann in die Installation einarbeite. Diese Integration der Kölner ist die ideale Antwort auf das, was letztes Jahr passiert ist und ich freue mich auf ein tolles Projekt.

Kristallisieren sich bereits bestimmte Themen bei all den eingesendeten Begriffen und Wünschen heraus?

Es ist schon so, dass viele auch einen Zusammenhang zum letzten Jahr haben. Häufig kommen die Wörter "Frieden", "Menschenrechte", "Völkerverständigung", "Hoffnung", "Liebe", "Licht" oder der Slogan "Kein Mensch ist illegal". Aber auch negativere Wörter wie "Sorge" oder "Krieg" habe ich erhalten. Auch sie können in meiner Installation vorkommen. Hassparolen habe ich aber tatsächlich keine erhalten.

Deutschland BdT - Projekt Time Drifts Cologne (picture-alliance/dpa/Foto: Philipp Geist/VG Bildkunst Bonn 2016)

Die Menschen sollen sich in der Lichtinstallation bewegen und Teil des Flusses aus Wörtern werden

Die Begriffe, Zeichen, Farben und Formen projizieren Sie lediglich auf die Platzflächen vor dem Domportal, den Dom selbst sparen Sie aus. Warum wird der Sakralbau nicht auch beleuchtet? Das könnte immerhin sehr spektakulär aussehen.

Als Antwort auf das letzte Jahr fände ich eine Projektion auf den Dom unangebracht. Das hat dann einfach zu sehr den Beigeschmack von "die eine Religion gegen die andere Religion", da besteht die Gefahr, dass man das zu sehr in einen religiösen Kontext stellt. Der Dom ist einer meiner Lieblingsgebäude in Deutschland. Er ist einfach unglaublich schön, von innen wie von außen, wie er nachts beleuchtet ist. Er wird daher beleuchtet sein wie immer und dann quasi wie ein Fels in der Brandung aus der Installation herauswachsen. Das war auch von Veranstalterseite von vornherein klar, den Dom nicht ins Zentrum zu stellen - zumindest nicht mit einer direkten Projektion auf ihn.

Collage Time Drifts Cologne (Philipp Geist)

"Time Drifts Cologne" ist ein Mitmachprojekt - bereits im Vorfeld: Die projizierten Begriffe, Wünsche und Wörter wird Geist aus den Zusendungen auswählen

Das Projekt "Time Drifts" realisieren Sie nicht zum ersten Mal. Dabei gehen Sie auch immer selbst durch die Installation. Was ist das Faszinierende dabei? 

Zum einen empfinde ich hierbei eine große Dankbarkeit, dass ich das machen kann und darf. Und natürlich beobachte ich die Reaktionen, sehe, wie Menschen ganz konzentriert sind und eintauchen in die Projektion, ein Teil von ihr werden. Das ist etwas Besonderes. Toll ist auch, wenn sich dann Menschen auf den Boden legen, sich Menschenpyramiden bilden oder tanzen, wie bei früheren Installationen.

Genau das ist das Interessante an Projektionen im öffentlichen Raum und gerade auch auf einem Ort wie der Domplatte. Wenn jemand, der seit 70 Jahren in Köln lebt, diesen Ort noch nie so gesehen hat, dann wird derjenige mit der eigenen Geschichte und mit dem Ort unmittelbar konfrontiert, dann sind das tolle Momente, wenn diese Leute auf einen Ort, den sie bestens kennen, plötzlich ganz anders reagieren.

Wie viel machen Sie eigentlich live vor Ort, wie viel ist Vorbereitung?  

Im Großen und Ganzen muss man sich das so vorstellen, dass ich im Vorfeld einen längeren Film entwickle, der genau auf die Architektur der jeweiligen Fassaden angepasst ist. Davon ausgehend kann ich die bestehenden Einzelbausteine live vor Ort weiterentwickeln. Und das werde ich auch in Köln machen. Die Architektur, der Ort, die Beleuchtung, die Menschen - das Zusammenspiel erzeugt viele verschiedene Perspektiven und die Installation wird so zu einem immersiven Raum.

Iran deutscher Künstler Philipp Geist (2015 Philipp Geist/VG Bildkunst Bonn)

Lichtkünstler Philipp Geist bei einer Lichtinstallation 2015 in der iranischen Hauptstadt Teheran

Der Erfolg eines Theaterstücks lässt sich an den Besucherzahlen messen oder daran, ob es tosenden Applaus oder Buhrufe gibt. Wann können Sie über Ihre Installationen sagen: "Das war ein Erfolg!" 

Zunächst wenn sie überhaupt von einigen Leuten gesehen wurde und dann diejenigen, die da waren, für sich selbst etwas mitnehmen - eine Erinnerung, die Erfahrung, sich in einem solchen Lichtraum zu bewegen. Ich würde mir wünschen, dass sich die Menschen dadurch inspiriert fühlen. Für mich persönlich, als Künstler, ist die Installation gelungen, wenn ich sie so hinbekommen habe, wie ich sie mir vorgestellt habe. Ich bin dann zufrieden, wenn ich weiß, ich habe das maximal Mögliche aus mir herausgeholt.  

Gibt es einen Moment, den Sie im Rahmen des künstlerischen Entstehungsprozesses ganz besonders mögen? 

Das Spannendste ist, wenn man die Projektion anschaltet und zum allerersten Mal sieht, wie es vor Ort aussieht. Das ist der schönste Moment. Man stellt sich die Installation vor, entwickelt Collagen, hat durch viele Jahre Erfahrung ein klares Bild, wie so etwas aussieht. Aber es ist immer noch mal etwas Anderes, wenn man sie dann tatsächlich vor Ort anschaltet.

Die Lichtinstallation von Philipp Geist startet am 31. Januar 2016 bei Einbruch der Dunkelheit. Im Rahmen von "Time Drifts Cologne" gibt es großflächige Bodenprojektionen auf der Domplatte West und dem Roncalliplatz zu sehen. Die Fassaden des Römisch-Germanischen Museums sowie des Domforums taucht Geist inVideo-Mapping-Installationen. Die Fassaden verwandeln sich dadurch in bewegte, malerische Lichtskulpturen. 

Das Interview führte Bettina Baumann.

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